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Spaß nicht nur um des Spaßes Willen

Der Satiriker und Europa-Parlamentarier Martin Sonneborn, war der Star in Hörsaal 25

Tübingen. „Die Anschläge von Paris haben uns 2000 neue Abos gebracht“, sagte Martin Sonneborn. Dann ging für eine Minute das Licht im Saal aus. Es war aber nur ein technischer Defekt, kein Vorbote einer Bombe.

10.07.2015
  • Peter Ertle

Der Notarzt, der am Ende kam, kümmerte sich nur um jemand, der umgekippt war. Fast wäre man mit umgekippt. Drinnen hockte noch die Hitze der vergangenen Hundstage, multipliziert von menschlicher Ofenwärme, Hörsaal 25 war mit weit über 600 Zuhörern hoffnungslos überfüllt, der Auftritt des Europaabgeordneten von der Partei „Die Partei“ wurde auch noch in einen anderen Raum übertragen.

Der Satiriker und Europa-Parlamentarier Martin Sonneborn, war der Star in Hörsaal 25
Waren es seine Auftritte in der Heute-Show, die Martin Sonneborn so viel Popularität verschafften? Mancher Poetikdozent wäre neidisch... Bilder: Sommer

Um Aufklärung geht es in der Studium-Generale-Reihe, Sonneborn lief außer der Reihe, ein Extra. Aber um Aufklärung ging es Jürgen Wertheimer schon, zumindest um Aufklärung darüber, was es mit Sonneborns Satire auf sich hat. Also probierte der Professor auch manches aus dem akademischen Handwerkszeug: Ist Sonneborn – wie eine berühmte Definition das jedem Satiriker nachsagt – ein gekränkter Idealist? „Das merke ich mir für meinen Lebenslauf“, entgegnete Sonneborn und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Wie wär‘s mit: „Überzeichnung der Wirklichkeit?“ Auch darauf stieg der Satiriker nicht ein. Wiewohl er sicher hätte können, immerhin hat er 15 Semester studiert und seine Magisterarbeit über die satirische Monatszeitschrift „Titanic“ geschrieben, der er später einige Jahre angehörte, und heute, herausgeberisch, immer noch.

Ja zu Europa, nein zu Europa

Wertheimer, der es angesichts seines Gasts nicht zu akademisch halten und ihm Raum für seine Performance geben wollte, hielt sich etwas zurück, woraufhin Sonneborn einmal wähnte der Professor sei eingeschlafen. Der beteuerte, hellwach zu sein und skizzierte sein Dilemma: Schalte er sich zu oft ein, schriebe die Zeitung, er dränge sich zu sehr in den Vordergrund, mache er nichts, hieße es, er sei apathisch. Das stimmt. Uns kann man es nicht recht machen. Den Zuhörern war dagegen alles sehr recht an diesem Abend. Vor allem Sonneborns Einblicke in seinen Alltag als Europaparlamentarier.

Der Satiriker und Europa-Parlamentarier Martin Sonneborn, war der Star in Hörsaal 25
Martin Sonneborn, Einkommen: 33 000 Euro im Monat.

Sonneborn sitzt da in einem sehr interessanten Eck zwischen Rechtsradikalen, Linksradikalen, Judenhassern, Frauenverachtern. 33 000 Euro im Monat bekommt er. Gut, davon muss er noch einen depressiven Redenschreiber und einen Assistenten bezahlen. Trotzdem fürstlich viel Geld. Dafür gängelt man ihn aber ein bisschen, das heißt, man drängt ihn zu diversen Abstimmungen und gemäß des Parteiprogramms „Ja zu Europa nein zu Europa“ stimmt er abwechselnd mit Ja oder nein. Als radikale Minderheit gebe seine Stimme eh keinen Ausschlag, sagt er entschuldigend, außerdem sei das Parlament sowieso nur das demokratische Feigenblatt zwischen Gremien wie EZB oder IWF, die versuchten, Europa auf den neoliberalen Kurs eines galoppierenden Kapitalismus zu bringen. Da blitzte sie kurz einmal auf, so etwas wie eine politische Haltung hinter dem Spaß, auf den sich Sonneborn, von Wertheimer befragt, dann aber gleich wieder zurück zog. Es mache eben Spaß, manche Leute etwas zu ärgern. Es mache alles etwas erträglicher.

In seiner Magisterarbeit sprach er der Satire in heutigen Zeiten all zu große Wirkmöglichkeit ab, in den Jahren bei „Titanic“ hätten sie das aber widerlegt, meinte Sonneborn – hier geschickt im PR-Dienst seiner Zeitschrift – und führte gefälschte Faxe an Fifa-Funktionäre an, mit denen deren Korruptheit entlarvt wurde, im Prinzip der erste Axtschlag in den heute wankenden Fifa-Baum.

In manchen Sendeformaten wie „Die Heute Show“ oder „Die Anstalt“ sieht er die Satire bisweilen decouvrierend-analytische Arbeit leisten, wie sie von den seriösen Sendeformaten nicht mehr geleistet werde. Die zunehmende Verspaßung und Ironisierung aller Lebensbereiche, auch der Politik, gehe ihm dagegen auf den Wecker. „Von einem Politiker erwarte ich, dass er gute, seriöse Arbeit macht.“

Solch nun selbst sehr seriös Klingendes kam allerdings nur in kleinen Brocken und Fetzen, Inseln der Ernsthaftigkeit innerhalb eines Auftritts, der schon darauf bedacht war, Komik zu produzieren und die stete Verunsicherung, ob der Mann nun scherzt oder ernsthaft spricht. So hielt Sonneborn den Abend spannend in der Schwebe.

Die Highlights waren sowieso die eingespielten Filme. Sonneborn befragt Oettinger. Sonneborn führt einen Vertreter der Pharma-Industrie aufs Glatteis. Und, als schönste Perle: Sonneborn führt mit einem Vertreter der Deutschen Bank ein Interview, das er zum Zeitpunkt des Gesprächs schon schriftlich hatte, die Bank hatte nicht nur die Antworten, sondern auch gleich die Fragen selbst formuliert und ihm vorher zugesandt. Und nun, live, hilft Sonneborn dem ab und zu den Text vergessenden Interviewpartner als Stichwortgeber aus dem Skript auf die Sprünge. Realität als Realsatire, vom Satiriker als solche kenntlich gemacht.

Oder: Der Besuch in einer Wohnsiedlung am Berliner Stadtrand, Team Sonneborn klingelt beim erstbesten Bewohner und erzählt, sie seien von Google Home-View und müssten jetzt die ganze Wohnung fotografieren, auch die Innenräume würden von nun an im Netz abrufbar gemacht. Und? Sie werden herein gelassen.

Und ein spätes Credo an die Aufklärung

Darf man die Naivität „kleiner Leute“ so ausnutzen? Auch eine Zuhörerfrage ging in diese Richtung. Sonneborn konterte: „Auch kleine Leute schlagen Neger und wählen NPD.“ Hat er Neger gesagt? Ja, hat er. Außerdem würden sie nie nur einen Spaß um des Spaßes Willen machen. So ein Interview wie das mit dem Banker zeige, wie das Innenleben in Banken wirklich aussehe. Ein Gespräch wie das mit dem Pharmavorstand gäbe eine Ahnung davon, welche Mauscheleien da sonst so üblich seien.

Hoppla! Da war es also doch, ein spätes Credo, das hervorragend in die Vortragsreihe zur Aufklärung passte.

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10.07.2015, 12:00 Uhr

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