Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Freital

Der Stolz der Ausgestoßenen

In Freital werden fünf Mitglieder einer rechtsterroristischen Gruppe festgenommen. Ein Zufall? In der Stadt gibt es eine Wagenburgmentalität.

20.04.2016
  • HARALD LACHMANN

Mehr als 200 Beamte - unter ihnen die Antiterroreinheit GSG 9 - hatte die Staatsmacht in Freital zusammengezogen. Sie durchsuchten Wohnungen und nahmen fünf Verdächtige fest: vier Männer zwischen 18 und 39 Jahren sowie eine 27-jährige Frau. Vorgeworfen wird ihnen Mitgliedschaft in der rechtsterroristischen "Gruppe Freital".

Den einen in der Stadt dauerte es zu lange, ehe der Staat agierte. Andere sehen in der Aktion eine weitere Kampagne, um die Industriestadt zu verunglimpfen. Zu ihnen gehört Freitals Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU). Er verweigerte unlängst seine Unterstützung für ein Konzert, das das Bündnis "Laut gegen Nazis" plant: Das befeure "das leider überregional bei manchen eingebürgerte Klischee, gerade in Freital gebe es eine nennenswerte Neonazi-Szene".

Doch ist Freital eine besonders rechtsradikale Stadt? Man könnte es meinen angesichts der teils rüde pöbelnden Bürger, die 2015 versuchten, die Umwandlung eines ehemaligen Hotels in ein Flüchtlingsheim zu verhindern. Oder die "NS"- und "No Asyl"-Schmierereien. Oder auffällig viele junge Männer im Outfit der rechtsextremen Szene. Auch der erste Presseauftritt der damals in den Dresdener Landtag gewählten NPD fand 2004 fast konspirativ in einem Freitaler Lokal statt.

Die Mischung aus Trotz, Frust und dem Gefühl, zu Unrecht verfolgt zu werden, hat in Freital lange Tradition. Vermutlich speist sich daraus das Klima unter den 40 000 Bewohnern einer Kommune, die weder Geschichte noch ein urbanes Zentrum besitzt. 1921 entstand die Stadt aus drei Industriedörfern. Heute besteht sie aus 15 Ortsteilen, die kaum etwas vereint als der Kunstname "Freital". Den hatte damals die SPD kreiert, als sie begann, ein linkes Gemeinschaftsmodell mit Arbeitersiedlungen zu schaffen, in denen man "frei von Ausbeutung und Unterdrückung" leben wollte. Freital war lange Sachsens einzige Stadt mit einem SPD-Oberbürgermeister. Gestrandete und Ausgestoßene der kapitalistischen Gesellschaft schufen sich hier ein neues Selbstwertgefühl. Doch das ging ausgerechnet in der DDR zugrunde, als die SED daran ging, diese gemeindesozialistische Idee auszulöschen. Nach der Wende 1989 hatten Kleinstadtpopulisten das sagen: Sie trugen den überkommenen Beharrungswillen vor sich her - mit entgegengesetzter Ideologie. Daraus rekrutierte sich die 2015 entstandene Freitaler Bürgerwehr, Nährboden für die rechtsterroristische Gruppe. Eine Wagenburgmentalität hat begonnen sich auszuleben, für die alles Fremde als bedrohlich gilt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.04.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball