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US-Wahl

Der Tag danach

Überraschung, Wut, Protest: Nach dem Sieg von Donald Trump schwankt die Stimmung in den Vereinigten Staaten vielerorts zwischen Fassungslosigkeit und Angst.

11.11.2016
  • PETER DETHIER

Der unerwartete Wahlsieg des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump hat die Vereinigten Staaten von Amerika in einen Schock versetzt. Der Teil der US-Bevölkerung, der den Immobilienunternehmer unterstützt hatte, reagierte mit Fassungslosigkeit auf den Sieg des politischen Quereinsteigers. Bei jenen, die auf Trumps demokratische Gegenkandidatin Hillary Clinton als Präsidentin gesetzt hatten, lösten dagegen Angst und Wut die erste Überraschung ab.

Schnell kam es zu etlichen spontanen Demonstrationen. In zahlreichen US-Städten, besonders in Hochburgen der unterlegenen Demokraten, versammelten sich am Abend nach der Wahl Bürger zu spontanen Demonstrationen, zu denen in den meisten Fällen über Facebook aufgerufen worden war.

In New York City zogen mehr als 5000 Menschen durch die Straßen Manhattans und versammelten sich am nördlichen Ende der Stadt vor dem schillernden Wolkenkratzer „Trump Tower“, wo der neugewählte Präsident wohnt. Vor dem Gebäude standen mit Sand gefüllte Sattelschlepper zum Schutz. Die Polizei war mit massiver Präsenz vor Ort. Die Proteste verliefen weitgehend friedlich, allerdings gab es immer wieder Schrei-Duelle mit Trump-Anhängern.

Im kalifornischen Los Angeles legten hunderte Demonstranten mehr als drei Stunden lang eine Hauptverkehrsader durch die Stadt lahm. Sie schwenkten US-Fahnen und skandierten: „Nicht mein Präsident“, „Respektiere alle Frauen“ und „Keine rassistischen USA“. Vor dem Rathaus ging ein überdimensionaler Pappkopf von Trump in Flammen auf. Die Polizei nahm mindestens 13 Menschen fest.

In der Hauptstadt Washington marschierten einige hundert Demonstranten, die sich vor dem Weißen Haus versammelt hatten, zum wenige Straßenblocks entfernten „Trump International Hotel“, das erst im September eröffnet hatte. „Trumps Amerika ist nicht unser Amerika“, schrien einige, andere hielten Schilder mit den Worten „Kein Rassismus! Kein KKK! Kein Trump!“

Rebecca Lindrew, eine gebürtige Washingtonerin, war außer sich: „Der Gedanke daran, was nun mit meiner Stadt und Nation passieren könnte, ekelt mich an“ sagte sie. Wie viele andere trug Lindrew ein Schild mit dem zunehmend populären Slogan „Love Trumps Hate“ (deutsch: „Liebe übertrumpft Hass“).

Dass besonders Menschen in der US-Hauptstadt Washington besorgt sind, ist keine Überraschung. Schließlich ist die US-Hauptstadt Wohnsitz vieler Liberaler und lebt vom Fremdenverkehr sowie jenem eng verflochtenen Netzwerk aus Lobbyisten, Regierungsbeamten und und staatlichem Verwaltungsapparat. Mit anderen Worten: von jenem politischen Establishment, dem der künftige Präsident den Kampf angesagt hat.

Washington fürchtet den Wandel

Katie McDonnell, eine Lehrerin, sagt, dass sie „Angst davor habe, was hier passieren könnte.“ Schließlich verkörpere die Hauptstadt jenen „Sumpf“, den Donald Trump „austrocknen“ will.“ Sein „Kartell“ werde die eigenen Leute mitbringen und anheuern, für viele langjährige Bürger stehe daher auch ihre wirtschaftliche Zukunft auf dem Spiel.

Ganz andere Sorgen hat der Beamte Rich Saunders aus dem benachbarten Vorort Alexandria. Seinen Job verlieren kann er nicht, weil er seit mehr als 15 Jahren als Bundesbediensteter eine unkündbare Stelle hat. „Uns geht es vielmehr um unsere neun- und elfjährigen Töchter“, sagt Saunders. Diese dürften zwar noch keine sozialen Medien benutzen, schauten aber Fernsehen und läsen Zeitung. „Die ältere sagte uns am Wahlabend vor dem Schlafengehen, dass sie Angst hat, wenn dieser ,böse Mann‘ gewinnt“, berichtet der Vater.

