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Im Krieg der Bilder

Der Stuttgarter Kunsthistoriker Sven Beckstette über Inszenierungen des Terrors

Jedes Attentat hinterlässt Bilder des Schreckens, tausendfach gesendet und gedruckt. Die mediale Verbreitung gehört zum modernen Terrorismus, sagt Sven Beckstette, Kurator am Kunstmuseum Stuttgart.

21.11.2015
  • LENA GRUNDHUBER

130 Menschen hat der Anschlag in Paris das Leben gekostet, erst gestern gab es ein Geiseldrama in Mali. Terror verursacht Leid und Tod - und produziert Bilder, mit denen wir weiterleben müssen. Der entführte Hanns Martin Schleyer, Flugzeuge, die ins World Trade Center fliegen, eine schwangere Frau, die am Fenstersims hängt: Diese Bilder bleiben haften. Ein Gespräch mit Kunsthistoriker Sven Beckstette über das Attentat der Bilder und die Bedeutung von Gegenbildern.

Welche Rolle spielt die mediale Inszenierung für den Terror?

SVEN BECKSTETTE: Sie ist ein Teil davon. Man kann sagen, dass der moderne Terrorismus Hand in Hand geht mit der Entwicklung von Massenmedien. Der Terrorismus der russischen Anarchisten im 19. Jahrhundert hängt eng mit dem aufkommenden Zeitungswesen zusammen. Seit der Entwicklung von Live-Medien wie Fernsehen und Internet hat sich diese Wirkung verstärkt. Denn Terroristen geht es um die Verbreitung von Schrecken. Die Anarchisten prägten das Schlagwort von der "Propaganda der Tat": Die Tat mit ihren schrecklichen Verwüstungen ist ein Mittel, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ein Beispiel ist die Geiselnahme der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Die Terroristen kalkulierten damit, dass die Anwesenheit von Funk und Fernsehen dafür sorgen wird, das Geschehen weltweit zu übertragen. Damit hatten sie erreicht, was sie wollten: Aufmerksamkeit auf die Zustände in den Palästinenserlagern zu lenken. Das extremste Beispiel ist der 11. September 2001.

Wieso?

BECKSTETTE: Auf Bildern früherer Anschläge ließ sich nicht per se erkennen, dass hier ein Terrorakt stattgefunden hat. Ein Foto des ausgebrannten Autos des RAF-Opfers Alfred Herrhausen könnte auch einen Wagen zeigen, der aus anderen Gründen zerstört worden ist. Der Anschlag auf das World Trade Center hingegen galt nicht nur einem symbolischen Gebäude, sondern war als bilderstürmerischer Akt, als Angriff auf die westlich-kapitalistische Lebensweise bewusst für die Medien inszeniert: Als das zweite Flugzeug in die Türme flog, waren die Kameras darauf gerichtet und konnten nicht anders, als den Einschlag zu senden, ohne eine Chance auf Reflexion. Wenn der Anschlag im Pariser Fußballstadion gelungen wäre, so wie die Terroristen das wohl vor hatten, wäre auch das vermutlich live übertragen worden.

Das heißt, wir sind einem doppelten Anschlag ausgesetzt - einem Attentat der Bilder?

BECKSTETTE: Das kann man so ausdrücken, wobei man die realen Opfer natürlich nicht vergessen darf. Medien stecken in so einem Moment in der Zwickmühle zwischen Berichterstattung und indirekter Unterstützung der Terroristen, indem sie ihre Propaganda weiterverbreiten. Es ist ein schmaler Grat zwischen Aktualitätsdruck und Sensationslust, Aufklärung und Informationsvermittlung. Feststellen lässt sich, dass beim Umgang mit Kriegsbildern die Sensibilität deutlich zugenommen hat, als man nach dem Zweiten Golfkrieg merkte, wie viele falsche Bilder im Umlauf sind.

Gibt es so etwas wie eine historische Ikonografie des Terrors?

BECKSTETTE: Ich glaube nicht, dass man das sagen kann, weil terroristische Gruppierungen unterschiedlich, politisch oder religiös, motiviert sind. Die Rote Armee Fraktion bezog sich mit ihrem roten Stern auf eine kommunistische Volksarmee, Bin Laden inszenierte sich als Prophet in der Höhle - das unterscheidet sich je nach ideologischem Hintergrund. Und nach der Zielgruppe, die man erreichen will. Terroristen wollen nicht zuletzt Sympathisanten vermitteln, wie mächtig sie sind, wollen Stärke simulieren, obwohl die vielleicht schon im Schwinden begriffen ist - die These gibt es auch in Bezug auf den IS und die Pariser Anschläge.

Was kann man dem entgegensetzen?

BECKSTETTE: Das tun wir automatisch: Wir färben die Oper von Sydney oder die Facebook-Profile in den Farben der Trikolore ein, in den sozialen Netzwerken kursiert das Peace-Zeichen mit dem Eiffelturm des Grafikers Jean Jullien. Wir beantworten die Bilder des Schreckens unsererseits mit symbolischen Bildern der Selbstvergewisserung und der Solidarität. Auch die Kampfansage der Hacker von Anonymous an den IS ist ein Krieg gegen Bilder und ihre Vertriebskanäle im Internet.

Ist das nicht alles etwas hilflos?

BECKSTETTE: Nein, ich denke, dass das Bedeutung für uns hat. Die Bilder von Flüchtlingen, die in München freundlich aufgenommen werden, sind zum Beispiel ein wichtiges Signal. Ich habe gelesen, dass der IS daraufhin offenbar mehrere Videos produziert hat, um die Fliehenden zu überzeugen, dass sie in Europa in ihr Unglück laufen.

Kann man das künstlerisch verarbeiten?

BECKSTETTE: Was den 11. September angeht, hat Michael Moore in seinem Film "Fahrenheit 9/11" einen bewussten Umgang gefunden: Er hat das Bild abgestellt und nur die Tonspur laufen lassen. So hat er den Anschlag gekontert und auf eine neutrale Ebene gebracht, jede bildliche Wiedergabe hätte die Rhetorik des Terrors nur wiederholt. Ähnlich ist es mit dem Bild, das Gerhard Richter 2005 zum 11. September gemalt hat: Er nutzt eine vergleichsweise kleine Leinwand, verunklart das Motiv, kratzt die Farbe ab, bricht die Macht des brutalen Bildes. Bis man reflektiert mit diesen Bildern umgehen kann, dauert es eine Weile, auch in der Kunst.

Der Stuttgarter Kunsthistoriker Sven Beckstette über Inszenierungen des Terrors
Sven Beckstette. Foto: Kunstmuseum Stuttgart

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21.11.2015, 12:00 Uhr

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