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Sonntags gab‘s Ochsenmaulsalat und Most

Der „Silberburg-Schorsch“ Georg Buck erzählt von seiner Kindheit

MÖSSINGEN. Die Silberburg – welche Erinnerungen haften an der beliebten Wirtschaft, die vor mehr als 40 Jahren schloss! Paul Kübler, der kürzlich Falltorgast war, sieht noch genau die „Mohrenköpfe“ vor sich, die er als Kind dort verspeist hat. Und Bäckermeister Gerhard Böhm erzählte vor einem Jahr von den sonntäglichen Familienausflügen hinauf zu der Gartenwirtschaft. Beide erinnern sich noch an die Wirtin, die „Silberburg-Marie“, an deren Tochter, das „Silberburg-Bärbele“ und deren beiden Kinder Maria und Georg. Letzterer ist der „Silberburg-Schorsch“ und inzwischen 72 Jahre alt. Von seiner Kindheit in der Wirtschaft erzählt er immer noch gerne.

17.04.2004
  • Sabine Lohr

Gelber Sprudel ist heute noch das Lieblingsgetränk von Georg Buck, der die ersten 19 Jahre seines Lebens auf der Silberburg verbrachte. Dort gab‘s für die Kinder große Auswahl: Roter Sprudel, gelber Sprudel, grüner Sprudel, weißer Sprudel. Der rote war mit Erdbeer- oder Himbeergeschmack, der gelbe mit Orange, der grüne mit Waldmeister und der weiße mit Zitrone.

Für Mama und Papa gab‘s Bier, Most, Wein, Schnaps und Kaffee. Und wer Hunger hatte, dem setzte die Silberburg-Marie, die Großmutter von Georg Buck, ein deftiges Vesper vor: Schwarzwurst, Ochsenmaulsalat oder Schinkenwurst mit Bauernbrot. Und auf den Tischen standen Körbe voller „Brezle“. „Da hat man seine Bäcker gehabt und seine Metzger“, erzählt Georg Buck, „die haben sonntags immer was zurückgelegt für uns, falls das Wetter schön wird und viele Gäste kommen.“

Gäste waren jeden Sonntagnachmittag auch die Bäcker und Metzger. Da saßen sie dann zusammen in der Wirtschaft und vesperten. Wie viele andere auch: „Sonntags im Sommer war‘s von halber zehne an gerappelt voll“, erzählt der Wirtssohn.

Gebaut wurde die Silberburg zunächst als Bierkeller. 1866 brauchte der Löwenwirt Christof Ackermann einen gescheiten, kühlen Lagerplatz für seine Bierfässer. Sieben Meter dicke Wände ließ er bauen, mit einem schönen Gewölbe darüber. Ein Jahr später setzte er noch einen Kellerüberbau drauf und fertig war die Wirtschaft. Der erste Pächter war Johann Konrad Neth, der nächste kam schon drei Jahre später. Georg Renz hielt die Silberburg 25 Jahre lang, bevor Karl Kling das Gebäude kaufte und erweiterte. Kling verpachtete die Wirtschaft 1906 an Georg und Marie Textor. Georg Textor kam aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr heim, galt als vermisst. Seine Frau Marie stand alleine da mit den beiden Kindern und der Wirtschaft.

Resolute Wirtin

Wie sie war, die Silberburg-Marie? „Net zu dick und net zu dünn, grad recht“, beschreibt ihr Enkel Georg Buck sie. Und seine Frau Karin sagt, sie sei doch mitunter auch etwas resolut gewesen. „Das musste sie aber auch sein, sonst hätte sie das mit der Wirtschaft ja nie hingekriegt.“

Bis 1951 lebte Marie Textor mit ihrer Tochter Bärbele, deren Mann und den beiden Kindern über der Wirtschaft, tagein, tagaus brachte sie den Kunden Bier und Vesper und verwöhnte vor allem die Kinder. Die bekamen oft den Sprudel von ihr geschenkt – und überhaupt war sie recht großzügig, die Silberburg-Marie: Hatte einer mal kein Geld dabei, aber einen gar zu großen Durst, dann schrieb sie auch an.

Ein ganzes dickes Buch füllte sie mit kleineren und größeren Summen, die die Gäste ihr oft über Jahre hinweg schuldeten. Wer zahlte, den strich sie aus. Und niemandem zeigte sie das Schuldenbuch. Als sie starb, fanden ihre Angehörigen noch einen großen Zettel voller Namen und Beträge – und keiner war durchgestrichen. „Den hat sie wohl übersehen“, glaubt Georg Buck. Und warf den Zettel weg. „Eine sehr, sehr schöne Zeit“ sei es gewesen auf der Silberburg, sagt er.

Und eine harte war‘s auch: Drei- bis viermal am Tag musste das „Schorschle“ hinunter nach Mössingen zum Einkaufen. Denn lieber besorgten die Marie und das Bärbele weniger Lebensmittel und schickten den Bub noch einmal in die Stadt, wenn mehr Gäste kamen als sonst. Mit dem Rad fuhr der Junge los, kaufte hier ein Brot und dort Schinkenwurst und radelte dann wieder hinauf. Und das war mehr als mühsam: Manchmal war der Feldweg zur elterlichen Wirtschaft hinauf so voller Matsch, dass sich die Räder nicht mehr drehten. Dann hieß es schieben und nach dem Einkauf das Rad abspritzen.

