Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Logenplatz für den Weltuntergang

Der Theologe Michael Tilly über die Faszination am Schrecken

Am 21. Dezember soll die Welt untergehen. So interpretierten Forscher das Ende des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012. Auch wenn aus den Maya-Gemeinden schon Widerspruch kam: Die Debatte hat zu einem wachsenden Interesse an Weltuntergangs-Szenarien geführt. Wir sprachen darüber mit dem Theologen Prof. Michael Tilly. Er veröffentlichte kürzlich das Sachbuch „Apokalyptik“.

05.12.2012

Schwäbisches Tagblatt: Herr Tilly, haben Sie einen Überblick darüber, wie oft die Welt schon untergegangen sein soll?

Michael Tilly: Die ersten Christen waren davon überzeugt, dass sie die Wiederkehr Christi und den Weltuntergang bei lebendigem Leib erleben. Auch später gab es immer wieder genaue Datierungen des Weltuntergangs. Der Bischof Montanus etwa hat den nahen Weltuntergang im 3. Jahrhundert vorhergesagt. Ein wichtiges Datum war die Wende zum zweiten Jahrtausend nach Christus. Schließlich las man aus der Johannesoffenbarung heraus, dass tausend Jahre nach der Auferstehung Jesu das Jüngste Gericht über die Menschheit kommt.

Wie gingen die Menschen damals mit der Erwartung des Weltuntergangs um?

Es gibt Überlieferungen von Massenhysterien. Und die Menschen suchten natürlich nach Zeichen des nahen Endes. Endzeitprediger wie Joachim von Fiore, die ein kommendes glückliches Zeitalter, das so genannte Dritte Reich, voraussagten, waren im Mittelalter sehr populär.

Auch Martin Luther hatte eine sehr konkrete Vorstellung von der Apokalypse. Er selbst sah sich als Vorkämpfer für das Weltgericht.

Für Luther war das Papsttum der Antichrist. Die Römische Kirche wurde von ihm mit der „Hure Babylon“, die damals Europa bedrohenden Türken mit der Rute des göttlichen Zorns gleichgesetzt. Das alles waren für ihn Vorzeichen für den nahenden Entscheidungskampf Gut gegen Böse.

Die Christen müssen ziemlich lange auf das Weltgericht warten.

Ja, und deshalb wurde aus der Nah-Erwartung des Weltuntergangs im Laufe der Kirchengeschichte bald eine so genannte Stets-Erwartung. Das heißt: Man muss sich als Christ stets so verhalten, als könnte jederzeit das Jüngste Gericht über die Menschheit kommen.

Nur die Johannesoffenbarung hat es in die Bibel geschafft. Es gibt aber noch zahlreiche andere apokalyptische Schriften, die Petrus- oder die Paulusapokalypse zum Beispiel. Wie unterscheiden sich diese Offenbarungen?

Vor allem dadurch, dass sie die göttliche Welt sehr anschaulich ausmalen, etwa in Form von Himmelsreisen – das findet man in der Johannesapokalypse nicht. Diese visionären Darstellungen waren in den frühchristlichen Gemeinden sehr geschätzt. Sie wurden aber hauptsächlich von christlichen Gruppen verbreitet, die damals eher im Abseits standen. Auch deshalb haben es diese Schriften nicht in den Kanon der biblischen Bücher geschafft.

Beim Stichwort „ausmalen“: Viele Höllen- und Jenseitsvisionen sind ausgesprochen drastisch und grausam. Im Fernsehen dürften Verfilmungen allenfalls im Spätprogramm gesendet werden. Wie geht die Kirche heute damit um?

Waren Sie mal in den Meteora-Klöstern in Nordgriechenland? Da werden die Höllenqualen liebevoll ausgemalt. Ganze Wände sind damit geschmückt. Sünder werden an Zungen aufgehängt oder auf andere Weise gemartert. Die Faszination am Schrecken gehört offensichtlich zum Menschen dazu. Diese Höllenvisionen zeigen aber auch bildhaft, dass unser Handeln Konsequenzen hat: Das Verhalten gegen die Gemeinschaft und gegen Gott wird sanktioniert. Die drastisch mahnende Darstellung lässt sich natürlich nur schwer mit der Vorstellung eines Gottes der Liebe und der Gnade vereinbaren.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Apokalypse sei „persuasiv“ zu verstehen. Das Ziel sei, die Menschen auf den Weg des ethisch richtigen Handelns zu führen. Andererseits lässt sich nichts so gut missbrauchen wie die Angst der Menschen. Hat die Kirche die Höllenvisionen nicht vielmehr missbraucht, um ihre Schäfchen gefügig zu machen?

Die Apokalypse ist wie alle biblischen Bücher ein Zeitdokument, geschrieben in einer bestimmten Zeit und aus gewissen Erfahrungen. Das Buch sollte eine Trostschrift sein und eine Bestärkung für alle, die damals nicht dem römischen Kaiser opfern wollten. Die Höllenvisionen jüngerer christlicher Apokalypsen stimmen dabei überein mit dem, was Menschen tatsächlich einander antaten. Die Hölle als Folterkeller: Darin spiegelt sich wider, wie Menschen miteinander umgehen.

