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Der Stimmungsmacher
Auch ohne Schnee: Deutsche Weihnachtsmarktromantik steht hoch im Kurs bei Besuchern aus dem Ausland. Hier macht sich die südamerikanische Familie Aguillen auf den Weg durch die Budenstadt. Foto: Helmut Ulrich
Weihnachtsmarkt in Stuttgart

Der Stimmungsmacher

Auf dem Weihnachtsmarkt herrscht ein Sprachengewirr. Besonders häufig ist Schwyzerdütsch zu hören. Aber auch US-Familien holen sich in der geschmückten Altstadt Lust auf das Christfest.

12.12.2016
  • BARBARA WOLLNY

Wir suchen Frauen und Glühwein.“ Mark und Benjamin, stabile Mittvierziger, sind in bester, wenn auch nicht unbedingt besinnlicher Stimmung. „Hier geht's richtig zur Sache“, meinen die zwei Berner, die morgen mit dem Bus wieder nach Hause fahren werden und denen der abendliche Marktbummel sichtlich Spaß macht. Glühwein zumindest haben sie schon reichlich gefunden.

Fast wie Guetzli-Backen und Päckli-Packen ist ein Stuttgart-Besuch bei den Eidgenossen schon fester Vorweihnachtsbrauch. Ihr Anteil an den vier Millionen Besuchern des Weihnachtsmarkts ist hoch. Ein Viertel der ankommenden 4500 Reisebusse kommt aus der Schweiz.

Edith Wittlin, die einen Bustagesausflug aus Zürich gebucht hat und nach Marktschluss abends wieder zurück nach Volketswil fährt, trifft man bei der Hundebäckerei. An dem Stand mit selbstgebackenen Leckerlis kauft sie zwei große Tüten für Mischlingshündin Nelli, die seit März zur Familie gehört. „Zu Hause wäre das fast unbezahlbar. Außerdem gibt es solche Hundekekse bei uns nicht“, erklärt sie ihren Großeinkauf. Kein Wunder, dass Standbesitzer Uli Schlotterbeck seine Schweizer Kundschaft schätzt: „ Es kommen unheimliche viele. Sie sind angenehm entspannt und ihre Kauflust hoch. Da wird nicht lange gefragt und verhandelt. Deutsche Kunden sind da ganz anders.“

Eine Runde auf dem Eis

Auch Gewürze, Tees und Gebäck will Edith Wittlin erstehen. Trotz des vorteilhaften Frankenkurses steht bei ihr und ihren fünf Freunden aber nicht das Einkaufen im Vordergrund. „Wir kommen seit fünfzehn Jahren, weil es wunderschön in Stuttgart ist. Es ist der schönste Markt überhaupt, jedes Häuschen ist festlich dekoriert und geschmückt. Unsere Weihnachtsstimmung steigt hier beträchtlich.“

Ebenfalls schon fünfzehn Jahre lang reisen Marion Meyer und Helene Rech aus Zürich an. Als geübte Besucherinnen haben sie sich schön warm eingemummelt. Früher kamen sie mit dem Bus, jetzt mit dem Auto und übernachten zweimal in der Stadt. „Jedes Jahr freuen wir uns auf Stuttgart. Deshalb kommen wir jetzt auch gleich für drei Tage. Wir sind jeden Tag auf dem Weihnachtsmarkt, und eigentlich wird dauernd gegessen“, erzählen die zwei Frauen bestens gelaunt und machen sich auf den Weg zum „Blonden Engel“, dem nächsten Treffpunkt, wo die Freunde und ein Apero wartet.

Spanisch, Italienisch, Englisch und viele verschiedene asiatische Sprachen hört man im geheizten Weihnachtsfachgeschäft von Käthe Wohlfahrt. Aber nicht der Wärme wegen scheint das Holzhaus voll zu sein. Hier findet sich grell glitzernd oder bunt bemalt alles als Miniatur, was zur traditionellen deutschen Weihnacht gehört: Lebkuchenmänner, Weihnachtsengel, Räuchermännchen, Nussknacker, Krippen und Baumbehang in Fülle, alles begehrte Mitbringsel für die Zuhause gebliebenen. Die großen Weideneinkaufskörbe füllen sich im Handumdrehen.

Der Stand ist auch Pflichtprogramm für die mexikanisch-puertoricanische Familie Aguillen. Sie sind in den Robinson Barracks zu Hause, wo Vater Amador als Stabsfeldwebel in der US-Army Dienst tut. „Weihnachten ist für uns eine ganz besondere Zeit, und uns gefällt es, wie das Fest in Deutschland gefeiert wird“, erklärt Mutter Atabex. Während in den USA lustige Wettbewerbe im Freundes- und Kollegenkreis veranstaltet werden, wer zum Beispiel den hässlichsten Pullover trägt oder das unbrauchbarste Geschenk mitbringt, werde in Deutschland das Fest in der Familie begangen und so innig zelebriert wie in den Heimatländern des Paares.

Der Besuch des Weihnachtsmarkts ist für die Aguillens ein Höhepunkt in der Vorweihnachtszeit. Etwas Vergleichbares kennen sie aus ihrer Heimat nicht. Und alle freuen sich schon aufs Essen: Bratwürste, Sauerkraut mit Schupfnudeln und Apfelstrudel sind ihre Favoriten. Vorher aber müssen die Kinder unbedingt noch aufs Eis. Im „Wintertraum“ am Schlossplatz drehen sie die ersten Runden ihres Lebens auf Schlittschuhen. Da hat man dann zu Hause viel zu erzählen.

Das Wetter passt perfekt

Trocken „Das wird für viele Beschicker der beste Markt aller Zeiten“, sagt Marcus Christen vom Veranstalter in.Stuttgart. Die Gründe: die fast fünf Wochen lange Adventszeit und das kalte,trockene Wetter. Das steigere den Abverkauf von warmen Socken genauso wie den Verzehr von Bratwurst und Bratapfel.

Gewinn Vor zwölf Jahren war für die Stadt der Weihnachtsmarkt noch ein Minus-Geschäft. Jetzt schreibt sie schwarze Zahlen. Den Kosten von knapp einer halben Million Euro für Kinderbetreuung, Ordnungsdienste, Dekorationen und Reinigung stehen Einnahmen durch Mieten und den Verkauf der Glühweinbecher gegenüber.⇥ bw

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12.12.2016, 06:00 Uhr

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