Lange hätten die Eltern dann diskutiert, was sie ihren Töchtern am Morgen danach sagen sollen. „Wir umarmten sie schließlich und versicherten ihnen, dass der neue Präsident sich bestimmt mit vielen guten und lieben Menschen umgeben würde.“

Minderheiten in Sorge

Auch hätten sie die Kinder darauf hingewiesen, dass sie vor allem auf ihre afro-amerikanischen, Lateinamerika-stämmigen und muslimischen Mitschüler aufpassen sollten. „Werden die verspottet oder ausgelacht, dann müsst ihr etwas sagen“, hätten die Eltern den Mädchen nahegelegt.

Angetrieben wurden viele der Proteste von Ängsten vor zunehmender Diskriminierung und Massendeportationen. Besonders ausgeprägt ist die Nervosität unter Latinos, die häufig mit Familienmitgliedern leben, die auf ihre permanente Aufenthaltsberechtigung warten. „Ich wurde hier geboren, bin also Amerikaner“, sagt der Student Manny Ramirez aus Virginia. „Doch meine Großeltern haben ihre Papiere noch nicht, und wir alle haben jetzt Angst, dass unter Trump plötzlich die Polizei vor der Tür steht, Oma und Opa verhaftet und abgeschoben werden.“

Die Universität von Berkeley (Kalifornien) richtete für illegale Studenten und Angehörige von Minderheiten Schutzräume ein, meldete „USA Today“. „Wir wissen, dass das gestrige Wahlergebnis Angst und Besorgnis in unserer Gemeinschaft ausgelöst hat“, wird aus einer E-Mail des Vizekanzlers der Uni zitiert. Darin werden vor allem Einwanderer, Menschen ohne gültige Ausweise, Muslime, Afroamerikaner, Frauen und Opfer sexueller Gewalt genannt. (mit Agenturen)

Was der Präsident will – und was er kann

Einwanderungspolitik Donald Trump hat bekräftigt, an Plänen festhalten zu wollen, nach denen er illegale Einwanderer ausweisen und entlang der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen will, die weitere Einwanderung verhindert. Beides kann er selbst beschließen, nicht aber – wie geplant – den südlichen Nachbarn zwingen, für die Mauer zu zahlen. Dabei schätzen Experten die Kosten eines solchen Projekts auf mehr als 150 Milliarden Dollar.

Terror Syrische Flüchtlinge will Trump nicht aufnehmen. Er kann das selbst verfügen. Er will in Syrien „Sicherheitszonen“ für Flüchtlinge einrichten. Diese sollen von den Golfstaaten bezahlt werden. Militärexperten sind der Auffassung, dass dies Bodentruppen erfordern würde. Eine Militärpräsenz schließt Trump aus.

Folter Trump befürwortet das Foltern Terrorverdächtiger und hat angekündigt, er wolle dabei mehr erlauben als das umstrittene „Waterboarding“. Trump kann Folter ohne Zustimmung des Kongresses anordnen.

Nato Unklar ist, ob Trump jenen Nato-Ländern militärische Unterstützung verweigern würde, die ihren Verpflichtungen bei den Verteidigungsausgaben nicht nachkommen. Auch wenn es sich um einen verbindlichen völkerrechtlichen Vertrag handelt, kann niemand den Präsidenten und zugleich obersten Befehlshaber der US-Streitkräfte zwingen, Beistand zu leisten.

Handelspolitik Für Trump steht eine Neuausrichtung der US-Außenhandelspolitik an. Das ist er jenen Wählern schuldig, die ihn in der Hoffnung wählten, er werde Verträge wie das nordamerikanische Handelsabkommen Nafta kündigen. Ein Präsident kann ein Abkommen, dem der Kongress zugestimmt hat, zwar nicht im Alleingang kündigen. Doch er könnte ohne Weiteres neue Zölle verhängen.

Gesundheitsversorgung Trump verspricht seinen Anhängern, die staatliche Pflichtversicherung, auch als ACA oder Obamacare bekannt, abzuschaffen. Stattdessen soll es ein Gesetz geben, das Amerikanern Krankenversorgung garantiert.

Russland Trump wird in Erwägung ziehen, die Krim als russisches Territorium anzuerkennen und die US-Sanktionen gegen Russland aufzuheben. Daran könnte ihn der Kongress nicht hindern. Peter de Thier

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11.11.2016, 06:00 Uhr

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