Sie schreiben, dass die Apokalyptik gerade in Krisenzeiten eine Reaktualisierung erfahren hat, etwa zur Zeit der Pestepidemien und des 30-jährigen Krieges. Kaum ein biblisches Motiv wird heute mit solcher Faszination rezipiert wie die Apokalypse. Was sagt uns das über die heutige Zeit?

Es sagt mir vor allem, dass unsere Zeit durch Unübersichtlichkeit geprägt ist, die den Leuten Angst macht. Die Apokalypse liefert eine Deutung des Weltsystems: „Es gibt einen Sinn in dem, was geschieht. Ich kann ihn nur derzeit nicht verstehen.“ Darüber hinaus meine ich, dass die Faszination an der Apokalypse viel mit der Individualitäts-Verliebtheit der heutigen Zeit zu tun hat. Der Gedanke, dass man irgendwann tot ist, und die Welt sich ohne einen einfach weiterdreht, ängstigt die Menschen immer mehr. Da kommt die Vorstellung, dass man einen Logenplatz beim Weltuntergang hat, ganz zupass.

Ist die Apokalypse eine Erfindung des Christentums?

Die Apokalypse antwortet auf ein Problem: Wie kann es sein, dass Gott allmächtig ist und es trotzdem so viel Leid auf der Welt gibt? Dementsprechend finden wir erste apokalyptische Elemente in Schriften des 3. und 2. Jahrhunderts vor Christus, als das Judentum eine permanente Leid- und Noterfahrung hatte. Dem Hadern mit Gott gibt die Apokalypse die Antwort: Gott ist auch gegen den Augenschein allmächtig und gerecht. Aber er räumt erst auf am Ende der Welt. In anderen Kulturen, etwa bei den Ägyptern, waren solche Gedanken kaum ausgeprägt.

Zu den Weltuntergangs-Top-Titeln bei Youtube gehört die Dokumentation „Die sieben Zeichen der Apokalypse“ mit rund 140 000 Aufrufen.

Ach, dieses rassistische Gebräu!

In zahlreichen dieser Weltuntergangs-Dokus wird der Kampf zwischen Gut und Böse instrumentalisiert, um anti-jüdische und anti-muslimische Hetze zu betreiben. Da werden Kreuzritter-Szenen, Bilder aus dem Irak und von Osama bin Laden überblendet. Wie sehen Sie als Theologe diesen Dualismus von „Gut gegen Böse“ in der Apokalypse?

Solche Dokumentationen befriedigen das Bedürfnis der Menschen nach klaren und einfachen Lösungen. Die Welt hat aber viele Grautöne. Der Gut-Böse-Dualismus ist ganz klar in der Apokalypse enthalten. Das ist wie im Western. Es gibt die guten Cowboys mit den weißen Hüten und die bösen mit den schwarzen Hüten. Ich verstehe das Böse aber nicht supernaturalistisch. Und ich personalisiere es auch nicht.

Die Apokalypse hatte eine sehr inspirierende Wirkung auf die Kunst. Welche Werke halten Sie für besonders aussagekräftig?

Bemerkenswert finde ich zum Beispiel die frühneuzeitlichen Holzschnitte von Albrecht Dürer. In ihnen wird versucht, die Bilder der Apokalypse auf die damalige Gegenwart zu deuten. Da sieht man, wie eine fast 1600 Jahre alte literarische Tradition einen aktuellen Bezug erhält. Das böse Tier aus dem Abgrund trägt eine päpstliche Tiara. Da wusste man sofort, wer gemeint ist.

Sie schreiben, die Apokalypse und der Drang, einen genauen Termin für das Weltenende zu finden, habe auch die Wissenschaft vorangebracht.

Ja, vor allem im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Man wollte den Termin des Jüngsten Gerichts möglichst genau errechnen. Das hat zu einem Schub in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Astronomie geführt.

Sie sind Theologe und ein gläubiger Mensch. Wie ist Ihre persönliche Lesart der Apokalypse?

Für mich ist der Kern der christlichen Lehre das Doppelgebot der Liebe: die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe. Der christliche Glaube sollte also nicht auf Angst gebaut sein. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch die Bildwelt der Johannesoffenbarung. Wenn gleich diese auch sagt: Es gibt nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt eine Verantwortlichkeit im Leben. Den Gerichtsgedanken kann man also nicht vollkommen abschütteln.

Und welche Sanktionen gehören, jenseits des höllischen Folterkellers, zur neuzeitlichen Interpretation der Apokalypse?

Da gibt es vieles – alles, was die Menschen auseinanderzerrt. Das Übel in der Welt. Aber auch das Übel im Kleinen: Die Isolation, in der viele Menschen leben, dass Menschen einander ausnutzen. Gleich geblieben ist, dass die Apokalypse das Ziel hat, dass die Menschen zur Vernunft kommen. Oder zum Glauben. Am besten zu beidem.

Die Fragen stellte Angelika Bachmann

Der Theologe Michael Tilly über die Faszination am Schrecken

Der Theologe Michael Tilly über die Faszination am Schrecken
Michael Tilly ist Professor für Neues Testament und Antikes Judentum an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Vor Kurzem erschien sein Buch über die Apokalyptik. Archivbild: Metz







Michael Tilly:
Apokalyptik.
A. Francke Verlag,
144 Seiten,
12,99 Euro

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.12.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball