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Der Scheibenkäse als Kurzgeschichte

Früher war vielleicht nicht alles besser – aber auf jeden Fall anders. Wer zum Beispiel Käse in Scheiben wollte, der kaufte vor allem die 1956 auf den Markt gekommenen Scheibletten. Die steckten wie heute in Packungen, in denen zwischen den einzelnen Käsescheiben Plastikfolien das Zusammenkleben verhinderte. Diesen Käse konnte man aufs Brot legen oder aber auf einen Toast zum Überbacken.

15.07.2015
  • Thomas de Marco

Man konnte ihn mit wenigen Handgriffen freilich auch zu einer Kugel formen – quasi als Kaugummi ohne Zucker, den es damals noch nicht gab.

Heute ist das mit dem Scheibenkäse viel ausgereifter, wenn ich die Packung Bio-Bergkäse vor mir so anschaue. Denn auf der Verpackung ist dermaßen viel aufgedruckt, dass die Text- und Zeichenmenge fast schon einer reichlich bebilderten Kurzgeschichte entspricht. Höchste Zeit für eine kleine Lesung.

Zunächst einmal fallen unterhalb der Abbildung einer freudig strahlenden Kuh jede Menge kleine Symbole auf, die wie Siegel wirken: Zwei von ihnen versprechen Bio-Qualität, das erste nach der EU-Öko-Verordnung, das zweite als „geprüfte Qualität Austria“ – doppelt Bio hält eben besser. Das dritte garantiert in großen Buchstaben „ohne Gen“ und, deutlich kleiner und für Esser im fortgeschrittenen Alter nur mit Lupe zu lesen, „Technik hergestellt“.

Ohnehin lohnt es sich, wenn reifere Semester vor dem Verzehr Brille oder Vergrößerungsglas bereithalten. So entgeht einem auch der nächste sachdienliche Hinweis nicht: „Durch natürliche Reifung laktosefrei“ – ein Sternchen weist den Weg nach ganz unten auf der Packungs-Vorderseite: Laktosegehalt weniger als 0,1 Gramm pro 100 Gramm Käse, das ist gut zu wissen, wenn auch kaum noch zu lesen.

Ebenfalls sehr klein aufgedruckt ist der Hauptteil dieser käsigen Kurzgeschichte, der verrät, um was es sich im Inneren der Verpackung eigentlich handelt: Bio-Bergkäse aus frischer, geschmackvoller Heumilch. Dass diese Milch nicht aus dem Heu gepresst worden ist, sondern per Wanderung durch einen Kuhmagen flüssig wurde, braucht man, glaube ich, tatsächlich nicht mehr gesondert zu erwähnen.

Wenn es jetzt kurz „Ratsch!“ macht, bitte nicht erschrecken, denn nun muss laut Produkt-Prosa die Packung aufgerissen werden. Weil der Käse mit seinem würzig-kräftigen Geschmack, der mindestens drei Monate bis zu seiner Vollendung reifen durfte, sein volles Aroma erst entfaltet, wenn die Packung zehn Minuten vor dem Verzehr geöffnet wird. Ratsch!

Die Zeit, bis der Moment höchster Aroma-Entfaltung erreicht ist, kann man sich problemlos auf der Rückseite der Verpackung vertreiben. Dass die Scheiben unter Schutzatmosphäre eingetütet werden, sorgt für zusätzliche Beruhigung. Aber dass 100 Gramm Käse durchschnittlich 1734 Kilojoule an Energie, satte 34 Gramm Fett, aber weder Kohlehydrate noch Zucker enthalten, interessiert nur ernährungstechnisch Fortgeschrittene.

Wenn Sie jetzt aber sagen, ich will den Käse lieber essen statt lesen, ist das zwar schade für die Lyrikabteilung der Molkerei, aber doch auch verständlich. Nur sollten Sie sich beeilen und auch mal drei Scheiben auflegen, denn die offene Packung muss innerhalb von vier Tagen aufgebraucht sein. Dies nur noch als allerletzten Literaturhinweis.

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15.07.2015, 12:00 Uhr

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