Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„Wie ein Schlag ins Gesicht“

Der Sprecher des hiesigen AfD-Kreisverbands Roland Tischbein über die Austrittswelle

Die Austrittswelle bei der Alternative für Deutschland (AfD) hat die Partei im Südwesten heftig erwischt. Nach der Abwahl von Parteichef Bernd Lucke und dessen anschließendem Austritt, kritisierten die Abwanderer rechte Strömungen unter der neuen Vorsitzenden Frauke Petry. Im Interview äußert sich der Sprecher des AfD-Kreisvorstands Roland Tischbein aus Altheim zu den Austritten aus dem Kreisverband, der Gefahr von rechts und den verzögerten Plänen der Kreis-AfD in Sachen Landtagswahl 2016.

15.07.2015

SÜDWEST PRESSE: Herr Tischbein, sind Sie auch schon aus der AfD ausgetreten wie in den vergangenen Tagen viele andere?
Roland Tischbein: Nein. Wieso sollte ich?

Na, bei unserem letzten Gspräch hatten Sie sich als Anhänger des geschassten Vorsitzenden Bernd Lucke ausgegeben, der jüngst die Partei verlassen hat.
Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich gesagt, dass ich wegen Herrn Lucke in die Partei eingetreten bin. Aber im Laufe der Zeit lernt man eine Partei und auch die höher stehenden Personen besser kennen. Und ich habe diesen Herren auf eine Art und Weise kennengelernt, die mir fremd war. Ich hatte es anfangs so aufgefasst, dass wir eine basisdemokratische Partei sind. Aber die Vorkommnisse in jüngster Zeit haben gezeigt, dass er es wohl anders sieht. Ich bin eher ein Basisdemokrat. Und ich finde, man muss eine Abwahl akzeptieren und kann der Partei nicht einfach den Rücken kehren.

Wie stehen Sie zum neuen Bundesvorstand um Frauke Petry, der ihr national-konservativer Ruf vorauseilt und der einige der jetzt ausgetretenen Partei-Mitglieder vorwerfen, rechte Stimmungen zu schüren?
Als Mitglied muss ich diesen Leuten einen Vertrauensvorschuss gewähren. Lassen wir die Leute erst mal machen. Herr Lucke selbst hatte doch gesagt, dass er und Frauke Petry thematisch nicht weit auseinander seien.

Dieses Abwarten hat der Europa-Abgeordnete und einstige stellvertretende Partei-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel, der ebenfalls nach der Wahl von Frauke Petry aus der AfD ausgetreten ist, kürzlich in einem Deutschlandfunk-Interview bemängelt. Eben, dass die Partei zu lange zugeschaut hat, wie sie von rechten Strömungen unterwandert wurde.
Grundsätzlich halte ich viel von Herrn Henkel. Aber ich kann nicht sehen, wo diese ganzen Leute herkommen sollen. Da müssten ja Hunderte oder Tausende in die Partei eingetreten sein, wohlgemerkt innerhalb der letzten wenigen Monate.

Sie haben sich vor einigen Wochen klar von den rechtspopulistischen „Republikanern“ distanziert und eine Zusammenarbeit ausgeschlossen. Sie sehen also keinen Rechtsruck in der AfD?
Nein. Wir sollten dem neuen Vorstand 100 Tage Karenzzeit geben. Lassen wir sie doch mal beweisen, was sie tun. Sollten sich tatsächlich rechte Tendenzen einstellen, dann würde ich auch meine Konsequenzen ziehen. Derzeit kann ich aber nicht erkennen, dass sich etwas an unseren politischen Leitlinien und den Gründungszielen von 2013 geändert hätte. Unser Kreisverband Calw/Freudenstadt besteht seit seiner Gründung vor zwei Jahren aus nahezu denselben Gesichtern, die alle sehr gut gemeinsam an unseren politischen Zielen arbeiten.

Beim Thema Flüchtlinge spielt die Vorsitzende Frauke Petry mit den Ängsten der Menschen. Finden Sie das gut?
Es ist der falsche Ansatz, das als mit Ängsten spielen zu bezeichnen. Es geht vorrangig um Fakten. Das sehen wir doch auch bei uns im Landkreis. Die Kommunen sind völlig überfordert und die Menschen, die wirklich Anspruch auf Asyl haben, sind die Leidtragenden. Jeder muss sich an Recht und Gesetz halten. Die Frage ist doch, wie bewältigen wir diese Herausforderung.

Nun sind Lucke und Henkel nicht die einzigen, die ausgetreten sind, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Vertreter des wirtschaftsliberalen Flügels der Partei, die teilweise im EU-Parlament sitzen.
Das hat vielleicht auch den Grund, dass sich die Basis in der Frage des Freihandelsabkommens TTIP mit den USA und der Frage der Sanktionen gegen Russland anders positioniert hat als diese fünf der insgesamt sieben Abgeordneten in Brüssel.

