Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Oper

Der Teufel in Gestalt eines Schweins

Barrie Kosky macht aus Modest Mussorgskis „Jahrmarkt von Sorotschinzi“ in Berlin ein Meisterstück.

20.04.2017
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Unter den drei Berliner Opernhäusern ist die Komische Oper, seit sie 2012 von Barrie Kosky geleitet wird, mit jeder Premiere eine sichere Nummer. Entweder ist es zum Hinhören aufregend oder zum Hinsehen. Und wenn es gut geht, beides.

Mit der Wiederentdeckung der letzten, freilich nur als splittriges Fragment erhaltenen Oper vom nach Tschaikowsky und vor Schostakowitsch bedeutendsten russischen Komponisten, Modest Mussorgski, ist dem Haus ein ganz großer Coup gelungen. Musikalisch hochkarätig, mit Chor (80-köpfig!) und Orchester und den sieben sehr individuellen Solisten unter der Leitung des leider scheidenden Chefdirigenten Henrik Nanasi, und szenisch eine sinnenbetäubende Wucht des mittlerweile weltweit gefragten Intendanten Barrie Kosky; im Juli hat er Premiere mit den „Meistersingern“ in Bayreuth.

Die so grotesk komische wie fast philosophisch melancholische Oper vom folkloristischen „Jahrmarkt von Sorotschinzi“, einem ukrainischen Dorf mit Nikolai Gogol als bedeutendstem Sohn, kann kein Opernliebhaber kennen. Das Fragment gebliebene, knapp anderthalbstündige Stück ist in Deutschland 1948 von Walter Felsenstein just an der Berliner Komischen Oper erstaufgeführt worden und völlig folgenlos geblieben.

Kosky hat einen pausenlosen Zweistünder daraus gemacht, indem er zwischen die sprunghaften Kurz-Szenen seelen-sehnsuchtsvolle Lieder von Rimski-Korsakow, vor allem aber wunderbare A-cappella-Gesänge aus Mussorgskis poesievollem Zyklus „Lieder und Tänze des Todes“ als Kontrapunkte zum lebensfrohen dörflichen Volksgetümmel einfügte. Das bekommt dann etwas von geisterbeschwörendem Märchen und surrealer Satire auf Ängste eines abgeschotteten Volkskollektivs.

Sauf- und Sexbesessene

Denn wovor sie sich, frei nach Gogol, fürchten müssen, ist der Teufel höchstpersönlich in Gestalt eines Schweines. Und wo der mit im Spiel ist, da ist schwer was los. Seit Goethes Bocksberg im „Faust“ nahm kein Hexen-Sabbat eine ansonsten leere Bühne so hinreißend in Beschlag wie hier.

Was Mussorgski auch zu einem eigenständigen Orchesterstück gemacht hat, das wirbelt als „Nacht auf dem kahlen Berg“ in seiner unvollendet gebliebenen einzigen Nicht-Historien-Oper eine massenchorig und stelzentanzende, außer Rand und Band geratene Gesellschaft von Sauf- und Sexbesessenen abgründig durcheinander. Und dazwischen ein gottverlassenes junges Liebespaar, das gegen eine keifende und handfest liebeshungrige Stiefmutter ankämpft. Christoph Müller

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball