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Für den Weg ins Jenseits

Der Schatz des Monats Juni: Ein Boot aus einer ägyptischen Grabkammer

Ihre wunderschönen Modellboote stellten die Ägypter nicht aufs Sideboard im Wohnzimmer. Sie gaben sie den Toten mit auf die Reise.

15.06.2015
  • Donata Schäfer

Tübingen. Die alten Ägypter waren darauf bedacht, den Leib nach dem Tod möglichst zu erhalten, ihm eine Bleibe zu geben und ihn mit allem Nötigen und allen Annehmlichkeiten des Lebens auszustatten. Je wohlhabender eine Person war, desto mehr Aufwand konnte dafür betrieben werden, weshalb wir diesen Wunsch hauptsächlich anhand von Elitengräbern nachvollziehen können.

Der Schatz des Monats Juni: Ein Boot aus einer ägyptischen Grabkammer
Mit solchen Booten transportierten die Ägypter ihre Fracht.Bild: Uni

Das Wichtigste im Jenseits – ebenso wie vorher im Diesseits – war eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln. Diese wurden sowohl in echt als auch als Abbildungen oder Modelle ins Grab gebracht. Den Abbildungen und Modellen wohnte eine magische Kraft inne, die es ihnen möglich machte, für den Toten Realität zu werden. Zudem waren sie auf Dauer weniger aufwändig und weniger anfällig als reale Opfergaben.

Modelle finden sich durch die ganze altägyptische Geschichte hindurch, doch hatten sie ihre Hoch-Zeit im Mittleren Reich im ersten Drittel des 2. Jahrtausends vor Christus. Das betrifft sowohl die jeweilige Anzahl im Grab, als auch die Auswahl an Themen. Neben Bootsmodellen gab es beispielsweise Modelle von Getreidespeichern, Lastenträgern, Tischlereien, Webereien, Bäckereien, Schlachtereien, Küchenszenen, Bierherstellung oder Metallverarbeitung. Sie wurden gewöhnlich in der eigentlichen Grabkammer oder in extra angelegten Verstecken innerhalb der Grabanlage aufgestellt.

Dass der Tote Modelle von Booten mit ins Grab bekam, lag an der herausragenden Stellung, die der Nil für Ägypten hatte. Herodot sprach davon, dass das Land „ein Geschenk des Flusses“ sei. Dies ist nicht nur auf seine Funktion für die Landwirtschaft bezogen, sondern auch darauf, dass der Nil die Hauptverkehrsader des Landes bildete. Fast alle Siedlungen lagen in seiner Nähe, und er durchzog das Land von Anfang bis Ende – war also der einfachste Weg, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Man ruderte mit Hilfe der Strömung flussab nach Norden und segelte mit Hilfe des Nordwindes flussauf nach Süden.

Verschiedene Modellboote standen für den Fischfang, den Transport im Alltag oder für den Transport der Mumie zu ihrem Begräbnis auf der Westseite des Nils. Bei dem Tübinger Exemplar handelt es sich um ein Transport-Boot und, da nirgendwo ein besonderer Platz für den Verstorbenen markiert war, um ein Reiseboot aus dem Alltag. Gewöhnlich sind solche Transport-Boote entweder als Ruder- oder als Segelboot modelliert, um die Flussfahrt sowohl flussab als auch flussauf zu gewährleisten. Beim Tübinger Boot wurden beide Optionen zusammen dargestellt. Mast, Segel und Takelage sind modern ergänzt. Auf dem Boot findet sich eine Mannschaft aus 14 Ruderern, einem Lotsen am Bug, einem Steuermann am Heck und zwei Hilfssteuermännern vor ihm. Ein paar der originalen Leinenschurze sind noch vorhanden.

Das Museum der Universität Tübingen MUT vereint die größte Zahl an Universitätssammlungen im deutschsprachigen Raum. Nach einer Modernisierung zeigt das MUT die Alten Kulturen auf Schloss Hohentübingen nun auch in neuem Licht. Hier werden derzeit etwa 4000 Objekte von der Urgeschichte bis zur Klassischen Antike präsentiert. In der Reihe „Schatz des Monats“ stellen die Kustodinnen und Kustoden des Schlosses die Highlights der Dauerausstellung vor. Das Schloss-Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags darüber hinaus bis 19 Uhr geöffnet.
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15.06.2015, 12:00 Uhr

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