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Öffentlicher Dienst

Der Staat hat ein Personalproblem

Warten auf Prozesse, Unterrichtsausfall, Engpässe bei der Polizei: Kritiker warnen vor der Handlungsunfähigkeit von Bund und Ländern.

22.07.2019

Von NINA JEGLINSKI

Der Engpass hat Folgen: Lange Schlange vor dem Bürgeramt in Berlin-Neukölln. Foto: Gregor Fischer/dpa

Berlin. Besteht Grund zur Panik? Werden durch die Digitalisierung nicht auch massenhaft Stellen in der Verwaltung wegfallen? In den vergangenen Jahren sind dazu mehrere Studien erschienen, unter anderem von den Beraterfirmen PricewaterhouseCoopers (PwC) und McKinsey (McK). Beide Firmen stehen nicht gerade im Ruf, Interessenvertreter von Beamten und Angestellten im Öffentlichen Dienst zu sein.

Die Zahlen lassen aufhorchen. Laut McK fehlen im Jahr 2030 rund 730 000 Mitarbeiter, PwC kommt sogar auf 816 000 Stellen, die nicht besetzt werden können und warnt: „Der Personalengpass rüttelt an der Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik.“

Betroffen seien alle Bereiche der staatlichen Daseinsfürsorge, darunter Bildungseinrichtungen aller Art, die öffentliche Verwaltung, die innere Sicherheit.

Bereits jetzt macht sich bemerkbar, dass viele Beamte und Angestellte in den Ruhestand gehen. Aktuell arbeiten 4,7 Millionen Menschen im Öffentlichen Dienst. „Davon werden unseren Daten zufolge ungefähr 1,8 Millionen in den kommenden zwölf Jahren in Rente oder Pension gehen, vor allem in der mittleren Führungsebene“ sagt Kerstin Best, Managerin bei bei McKinsey dieser Zeitung.

In deutschen Behörden werden in der aktuellen McKinsey-Studie „Die Besten, bitte“ in den kommenden zwölf Jahren nur knapp 1,3 Millionen Nachwuchskräfte nachrücken. Damit drohe eine Vervierfachung der heutigen Personallücke von unter vier Prozent auf dann fast 16 Prozent.

Die Neubesetzung dieser Stellen stellt den Öffentlichen Dienst vor Probleme, die in den vergangenen 40 Jahren unbekannt gewesen sind. Stets konnten sich die Arbeitgeber für ihre Posten in den Kommunen, Bundesländern oder auf Bundesebene aus einem großen Reservoir an Bewerbern bedienen. Doch nicht nur die geburtenschwachen Jahrgänge Ende der 1980er bis Mitte der 1990er-Jahre sind schuld an der Personalflaute.

Laut aktueller McK-Studie bemängeln 72 Prozent der Befragten das Fehlen eines Wertversprechens in ihrer Organisation oder kritisieren, dass dieses veraltet ist; 52 Prozent geben wenig attraktive Karrierepfade und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten als einen Hauptgrund an, warum Beschäftigte der mittleren Führungsebene die Organisation verlassen.

Besonders eklatant macht sich der Mangel bei Nachwuchskräften mit akademischem Hintergrund bemerkbar: 2030 werden im öffentlichen Sektor den Studien zufolge etwa 401 000 Mitarbeiter mit abgeschlossenem Studium fehlen, also Beamte der Besoldungsgruppen A9 aufwärts oder Tarifangestellte der Entgeltgruppen E9 und höher. Dieser Nachwuchs ist für die spätere Besetzung der mittleren Führungsebene in Behörden entscheidend, also beispielsweise für die Besetzung von Unterabteilungs- oder Referatsleiterposten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

Doch bereits als Einstiegsoption erscheint die öffentliche Verwaltung für viele Nachwuchskräfte heute wenig attraktiv. In einer Umfrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unter Studierenden gab nur knapp jeder Zehnte an, mit Bestimmtheit im öffentlichen Sektor arbeiten zu wollen. Dagegen war jeder vierte Studierende sicher, sich seinen Arbeitgeber in der Privatwirtschaft zu suchen. Besonders die großen Behörden haben es schwer, sich als attraktive Arbeitgeber zu profilieren. So gehören zu den aktuellen Toparbeitgebern auf der Wunschliste von Berufseinsteigern zwar das Auswärtige Amt oder die Deutsche Bundesbank. Andere große Behörden tauchen jedoch in solchen Ranglisten überhaupt nicht auf.

Doch nicht nur die Rekrutierung von Mitarbeitern ist für den Öffentlichen Dienst schwer, auch der Abgang von Mitarbeitern macht den Behörden zu schaffen. Vor allem Bereiche wie Polizei, Kinderbetreuung, Kliniken sowie die Justiz haben heute massive Probleme, Stellen zu besetzen.

„In den Hochzeiten der Sparpolitik wurde in vielen Bereichen zu wenig ausgebildet. Die Lücken sind spürbar und es besteht erheblicher Nachholbedarf“, sagt Wolfgang Pieper, Verdi-Bundesvorstandsmitglied dieser Zeitung. Als Mittel gegen den Personalmangel meinen Bundesländer wie Brandenburg einen Weg gefunden zu haben: Dezentralisierung und Digitalisierung. Bereits im Jahr 2007 ermittelten Arbeits- und IT-Experten, dass „durch Verlagerung von Verwaltungsprozessen auf Onlinekanäle sowie in der internen Automatisierung ein enormes Effizienz- und Einsparpotenzial von 45 Prozent“, liege. Doch auch mehr als zehn Jahre später lahmt nicht nur die Personalgewinnung auch der Ausbau der digitalen Infrastruktur, hinkt hinterher.

c Foto: c

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Erstellt:
22. Juli 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 06:00 Uhr

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