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"Überall war Blut, überall lagen Leichen"

Der Schrecken erreicht eine neue Dimension: An den Tatorten der Horrornacht pulsiert im Alltag das Leben

Bars, Restaurants, ein Musikclub, ein Stadion: Die Schauplätze der blutigen Anschläge sind Orte, an denen Menschen sich treffen, um ihr Leben zu genießen. Die Terrornacht von Paris hat eine neue Dimension.

16.11.2015
  • PETER HEUSCH (MIT DPA)

Glamourös ist das Viertel im Osten von Paris nicht. Aber angesagt, "branché", wie es bei den Franzosen heißt - "angestöpselt". Nachtschwärmer lieben es für seine Bars und Restaurants, ganz in der Nähe liegt der malerische Kanal Saint-Martin. An diesem Freitag- abend zielt der Terror nicht auf ein hochpolitisches Symbol wie die Satirezeitung "Charlie Hebdo" im Januar. Es ist das normale Pariser Leben, das die Attentäter ins Visier nehmen.

Der Schrecken erreicht eine neue Dimension: An den Tatorten der Horrornacht pulsiert im Alltag das

Der Schrecken erreicht dabei eine neue Dimension: Die Terroristen ziehen schwer bewaffnet und mit Sprengstoffgürteln los, schlagen an verschiedenen Orten kurz hintereinander zu. Nach einer ersten Explosion um 21.20 Uhr - später folgen zwei weitere - in der Nähe des Stade de France im Pariser Vorort Saint-Denis, wo die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor 80 000 Zuschauern gegen Frankreich spielt, geht es Schlag auf Schlag: Im 10. Arrondissement schießen Täter auf die Gäste der Bar "Le Carillon" und des Restaurants "Le Petit Cambodge", 15 Menschen sterben. Im 11. Arrondissement gibt es eine Schießerei vor der Bar "A la Bonne Bière", bei der fünf Menschen ums Leben kommen. Durch Schüsse in der Bar "La Belle Équipe" sterben 19 Gäste. Im Café "Comptoir Voltaire" sprengt sich ein Selbstmord-Attentäter in die Luft, ein Mensch wird schwer verletzt. Zur selben Zeit - es ist jetzt 21.40 Uhr - hält ein schwarzer Wagen vor dem Musikclub "Bataclan", mehrere schwer bewaffnete Attentäter mit Sturmgewehren dringen in das Gebäude ein, wo ein Konzert der US-Band "Eagles of Death Metal" stattfindet.

"Es war ein Gemetzel", berichtete Julien Pearce später, der als Journalist beim französischen Radiosender Europe den Horror miterlebt. Als "sehr ruhig, sehr entschlossen, sehr jung" beschreibt er die "ganz in schwarz gekleideten und nicht vermummten" Terroristen, die ihre Waffen auf das Publikum in der mit 1500 Zuschauern ausverkauften Konzerthalle richten und "einfach beginnen, in die Menge zu schießen".

Zehn Minuten dauert der Kugelhagel laut Pearce, mindestens dreimal laden die Täter ihre Waffen nach und feuern weiter. "Überall war Blut, überall lagen Leichen. Die Leute haben geschrien, sich auf den Boden geworfen oder versucht zu fliehen", erzählt Pierre Janaszak. Der 35-Jährige, auch er ein Journalist, sitzt zusammen mit seiner Schwester und Freunden auf einem der oberen Ränge, als die ersten Schüsse fallen. Er kann gemeinsam mit anderen Zuschauern in eine Toilette fliehen und sich dort verschanzen.

Viele Augenzeugen, die dem grauenvollen Anschlag entkommen, sind traumatisiert. Sie berichten von panikartigen Szenen. Die Menschen versuchen, sich zu den Ausgängen zu retten oder durch die Fenster zu fliehen. Einige steigen auch in das obere Stockwerk, um den Mördern über das Dach zu entkommen. Wie Louis. Er schildert dem Radiosender France Info, er sei mit seiner Mutter über Leichen geklettert, um aus dem Schussfeld und ins Freie zu gelangen. Und nicht nur Pearce, auch Louis benutzt das Wort "carnage", um die fürchterlichen Vorgänge zu beschreiben. "Carnage" bedeutet "Gemetzel".

Andere Überlebende erzählen, dass die Attentäter mehrmals "Allah akbar" (Allah ist groß) rufen, bevor sie das Feuer eröffnen. Janaszak hört aus seinem Versteck, dass die Männer später gegenüber zwei Dutzend Konzertbesuchern, die sie als Geiseln nehmen, dem Präsidenten die Verantwortung zuweisen: "Hollande ist schuld, er hatte in Syrien nicht einzugreifen."

Julien Pearce zählt zu denen, die heil fliehen können. In einer Feuerpause, als die Todesschützen "wohl nachladen", klettert er auf die Bühne, überquert sie und erreicht einen rettenden Ausgang. Auf seiner Flucht bringt er ein junges Mädchen in Sicherheit, das "von mehreren Schüssen an den Beinen getroffen und blutüberströmt" ist. Er trägt die junge Frau bis zu einem Taxi und bittet dessen Fahrer, sie in ein Krankenhaus zu bringen.

Erst nach mehr als zweieinhalb Stunden beendet eine Spezialeinheit der Polizei die Geiselnahme. Als sie die Konzerthalle stürmt, jagen sich die Attentäter, die Sprengstoffgürtel tragen, selbst in die Luft - 89 Menschen sterben an diesem Abend in dem beliebten Pariser Musikclub. Sofort beginnt die Evakuierung des Gebäudes. Es gibt Dutzende Verletzte. Sanitäter leisten erste Hilfe, abgeschirmt von einem riesigen Polizeiaufgebot. Sie haben sich schon zuvor um die Menschen gekümmert, die aus der Konzerthalle entkommen sind. Zahlreiche Krankenwagen sind bereits kurz nach dem Beginn des Angriffs zum "Bataclan" geschickt worden.

Nun verlassen sie den Boulevard Voltaire, an dem das Musiktheater im 11. Arrondissement liegt, im Drei-Minuten-Takt mit heulenden Sirenen. Weitere Krankenwagen und Rettungskräfte stehen an den weiträumigen Absperrungen der Ordnungskräfte. Auf dem vom "Bataclan" 700 Meter entfernt gelegenen Place de la République etwa werden die Leichtverletzten versorgt. Die meisten sind bis hierher gelaufen oder sind hierher geschickt worden, nachdem sie es noch vor dem Ende der Geiselnahme aus der Konzerthalle heraus geschafft hatten.

Zu ihnen gehört auch Stéphanie. Die Studentin zittert, sie steht unter einem schweren Schock, doch verletzt worden ist sie nicht. "Erst war es ein toller Abend, eine Superstimmung, aber dann schlug alles urplötzlich in den reinen Horror um", erzählt sie unter Tränen.

An Einzelheiten kann oder will sie sich nicht erinnern. Auf die vorsichtige Frage, wie sie den Attentätern entkommen ist, antwortet sie mit einem Schulterzucken. Dann sagt sie leise: "Ich weiß es nicht mehr, wirklich nicht."

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16.11.2015, 12:00 Uhr

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