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Soziales

Der Seelsorger von der Königstraße

Der pensionierte Steuerberater Wolfgang Klee berät in der Stuttgarter City Passanten in Lebenskrisen. So mancher Fall geht dem 65-Jährigen unter die Haut.

20.03.2018

Von RAINER LANG

Im Ruhestand wollte Wolfgang Klee etwas Sinnvolles tun. Er stieg bei der Passantenseelsorge von St. Eberhard in der Königstraße ein. Im dortigen Haus der Katholischen Kirche gibt es auch ein Café, das für jedermann offen steht. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Es gibt Tage, an denen Wolfgang Klee nicht einmal dazu kommt, den Tee zu trinken, den er sich aufgebrüht hat. „Dann geben sich die Leute die Klinke in die Hand“, berichtet der 65-Jährige. Der frühere Steuerberater ist seit zwei Jahren ehrenamtlich bei der Passantenseelsorge an der Königstraße tätig. „Es ist sinnvoll, hier zu sein“, sagt Klee. Er hat den Eindruck, dass das offene Gesprächsangebot der Katholischen Kirche im Herzen der Stadt mehr denn je gefragt ist.

Sehr viel hat Klee zurzeit mit vereinsamten Menschen zu tun. „Das betrifft Jüngere und Ältere gleichermaßen. Ihnen fehlt das Gegenüber“, berichtet er. „Als ich angefangen habe, waren es vor allem ältere Menschen, in deren Umfeld alle weggestorben sind.“ Darüber hinaus ist ihm bislang „alles begegnet, was im menschlichen Leben denkbar ist“: von Trauerfällen, Trennungen, Ehe- und Lebenskrisen über Krankheit und Traumatisierungen bis zu plötzlichen Entlassungen.

Wie geht er mit den Menschen um, die zu ihm kommen? „Es ist wichtig, ein offenes Ohr für ihre Anliegen zu haben“, sagt Klee. „Es geht hauptsächlich ums Sprechen. Viele sind schon jahrelang in Therapie gewesen“, fügt er hinzu. Durch gezieltes Nachfragen versucht er, seinem Gegenüber Lösungswege zu eröffnen. In fast der Hälfte der Fälle gibt es mehrere Gespräche, bis das Problem so weit gelöst ist, dass die Menschen wieder allein zurechtkommen. Bei schwierigen Fällen vermittelt Klee auch an andere Beratungsstellen. Manchmal reicht es schon aus, dass er nur zuhört.

Zur Passantenseelsorge ist der Ruheständler auf Umwegen gekommen. „Als ich vor drei Jahren als Steuerberater ganz aufhörte, fragte ich mich, ob ich noch etwas Sinnvolles mit meinem Restleben anfangen kann“, erzählt er. Er begleitete zunächst die Schaffung der Seelsorgeeinheit in der Stuttgarter City. Aber von der Verwaltungsarbeit hatte er schnell genug. Er wollte mit Menschen zu tun haben.

Daraufhin schaute sich der Ruheständler soziale Einrichtungen an. Die Passantenseelsorge fand Klee wegen der vielen Kontakte zu den Menschen spannend. Auch die offene Art von Schwester Nicola, der Leiterin der Passantenseelsorge, sprach ihn an. Natürlich werde er oft gefragt, ob er Priester sei, räumt Klee lächelnd ein. Vielleicht liegt es daran, dass er so viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Jedenfalls ist er unter den Ehrenamtlichen in der Passantenseelsorge eine Ausnahme. Diese hätten normalerweise eine einschlägige Vorbildung, wie Schwester Nicola erläutert. Sie brächten Erfahrungen aus sozialen oder therapeutischen Berufen mit. Klee passt dennoch gut dazu, denn ihr sei wichtig, „dass das Team so bunt ist, dass es verschiedene Menschen anspricht“.

Seine Kenntnisse hat Klee in Fortbildungskursen gesammelt. Auf weitere Unterstützung kann er Zuhause zählen: Seine Frau ist Psychologin. „Sie ist meine Supervisorin.“

Abschalten nach intensiven Beratungsgesprächen ist für den ehrenamtlichen Passantenseelsorger nicht immer einfach. Manches geht ihm auch unter die Haut, wie der Fall eines Mannes, der sich seit vier Jahrzehnten mit Gewaltfantasien herumschlägt, weil er als Kind schwer traumatisiert wurde, als sein Vater Selbstmord beging. „Das hat mich persönlich sehr betroffen gemacht“, räumt Klee ein. Wichtig sei, in Krisensituationen richtig zu reagieren. So wird ein Suizidgefährdeter beispielsweise nur in die Obhut eines Freundes oder Verwandten entlassen.

Vier Stunden in der Woche steht Klee für Gespräche bereit. Dafür gibt es in der Kirche zwei helle, freundliche Zimmer. Klee hat beobachtet, dass sich Männer und Frauen ganz unterschiedlich verhalten. Während Frauen ganz gezielt kämen, müssten sich Männer oft erst einen Ruck geben. Auch falle ihnen das Sprechen nicht so leicht. Da brauche es längere Anlaufzeit.

Klee zieht eine positive Bilanz seines bisherigen Engagements. Er hat den Eindruck, „dass die meisten besser rausgegangen als hereingekommen sind“. Positive Rückmeldungen bestärken ihn. „Da kommt viel zurück. Das macht zufrieden“, sagt er.

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Erstellt:
20. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. März 2018, 06:00 Uhr

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