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„Kennen Sie Tübingen“ befasste sich mit der Weststadt

Der Stadtplaner denkt in die Quere

Rund 250 Interessierte hatten sich am späten Montagnachmittag zur vierten Führung „Kennen Sie Tübingen?“ in diesem Jahr auf dem Gelände des alten Milchwerks in der Rappstraße eingefunden. Sie wollten wissen, wie es mit dem einen oder anderen Projekt in der Weststadt weitergeht.

15.08.2012
  • katharina mayer

Tübingen. Dagmar Waizenegger vom Fachbereich Kultur der Stadt Tübingen versprach vorweg, man werde Bereiche der Weststadt erkunden, in denen sich „die letzten Jahre wenig getan hat, in den nächsten aber sehr viel tun wird“. Ein kleiner Bereich stehe dezidiert zur Umgestaltung an, bei anderen sei gerade mal die Planung in Aussicht.

Die Führung durch die Weststadt übernahm Tübingens oberster Stadtplaner Tim von Winning. Der, verriet Waizenegger, sei „in der Stadtverwaltung legendär für sein Arbeitspensum“. Von Winning erläuterte erst einmal die Geschichte des Stadtteils. „Weil die Weststadt eine Besonderheit in der Entwicklung hatte.“

Das gesamte Stadtgebiet sei „sehr stark in Längsrichtung“ entwickelt, es gebe nur wenige Querbezüge. Historisch betrachtet übrigens ziemlich folgerichtig: Während die Herrenberger Straße einer alten Römerstraße folgt, war der heutige Schleifmühleweg eine Art frühes Industriegebiet. „Das war der Bereich, in dem man im frühen Mittelalter angefangen hat, Wasser von der Ammer abzuzweigen.“ Entlang des Kanals hätten sich dann gewerbliche Betriebe angesiedelt, welche die Wasserkraft nutzten, so von Winning. „Dazwischen gab es keine Verbindung.“

Die lineare Struktur der Weststadt, die über die Jahrhunderte erhalten blieb, sei heute eine Herausforderung für die Stadtplanung. „Wir wollen diese Querbezüge herstellen.“

Das Milchwerk, Treffpunkt zur Führung, steht mitsamt seinen nördlich gelegenen Parkplätzen im Fokus der Stadtplaner. Einst entstanden, um die Milchversorgung der Tübinger Stadtbevölkerung zuverlässig und unabhängig von der tagesaktuellen Abnahmemenge zu gewährleisten, steht es heute leer. Ein Gebäude, das man laut von Winning „nicht zwingend erhalten muss“.

Mittlerweile ist auch der eingeschossige Bio-Supermarkt Geschichte, den eine Firma dort bauen wollte. Denn die Stadt pochte auf ihr Vorkaufsrecht aus alten Verträgen. Einen solchen Supermarkt, sagt von Winning, habe sich die Stadtverwaltung auf dem Areal nicht vorstellen können. Lieber wolle man „eine Erweiterung der Unterstadt“ mit drei- bis viergeschossigen Wohngebäuden.

„Wir haben das Gefühl, es wäre falsch, das Milchwerk-Gebäude zu erhalten“, sagt von Winning zum aktuellen Stand. „Das ist aber noch nicht abschließend diskutiert.“ Anfang kommenden Jahres wolle man seitens der Stadt „in die Entwicklung gehen“.

Zur Zeit beherbergt das Milchwerk Proberäume für Bands und die Ateliers diverser Künstler – von beidem gibt es in Tübingen zu wenig. Ein Gang durch das Untergeschoss – der vielen Interessenten wegen aufgeteilt in zwei Gruppen – machte schnell klar, warum dieses ab und an auch kulturell genutzt wird: Die alten Milchtanks aus Stahl, die gekachelten weißen Wände und die räumliche Struktur verleihen dem Gebäude einen ganz eigenen Charme. Am 8. und 9. September, verriet Dagmar Waizenegger, soll an dieser Stelle die nächste Kunst-Performance steigen.