Was wiederum alles andere als einfach war, denn die Silberburg hatte keinen Wasseranschluss. Ein Brunnen stand früher im Hof, etwa 20 Meter tief. Doch nach einem schweren Erdbeben versiegte das Wasser. Von da an musste das Schorschle Wasser in der Höfgasse holen, in der Werkstatt Klett. Sommers zog er einen Karren zu diesem Zweck, im Winter, wenn Schnee lag, nahm er einen Schlitten, auf den er die Wasserkübel stellte. Wenn‘s dann aber bitterkalt war, dann fror der Bub nicht nur an den Ohren und Händen, dann fror auch das übergeschwappte Wasser schnell auf dem Boden an. Der Schlitten rutschte ein Stück den Hang hinunter, die Kübel kippten um – und der Schorsch durfte gradewegs wieder in die Werkstatt Klett gehen.

Besonders gern erinnert sich der Silberburg-Schorsch an die Tanzkurse auf der Silberburg. „Ganze Generationen haben da das Tanzen gelernt“, sagt er. Zu diesem Zweck wurde der automatische Leierkasten in Gang gesetzt, der im Saal stand. Zehn Pfennig musste man reinwerfen, dann senkte sich langsam ein großer Stein im Inneren des Kastens und brachte die Walzer zum Klingen. An Tanzabenden kam ein Ziehharmonikaspieler aus Ofterdingen. „Der hat zwar net gut gespielt, aber zum Tanzen hat‘s gelangt.“ Ganze Musikkapellen spielten auf, wenn auf der Silberburg eine Hochzeit gefeiert wurde – und das kam recht oft vor. Auch Vereine trafen sich gerne in dem Lokal, hielten dort ihre Sitzungen ab oder ließen sich vor der schönen Kulisse ablichten.

Jeden Abend hat‘s gebätscht

Aber auch auf der Silberburg war nicht alles eitel Sonnenschein. „Jeden Abend hat‘s gebätscht“, erzählt Buck. Denn die Leut kamen von überall her: von Nehren, Ofterdingen, Dußlingen, Mössingen, Talheim und Öschingen. Und nach reichlichem Bierkonsum brachen stets die alten Dorf-Streitereien wieder aus: Da klopften sich die Mössinger mit den Nehrenern, die Ofterdinger mit den Dußlingern, die Dußlinger mit den Mössingern, die Öschinger mit den Talheimern. Die Mutter schickte den Buben dann nach oben in sein Zimmer. Und dort lag er gern. Er hatte nämlich einen direkten Blick in die nebenstehende Streibsche Scheuer, in deren Heu sich die Pärchen die Zeit miteinander vertrieben.

Auch Honoratioren aus Tübingen besuchten am Wochenende gern die Wirtschaft – Professoren und Doktoren. Die wurden am Abend dann vom Nachbarn Streib auf dem Fuhrwerk zum Nehrener Bahnhof gebracht. Nicht aus Höflichkeit oder Respekt, sondern weil sie nimmer gehen konnten. „Die haben ja nichts vertragen“, sagt Buck.

Während des Kriegs hatte sich ein Funktrupp im Saal der Silberburg einquartiert. Später, nach dem Einmarsch der Franzosen, kam es oft zu Einbrüchen. „Die haben ihre Maschinengewehre rund ums Haus aufgestellt und gesagt, wir werden erschossen, wenn wir ihnen nicht alles geben, was da ist.“ Von Nehren her seien die Franzosen gekommen, dann aber schnell an Mössingen vorbei gezogen. Als Georg Buck 19 Jahre alt war, gab seine Mutter die Wirtschaft auf. Sie wurde an Babette Vogt verpachtet, die sie noch ein paar Jahre bewirtschaftete. 1958 übernahm Heinz Sander die Silberburg, nach drei Jahren schloss er sie aber. Da war Georg Buck längst mit seiner Frau Karin und seiner Mutter ins neu gebaute Haus im Sonnhaldeweg gezogen, wo das „Silberburg-Bärbele“ 1990 im Alter von 90 Jahren starb.

Georg Buck verdiente seinen Lebensunterhalt als Busfahrer und freute sich immer sehr, wenn Kinder Grüße von den Eltern an den Silberburg-Schorsch und an seine Mutter ausrichteten. Die Silberburg wieder zu bewirtschaften, kam ihm nie in den Sinn. Als Bürgermeister Gottlieb Rühle ihn und seine Frau 1959 traute, da sagte er: „Schorschle, jetzt hasch a Frau, jetzt kannsch d‘Silberburg kaufen“, aber Karin Buck, die eben erst ihren neuen Namen ins Amtsbuch eingetragen hatte, drohte damit, ihn gleich wieder auszustreichen – eine Wirtschaft wollte die Wirtstochter auf gar keinen Fall umtreiben.

1971 wurde die Silberburg abgerissen. Baufällig war sie, was Buck bestätigt. Schon in seiner Kinderzeit seien in den Wänden faustbreite Risse gewesen – die Erdbeben in all den Jahren haben das Fachwerkhaus arg erschüttert. Trotzdem hätte Georg Buck gerne wieder eine neue Silberburg an der Stelle, an der sie einst stand. „Ein Neubau mit ein paar Fremdenzimmern, eine Bierwirtschaft, in der‘s auch ein gutes Vesper gibt, was Schlichtes – das wär‘s.“

Der „Silberburg-Schorsch“ Georg Buck erzählt von seiner Kindheit
Freibad und Silberburg: Eigentlich hätte daraus eine ideale Partnerschaft entstehen können. Doch als das Bad 1962 eröffnet wurde, hatte die beliebte Wirtschaft schon seit einem Jahr zu. 1971 wurde sie abgerissen.Freibad und Silberburg: Eigentlich hätte daraus eine ideale Partnerschaft entstehen können. Doch als das Bad 1962 eröffnet wurde, hatte die beliebte Wirtschaft schon seit einem Jahr zu. 1971 wurde sie abgerissen.

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17.04.2004, 12:00 Uhr

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