Wie viele Mitglieder im 74 Mitglieder umfassenden Doppel-Kreisverband Freudenstadt/Calw haben die AfD verlassen?
Es gab drei Austritte von nicht aktiven Mitgliedern.

Aus welchem Grund?
Das kriege ich nicht immer mit. Zeitlich lagen die Austritte jedoch so eng am Parteitag in Essen, dass ein Zusammenhang nahe liegt. Aber wir haben auch mindestens drei neue Interessenten.

Was heißt Interessenten?
Wir haben eine sehr restriktive Aufnahmepraxis mit sehr klaren Aufnahmeregeln. Das heißt, es gibt ein persönliches Gespräch mit jedem Bewerber und 30 Tage Widerrufsrecht. Eben weil wir keine Mitglieder aus der falschen Richtung wollen.

Also sehen Sie da eine Gefährdung von rechts für die AfD?!
Natürlich. Wenn man gewisse Dinge anspricht wie die Asyldebatte, zieht man auch die falschen Leute an. Aber dieser Gefahr begegnen wir konsequent.

Am 25. und 26. Juli ist der AfD-Landesparteitag in Pforzheim. Was steht dort an?
Nach dem Austritt des Landessprechers Bernd Kölmel müssen wir auf jeden Fall neu wählen. Und dann wird hoffentlich auch das Programm für die Landtagswahl verabschiedet. Ich bin mir sicher, dass dieses Programm sehr gut wird, denn die Landes-Fachausschüsse haben hervorragende Arbeit geleistet. Es ist wichtig, dass wir endlich wieder programmatisch wahrgenommen werden. Unser Kreisverband hat dies immer so gehandhabt, etwa mit offenen Informationsveranstaltungen, zuletzt in Salzstetten zum Thema Windkraft.

Sie hatten geplant, die Aufstellungsversammlung für den Wahlkreis Freudenstadt im Juni abzuhalten und dort den hiesigen Kandidaten für die Landtagswahl zu küren. Wie sehen da die Planungen aus?
Das wird sich noch weiter verzögern. Ich gehe davon aus, dass wir im vierten Quartal ab Oktober soweit sind. Wir hatten vor einigen Wochen die Situation, dass wir erst mal noch abwarten wollten, wie sich die Lage in der Partei entwickelt. Das hatte sich dann bekanntlich zugespitzt. Dann nun kam relativ kurzfristig der Essener Parteitag und wir haben gesagt, wir schauen, was da rauskommt. Und jetzt haben wir einen neuen Vorstand und ganz neue Vorzeichen.

Wo sehen Sie die Ursache für die Probleme in der AfD?
Das Hauptproblem war der Weggang von Leuten aus dem Parteivorstand nach Brüssel ins EU-Parlament. Wenn ich räumlich so weit weg bin, dann tue ich mich schwer, an der Basis dranzubleiben.

Also war der Erfolg bei der Europawahl 2014 für die AfD der Killer, wenn man so will?
Als Killer würde ich es nicht bezeichnen, denn das würde ja den Tod der Partei bedeuten. Aber wir hier im Südwesten waren ja gleich doppelt betroffen. Einerseits ging auf Bundesebene mit Lucke eine wichtige Figur aus dem Bundesvorstand und zusätzlich unser ehemaliger Landesvorsitzender Bernd Kölmel, der sich übrigens erst im Januar dieses Jahres zum Spitzenkandidat der AfD zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 wählen ließ. Und auch der Tübinger Wirtschafts-Professor Joachim Starbatty war plötzlich weg.

Von sieben EU-Abgeordneten sind jetzt nur noch zwei in der AfD. Wie bitter ist das?
Ja, das tut weh. Ich habe auch keine Hoffnung, dass jemand von denen sein Mandat abgibt. Das ist schmerzlich, weil wir ihnen an der Basis mit unserem Wahlkampf ja dazu verholfen haben. Wir haben die Flyer verteilt und sind an den Ständen in den Fußgängerzonen gestanden. Wir haben da Geld und Freizeit geopfert. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.

Interview: Vincent Meissner

Der Sprecher des hiesigen AfD-Kreisverbands Roland Tischbein über die Austrittswelle
Roland Tischbein

Roland Tischbein (42), gebürtiger Stuttgarter, zog 2011 von Horb nach Altheim. Er ist seit April 2013 Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD) und neben Dr.Heinrich Kuhn aus Altensteig einer von zwei Sprechern des Kreisvorstands im Doppel-Kreisverband Freudenstadt/Calw. Tischbein ist selbstständiger IT-Systemberater und macht nebenbei ein Fernstudium in Wirtschafts-Informatik. Er ist geschieden und lebt gemeinsam mit seinen beiden Töchtern (18/14), seinem Sohn (7) sowie seiner Lebensgefährtin.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.07.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball