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Der gemeinsame Nenner

Der Südwestdeutsche Kammerchor probt Arvo Pärt und Josquin Desprez

Am kommenden Samstag und Sonntag stellt der Südwestdeutsche Kammerchor Alte und Neue Musik einander gegenüber. Die spannende Frage: Was ist der gemeinsame Nenner von Renaissance und Postmoderne? Pärts Te Deum wird in Tübingen zum ersten Mal zu hören sein.

18.10.2012
  • Achim Stricker

Tübingen. In den letzten Jahren hat sich der Südwestdeutsche Kammerchor konzentriert mit Barockmusik auseinandergesetzt, etwa in seinem über fast zehn Jahre angelegten Großprojekt „Händel 2009“. Nun greift das Ensemble mit Renaissance und Postmoderne stilistisch nach beiden Seiten aus. Arvo Pärt, einer der bedeutendsten und beliebtesten zeitgenössischen Komponisten, stand für Chorleiter Rolf Maier-Karius schon lange fest. Schnell wurde ihm klar, dass sich Pärt ideal mit Josquin kombinieren lassen müsste, dem gerühmtesten Komponisten der Frührenaissance. Eine spannende Konfrontation: Wohlproportionierte Renaissance trifft auf postmodernen Minimalismus – wie geht das zusammen?

Beim Probenwochenende im Seminar für Didaktik und Lehrerbildung sitzt der Chor im Kreis. Ziel der Übung: mehr Eigenverantwortung und gestalterische Initiative. Die Sänger(innen) sollen bewusst aufeinander reagieren. Chorleiter Maier-Karius nimmt sich da fast ganz zurück: „Es wäre schön, wenn ich nur Impulse zu geben bräuchte.“ Weniger Dirigat, mehr Interaktion. „Die Einsätze kommen viel selbstverständlicher, wenn ihr in die Eigenverantwortung geht. Und der Klang ist auch gleich viel homogener.“

Pärts Vertonung der biblischen Seligpreisungen, „Beatitudines“ für Chor und Orgel, ist in seinem typischen Tintinnabuli-Stil („Glöckchenspiel“) geschrieben: minimalistische Reduktion auf die Töne des Dreiklangs, meditative, glockenartige Wiederholungen der immerselben Töne. Die Stimmen von Sopran und Tenor sind ebenso achsensymmetrisch gespiegelt wie die von Alt und Bass. Über alle Gegensätze des Textes hinweg bewegt sich die Musik mit geradezu kosmischem Gleichmaß. Einen festen Takt gibt es nicht, die Phrasenlänge ist variabel.

Es ist nicht leicht, diese gleichförmigen Pendelbewegungen lebendig zu halten. Jede Silbe wird minutiös wie auf einer Apothekerwaage abgewogen. Maier-Karius geht in die Mitte des Chor-Kreises und zieht, formt, moduliert den Klang wie ein Puppenspieler. Wenn zwischendurch Josquin Desprez geprobt wird – der strophische Hymnus „Verbum supernum prodiens“ oder die Motette „Tu solus qui facis mirabilia“ –, fallen Ähnlichkeiten in der Klangarchitektur auf: die Linearität und Ebenmäßigkeit der Bewegungen, die Zäsuren nach jeder Zeile, die überall spürbare Ordnung. Es gibt aber auch gravierende Unterschiede: Josquin als Kind von Renaissance und Humanismus phrasiert seine Musik melodisch, passt sie dem menschlichen Atem an. Seine Musik reagiert emotional auf die Stichworte des Textes. „Josquin komponiert einzelne Wort-Erlebnisse, Pärt größere Sinnzusammenhänge“, pointiert es Maier-Karius.

Pärt unterwirft Text und Sängeratem mathematischen Gesetzen, Zahlenformeln, geometrischen Spiegelungen. Die musikalischen Abläufe bekommen dadurch die Unveränderlichkeit kosmischer Gesetzmäßigkeiten; die Stimmen verlaufen unausweichlich wie Planetenbahnen. Darin liegt auch etwas Über-Menschliches. „Pärt ist weit weniger einfach und organisch zu singen als Josquin“, so Maier-Karius.

Hauptwerk des Konzerts ist Pärts halbstündiges Te Deum für zwölfstimmigen Chor und Streichorchester. Dazu kommt ein präpariertes Klavier, bei dem zwischen vier Saiten Schrauben eingedreht werden. Die derart blockierten Saiten klingen wie Gongs. Von zwei CDs werden zudem stellenweise zwei tiefe, endlose Töne eingespielt, erzeugt von einer gigantischen Windharfe.

Stärker als in den übrigen Werken bezieht Pärt sich hier auf Gregorianik, wenn auch zeitgenössisch reformuliert. Die Grundstruktur ist so einfach wie hypnotisch: Das Werk changiert zwischen d-Klängen, d-moll und D-Dur sowie Kirchentonarten auf d. Es beginnt im vierfachen Pianissimo; die Soprane klingen wie aus einem anderen, fernen Raum herüber. „Auch wenn ihr leise singt, dürft ihr nicht nachlassen – ihr müsst den Raum halten.“ Nach einem Höhepunkt mit gleißend hämmernden Streicher-Triolen verklingt das Werk wieder im Pianissimo: „Es hat weit weg in der Galaxie begonnen und verschwindet dort wieder.“

Schon bei früheren Aufführungen hatte Maier-Karius Kontakt mit Pärt. Der estnische Komponist lebt seit seiner erzwungenen Emigration aus der Sowjetunion 1980 in Berlin. Pärt ist landläufig bekannt für seine liebenswürdige Bescheidenheit. Maier-Karius wollte ihn einmal einladen, vor einem Konzert eine Einführung zu seinen Werken zu halten. Aber Pärt winkte bescheiden ab: „Dazu habe ich nichts zu sagen.“

Der Südwestdeutsche Kammerchor probt Arvo Pärt und Josquin Desprez
Konzentriert im Kreis: Mitglieder des Südwestdeutschen Kammerchors während der Probe. Bild: Faden

Der Südwestdeutsche Kammerchor konzertiert am Samstag um 20 Uhr in der Reutlinger St. Wolfgangs-Kirche und am Sonntag um 17.15 Uhr in der Tübinger Stiftskirche (Eintritt frei, Spenden erbeten zugunsten der Tübinger Lebenshilfe). Es musiziert das Ensemble Concerto Tübingen (Konzertmeister und Solo in Pärts „Fratres“: Stefan Knote).

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18.10.2012, 12:00 Uhr

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