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Herrin über Leben und Tod - Angeklagte fühlt sich unverstanden

Der Staatsanwalt plädiert auf Mord

Der Staatsanwalt plädierte auf Mord wegen Heimtücke und eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die 49-jährige Angeklagte, die gleich nach ihrer Verhaftung zugegeben hatte, ihren Ehemann Fritz Nusser getötet zu haben, wandte sich zum Schluss in einem „Appell an alle: Macht so etwas nicht!“

20.12.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. „Es ist für mich“, so sagte die Tochter des Getöteten in ihrem Schlusswort zu der Angeklagten, „nach wie vor nicht zu verstehen, dass du den einzigen Menschen umgebracht hast, der versucht hat, dich zu verstehen.“ Und zu dem Begriff „Respekt“, den die Frau ihres Vaters so oft im Mund geführt habe, merkte sie an: „Man kann nicht von anderen verlangen, was man selbst nicht geben will.“

Am Ende der Verhandlung vor dem Tübinger Landgericht bleiben viele Fragen offen. Dies schickte auch der Staatsanwalt gestern seinem Plädoyer voraus. Dabei scheint die Sachlage in diesem Mordprozess klar: Es gibt das Geständnis der Angeklagten, und sie gestand sogar, im Keller ihres Hauses in der Denzenbergstraße Schießübungen abgehalten zu haben. An jenem Dienstag, 6. März, steckte sie dann die Waffe in ihre Tasche, bevor sie ihren Mann vor seiner Wohnung abpasste. Der Mann lenkte die wütende Frau in sein Auto und das Auto zu ihrer Wohnung in der Denzenbergstraße. Um 18.45 Uhr war er tot, niedergestreckt von sechs Schüssen, die ihn mehrfach hätten töten können. Am Ende hatte die Frau ihrem Opfer noch die Pistole an den Kopf gesetzt und laut Zeugen „Verreck endlich, du Sau!“ geschrien.

Dem Staatsanwalt ging es, wie er betonte, nicht nur um ein äußerliches Bild der Tat, sondern auch um die „Innenperspektive“ der Angeklagten. Nur so sei „ein gerechtes Urteil“ zu fällen. Niedere Beweggründe, Verdeckung einer anderen Straftat, auch Habgier („sie stand durch die Tat finanziell nicht besser da“) – alles Kriterien für die juristische Bewertung eines Mordes – schloss er im Fall Nusser aus. Er prüfte hingegen ein anderes Mordmerkmal: die Heimtücke.

Kein unentrinnbares Schicksal

Auf der Suche nach der Wahrheit machte es sich der Staatsanwalt nicht leicht. Er hielt der Angeklagten zugute, dass sie nicht „prozesstaktisch“ argumentiert habe und dass sich viele ihrer Aussagen auch objektivieren ließen. Weder zweifle er an ihrer Liebe zu ihrem Mann, noch an ihren Enttäuschungen und den Taktlosigkeiten, die ihr widerfuhren. Auch in ihrer Heimatlosigkeit, diesem Leben zwischen zwei Welten, sah er eine Ursache für ihr Leid. Andererseits aber habe sich ihr Leiden mit viel Selbstmitleid vermischt und ihr zu einem „sekundären Krankheitsgewinn“ verholfen, ein Begriff, den der Hausarzt der Angeklagten eingeführt hatte und den der Staatsanwalt als sehr passend empfand.

Die Angeklagte habe sich aus der als Zentrum ihres Lebens empfundenen Liebe nicht lösen können, obwohl sie für beide Partner unerträglich geworden sei. Dennoch wollte der Ankläger kein „unentrinnbares Schicksal“ à la griechische Tragödie annehmen. Es sei ihr freier Entschluss gewesen, so zu handeln wie sie handelte. Sie habe sich „zur Herrin über Leben und Tod“ aufgespielt.

Am 6. März habe sie die Arglosigkeit und die damit verbundene Wehrlosigkeit ihres Opfers ausgenützt. Beim ersten Schuss auf ihren Mann sei die Pistole noch verdeckt gewesen. Fritz Nusser, so der Staatsanwalt, habe keine Chance gehabt. An seiner Leiche sei keine Spur von Abwehr zu erkennen und auch eine Flucht erschien nicht mehr möglich: „Erst beim vierten Schuss öffnete er die Fahrertür, da war er schon tödlich getroffen.“

Der letzte Kopfschuss offenbare dann einen so „überschießenden Vernichtungswillen“, dass die Tat nur als „heimtückischer Mord“ und als Hinrichtung zu werten sei. Deshalb hielt der Staatsanwalt eine lebenslange Freiheitsstrafe (Minimum sind 15 Jahre) für angemessen.

Die Nebenklagevertreter waren einig mit ihm: In 33 Jahren, so Christoph Geprägs, habe er noch nie Angeklagte wie diese erlebt: „prinzipiell geständig, doch mit so wenig Unrechtsbewusstsein“.

Auch für den Verteidiger blieben in dem Verfahren viele offene Fragen zurück: Über die DNA-Spuren des Opfers auf der Waffe hätte er gerne mehr gewusst und ebenso, woher die Waffe kommt. Dennoch mochte der Verteidiger weder einen „intentionalen Handlungsbogen“ bis zur Tat noch Heimtücke annehmen. So arglos könne der Mann nicht gewesen sein, wenn er Wochen zuvor schon von seiner Angst gesprochen habe, seine Frau werde ihn – wortwörtlich – „erschießen“. Nusser sei nur „situativ wehrlos“ gewesen, weil er gerade am Steuer saß, und seine Mandantin habe zunächst das Gespräch gesucht, sie habe „die Wehrlosigkeit nicht bewusst ausgenutzt“.

Kinder sollen nicht nur Mörderin sehen

Und sei es nicht ohnehin so, gab der Anwalt zu bedenken, dass Frauen prinzipiell schon deshalb Heimtücke unterstellt werde, weil sie wegen ihrer körperlichen Unterlegenheit Listen anwenden müssten, die als Heimtücke ausgelegt würden? Totschlag erscheint dem Verteidiger als eher angemessenes Urteil.

Es schmerze sie, dass sie ihren getöteten Mann nicht mehr zurückbringen könne, sagte die Angeklagte in ihrem Schlusswort und ebenfalls, dass „die Leute nicht imstande sind, meine Probleme zu verstehen“. Sie plane, ihre Gefühle niederzuschreiben, damit „meine Kinder mich nicht nur als Mörderin sehen“.

Am Donnerstag um 14 Uhr wird das Urteil gesprochen.

Der Staatsanwalt plädiert auf Mord
In diesem Haus in der Tübinger Denzenbergstraße lebte die Angeklagte 15 Jahre abgeschottet und nur mit dem nötigsten Kontakt zur Außenwelt.

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20.12.2012, 12:00 Uhr

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