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Der Text, das fremde, vertraute Ich
„Kompliziertheit“ ist ein Kompliment für die Intellektuelle Siri Hustvedt. Foto: Ulrich Metz
Poetikdozentur

Der Text, das fremde, vertraute Ich

„Erzählen ist wie eine Erinnerung an das, was man noch nicht erlebt hat“: Die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt in Tübingen.

21.11.2016
  • PETER ERTLE

Tübingen. Ein Zeichen sind wir, deutungslos / Schmerzlos sind wir und haben fast / Die Sprache in der Fremde verloren“. Als Siri Hustvedt, auf Deutsch, tastend, mit deutlich ergriffener Stimme, die Eingangszeilen aus Hölderlins spätem Gedicht „Mnemosyne“ zitierte, war es im Audimax so still, als säße dort kein Mensch, gleichzeitig spürte man die Anwesenheit des Publikums nie stärker. Ein Phänomen, über das Hustvedt sicher genausoviel Kluges zu sagen hätte wie über Hölderlins Gedicht. Denn die Schriftstellerin ist nicht nur vielgelesene Autorin von Bestsellern wie „Was ich liebte“, sie ist wohl die wichtigste Intellektuelle Amerikas und außerdem als Fachfrau für Fragen der Psychologie und Neurologie weltweit auf Kongressen. Hustvedt verliert ihre Sprache auch in der Fremde nicht.

Bei ihrer Poetikdozentur in Tübingen hatte sie ihren Wunschkandidaten, den italienischen Neurologen und Entdecker der Spiegelneuronen, Vittorio Gallese, als Co-Dozenten. Bei der Wahl zum amerikanischen Präsidenten hatte es mit ihrem Wunsch nicht geklappt. Die Verteidiger der Demokratie in Europa und Amerika müssten jetzt zusammenhalten, so ihr erstes Statement.

Erzählen ist dialogisch

In ihren drei Vorlesungen untersuchte Siri Hustvedt die Wirkweise des Erzählens, in Verknüpfung eigener Erfahrung mit dem wissenschaftlichen Diskurs – nicht nur der Gegenwart. Ihre These: Erzählen ist von Anbeginn dialogisch, die Begegnung mit dem anderen realen Menschen ist ihm eingeschrieben. Und zwar in einem so körperlichen Sinn, dass man diese These nicht als Selbstverständlichkeit abnicken kann. Hustvedt begreift Plazenta und Nabelschnur als erstes Medium, später kommt die Kommunikation des Kleinkinds mit der Bezugsperson hinzu. Hier werde dem Kind eine teils vorsprachliche Metrik des Seins mitgegeben, die später beim Erinnern, Phantasieren, Erzählen großen Einfluss habe.

Klingt kompliziert und esoterisch? Dass sie „complicated“ sei, ist eines der größten Komplimente, die man der Schriftstellerin machen kann. Auch wenn sie selten vergisst, hinzuzufügen, dass Männer nie so charakterisiert werden. Für Esoterik ist bei ihr kein Platz. Es ist nur so, dass Hustvedt verschiedene Bereiche kombiniert, um Borniertheiten zu entkommen. Dieses „wilde Denken“ führt bisweilen zu philosophisch-poetischen Leuchtschriften: „Erzählen ist wie eine Erinnerung an das, was man noch nicht erlebt hat“. Oder „Der eigene Text ist das fremde, vertraute Ich“. Ihm zu begegnen, könne therapeutische Wirkung haben, sagt Siri Hustvedt.

Auch in ihre eigene Schreibwerkstatt ließ sie blicken: Sie entwerfe keine Kapitelskizzen und lege keine Gedankengebäude fest, vielmehr müsse sie die Struktur des Romans intuitiv in sich spüren. Um sich in eine der 19 Stimmen ihres aktuellen Romans hineinversetzen zu können, musste sie jeweils „eine Zeit lang auf die Stimme in meinem Kopf hören“. Ihr Mann, Schriftsteller Paul Auster, arbeitet ähnlich. Beide lesen sich regelmäßig aus in Entstehung befindlichen Werken vor. „Jeder braucht einen Leser seines Vertrauens“, sagt Hustvedt. „Ich bin mit meinem verheiratet.“

In Tübingen hielt sie nicht nur Vorlesungen und besuchte den Hölderlinturm, sie schaute sich im Schlossmuseum auch die ältesten Kunstwerke der Menschheit an, gab Interviews, schrieb an einem Essay zur Wahl Trumps und las Henry James. „Man muss ja nicht immer Dante oder Vergil lesen,“ lockte sie Gallese im Podiumsgespräch, er lese auch mal Dan Brown. „Mache ich nie“, entgegnete Hustvedt, räumte aber ein, auch unter Niveau zu Tränen gerührt werden zu können. Aber: „Kitsch bringt einen stets dorthin, wo man schon war. Aus der Lektüre eines guten Buchs geht man als ein anderer hervor.“ Das von ihr am letzten Tag bekannt gegebene, traditionell vom jeweiligen Poetikdozenten bestimmte Thema des Würth-Literaturwettbewerbs lautet: „After I met you, I saw myself as another.“

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21.11.2016, 06:00 Uhr

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