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Der Schachspieler vom Schlossplatz
In der City ein bunter Hund: Rudolf Kautz. Foto: Ferdinando Iannone
Porträt

Der Schachspieler vom Schlossplatz

Wer ist der Mann, der in der City Passanten zu einer Partie herausfordert? Ein Besuch.

29.04.2017
  • NADINE RAU

Stuttgart. Der weiße König kämpft, doch im nächsten Moment ist es für ihn gelaufen. Schach matt. Rudolf Kautz nimmt seinen schwarzen Edding und macht einen Strich hinter „G“ wie „Gewonnen“. Sein Gegner, ein alter Bekannter, zieht den Hut. Mal wieder. „50 Mal hat der locker gegen mich gewonnen, ich hab es gerade einmal geschafft“, sagt er.

Rudolf Kautz hat auch mehr Übung. Jeden Tag sitzt er von morgens bis abends auf dem Stuttgarter Schlossplatz und spielt Partie um Partie gegen Passanten. Der 58-Jährige stammt aus Kasachstan, war lange obdachlos. Auch heute noch ist die Straße sein Leben, mit dem Unterschied, dass er, wenn es dunkel wird, in seine Wohnung gehen kann. Der gelernte Fernmeldetechniker hat bei einem Unfall ein Auge verloren und ist seitdem Rentner. Mit dem Schachspielen verdient er sich ein bisschen Geld dazu.

„Schachspielen hat mein Leben gerettet“, sagt Kautz. Seine Trinksucht habe er dadurch in den Griff bekommen. Nur von den Zigaretten kann er immer noch nicht die Finger lassen. Ein Zug auf dem linken Schachbrett, einer auf dem rechten, einer an der Zigarette. Wieder und wieder. Gegen zwei Passanten gleichzeitig zu spielen, bringt ihn kein bisschen durcheinander.

Gelernt hat Kautz das Schachspielen schon in Kasachstan. Doch er erzählt auch von einem Mann, der nicht gewollt habe, dass er sein Leben wegwerfe. Dieser habe ihm irgendwann ein Brett geschenkt und ihn zum Spielen gebracht.

Jetzt sitzt Kautz auf seinem ramponierten Schreibtischstuhl, wippt mit dem rechten Fuß zur nahen Straßenmusik. In der Stuttgarter City ist er bekannt wie ein bunter Hund, viele sind fasziniert: „Krass, der sitzt einfach immer hier, selbst im Winter“, sagt ein Passant. „Das ist der Schachspieler, der berühmte“, sagt ein anderer. Wenn Kautz einmal nicht dasitzt, fragen die Leute im Kunstmuseum nach ihm.

Es gibt sogar Spieler, die kommen extra nach Stuttgart, um gegen Kautz anzutreten. Ein Neunjähriger zum Beispiel – aus Guatemala. Schon als er mit seiner Mutter herläuft, strahlt Kautz plötzlich über das ganze Gesicht. „Auf ihn habe ich gewartet, der spielt sehr gut“, ruft Kautz. „Wir sind extra wegen Ihnen gekommen“, erzählt die Mutter. Schon einmal war der kleine Junge in Stuttgart und hat seitdem auf die Rückkehr gedrängt. Heute verliert er zwar, wird aber von Kautz getröstet. „Drei Jahre noch, dann bist du ein Meister!“, versichert er dem Jungen. Der 58-Jährige hat ein Credo: „Hier soll nie jemand traurig aufstehen.“ Nadine Rau

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29.04.2017, 06:00 Uhr

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