Die nächste Station der Weststadt-Tour war der alte Genkinger Spielplatz an der Westbahnhof-Straße. Hier rauschen tagtäglich tausende Autos vorbei, den tristen Platz mit Schaukel und Tischtennisplatte trennt nur ein Zaun vom Geschehen auf der Straße. „Eigentlich“, wandte sich ein Zuhörer an von Winning, „hätte ich erwartet, dass man vorher wenigstens mäht, wenn man auf den Spielplatz geht. Ist das hier ein Spielplatz?“

Von Winning reagierte locker – er habe vor der Führung nichts beschönigen wollen, sagte er dem Mann. „Hier wird ein wichtiger Teil der Diskussion für die zukünftige Entwicklung stattfinden“, so der Stadtplaner. Die Westbahnhofstraße habe sich „nicht richtig planvoll entwickelt“, sagte von Winning mit Verweis auf Wohnbebauung auf der einen, den riesigen Saturn-Elektromarkt auf der anderen Seite. „Hier sind viele Sachen, die nicht so richtig zusammen passen.“

Das Areal zwischen Molkerei-Parkplatz auf der einen und bisherigem Spielplatz auf der anderen Seite biete „aus unserer Sicht die Chance, einen neuen Stadteingang hier zu machen“. Das bisherige Bild vermittle eher das Gefühl, man fahre in eine Art Industriegebiet. „Die Frage ist, wodurch an dieser Stelle Qualität entsteht.“ Zumal der Ort hier immer „verkehrlich stark belastet“ bleiben werde.

Anstelle des alten Genkinger Spielplatzes hätte von Winning lieber einen neuen, ruhigen Spielplatz mit Zugang zur Ammer. Ob das nicht lebensgefährlich für die Kinder sei, fragte ein Zuhörer. „Also, ich sehe eine Lebensgefahr im Leben“, antwortete von Winning, der selbst Kinder hat. Die Eltern müssten hier Verantwortung übernehmen, ihren Kindern das Richtige zu erklären. Die Erfahrungen aus anderen Städten zeigten jedenfalls, dass die beliebtesten Spielplätze eben jene am Wasser seien.

Weiter ging es über die Ammerbrücke, am alten Trafo-Turm vorbei. Diesen zum Wohnhaus mitsamt kleinem Anbau umzugestalten, hatten sich mittlerweile wieder abgesprungene Interessenten vorgenommen. Der Plan allerdings ist immer noch aktuell. „Wir verfolgen das weiter“, sagt von Winning.

Letzte Station der Führung war das ehemalige Steinhilber-Areal, auf dem gerade gebaut wird. Nach einem Exkurs in die Geschichte des Unternehmens erläuterte von Winning erst einmal, was denn ein Bebauungsplanverfahren überhaupt ist. „Man braucht ein Baurecht“, betonte der Stadtplaner. Und das steht auf zwei Beinen: Zum einen darf man ohne Bebauungsplan für ein Areal „genau das bauen, was in der Umgebung da ist. Da gibt es den Begriff des Einfügens“. Und dann gibt es eben noch das Bebauungsplan-Verfahren. Mit einem solchen könne man „alles sehr genau regeln“, zumal es sich um ein städtisches Planungsrecht handle. „Das ist städtisches Gesetz und gilt unbefristet, bis es vom Gemeinderat wieder einkassiert wird.“

Der Ammer-Begleitweg jedenfalls soll bis an das Steinhilber--Areal weitergeführt werden und eine Brücke soll einmal die beiden Ammer-Uferseiten miteinander verbinden.

Der Stadtplaner denkt in die Quere
Tübingens oberster Stadtplaner Tim von Winning erklärt seinen Zuhörern die Weststadt. Bild: Mayer

Der Stadtplaner denkt in die Quere
Im Inneren des alten Milchwerks in der Rappstraße. Bild: Mayer

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15.08.2012, 12:00 Uhr

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