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Der Spion, zu dem das Gift kam
In dieser Pizzeria in Salisbury hatte das Paar vermutlich eine Mahlzeit eingenommen. Foto: Chris J Ratcliffe/afp
Salisbury

Der Spion, zu dem das Gift kam

Ein russischer Ex-Agent und seine Tochter ringen in einer englischen Klinik mit dem Tod. Moskau weist eine Verwicklung in den Fall zurück.

07.03.2018
  • HENDRIK BEBBER

Salisbury. Die Polizei weiß im Augenblick nur, dass das Paar mit „einer unbekannten Substanz“ vergiftet wurde. Beide ringen im Krankenhaus von Salisbury mit dem Tod. Doch der britische Geheimdienst wurde bereits eingeschaltet, weil es sich bei einem Opfer um seinen ehemaligen Mitarbeiter Sergej Skripal handelt, der lange Zeit für den MI6 in Moskau spionierte.

Passanten hatten den 66-jährigen Mann und die 33-jährige Frau auf einer Parkbank nahe dem Einkaufszentrum der idyllischen Kathedralenstadt Salisbury in der südwestenglischen Grafschaft Wiltshire entdeckt. Zwei Zeuginnen, die die Polizei alarmierten, berichteten übereinstimmend, dass die Frau bereits ohnmächtig an der Seite des Mannes lag, der wortlos die Hände in den Himmel reckte. Die beiden wurden in die Intensivstation des Krankenhauses eingeliefert, wo sie sich in einem „kritischen Zustand“ befinden. Wegen der Vergiftung riegelte die Polizei das Gelände um die Parkbank ab. Spezialisten der Feuerwehr in Schutzbekleidung reinigten mit Wasserstrahlen den Boden. Besonderes Augenmerk galt einer nahegelegene Pizzeria, weil angenommen wurde, dass das Paar dort eine Mahlzeit eingenommen hatte.

Bei der Identität des Mannes gab es von Anfang an keinen Zweifel. Es handelt sich um den Russen Sergej Skripal, der seit acht Jahren in seinem Eigenheim in Salisbury lebt. Wie sich erst viel später herausstellte, ist die junge Frau seine Tochter Julia. Sie lebt in Russland und war zu Besuch bei ihrem Vater. Als Oberst im militärischen Abwehrdienst Russlands (GPU) begann Skripal in den 90er Jahren, für die Briten zu spionieren. Der russische Geheimdienst FSB enttarnte ihn und stellte ihn 2006 in Moskau vor ein Militärgericht. Er bekannte sich schuldig und wurde wegen Vaterlandsverrats und Spionage zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, den Briten die Identität russischer Spione im Westen verraten und dafür mehr als 100 000 Dollar Honorar bekommen zu haben.

Der Spion, zu dem das Gift kam
Sergej Skripal, hier in einem Moskauer Gericht. Foto: Yuri Senatorov/Kommersant Photo/AFP

Im Rahmen eines Agententausches mit den USA wurde Skripal 2010 von Moskau nach Wien ausgeflogen und bekam danach politisches Asyl und die britische Staatsbürgerschaft. Seine alten Arbeitgeber zahlten wohl auch für das komfortable Eigenheim in Salisbury, in das Skripal mit seiner Frau Ludmilla und seinem Sohn zog. Bei den Nachbarn, die von seiner Vergangenheit keine Ahnung hatten, war die Familie beliebt. Sie bezeugten ihr Mitgefühl, als Skripals Frau Ludmilla 2012 ihrem langen Krebsleiden erlag. Sein Sohn starb letztes Jahr während eines Urlaubs in Sankt Petersburg an Leberversagen.

Zunächst hatten britische Zeitungen gemeldet, dass Skripals Frau und der Sohn bei mysteriösen Autounfällen ums Leben kamen und der Ex-Agent deswegen um sein Leben fürchtet. Das hätte gut in die Theorie gepasst, dass russische Agenten immer damit rechnen müssen, dass sie das Opfer der berüchtigten Organisation SMERSH werden, deren Name „Tod den Spionen“ bedeutet. Obwohl die Polizei in Wiltshire noch nicht einen Kriminalfall in der Vergiftung von Vater und Tochter sieht, werden Parallelen zu den mysteriösen Todesfällen von ehemaligen russischen Agenten und Putin-Gegnern in Großbritannien gezogen.

Ein Kreml-Sprecher bezeichnete das Schicksal von Skripal als „tragisches Ereignis“ aber wies jede Verwicklung kategorisch zurück. In russischen Regierungskreisen wird gemunkelt, dass der ehemalige Spion ein Opfer des britischen Geheimdienstes wurde, um die gespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern noch mehr zu belasten.

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07.03.2018, 06:00 Uhr

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