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Der Tisch ist rund

Neulich traf ich meinen alten Lateinlehrer. Ich erinnerte ihn daran, wie er nach der ersten Klassenarbeit in triumphierender Fassungslosigkeit berichtet hatte, drei von 33 Schüler hätten es fertig gebracht, den Satz tabula rotunda est statt mit Der Tisch ist rund mit Der runde Tisch ist zu übersetzen. 30 Schüler waren daraufhin in gellendes Gelächter ausgebrochen – auch ich.

17.10.2012
  • Peter Ertle

Jetzt aber, 39 Jahre später, sagte ich meinem alten Lateinlehrer, dass ein Tisch nicht nur rund, eckig oder oval sein könne, er könne genauso gut auch nicht sein. Es habe auch mal eine Zeit gegeben, da sei das Fahrrad oder die Klospülung oder die Schokolade noch nicht erfunden gewesen. Warum also sollte es den runden Tisch immer schon gegeben haben? Dass er ist, dass es den runden Tisch überhaupt gibt, sei eine durchaus sinnvolle Aussage.

Mein alter Lateinlehrer sagte, das sei jetzt sehr theoretisch. Ich hielt entgegen, man müsse das auch gar nicht so philosophisch oder menschheitsgeschichtlich sehen. Man könne sich auch ein Bilderbuch für Kinder vorstellen, bei dem die Kinder schauen müssen, ob bestimmte Dinge auf den Bildern zu sehen sind. Ist da irgendwo ein Reh? Nein, da ist kein Reh. Ist da ein Teller? Nein, nirgendwo ein Teller. Ist da ein runder Tisch? Ja, da ist ein runder Tisch! Also: Tabula rotunda est!

Auf so etwas müsse man erst mal kommen, sagte mein alter Lateinlehrer. Ich sagte, dass man es den Kindern nicht anlasten könne, wenn die Erwachsenen auf bestimmte Sachen nicht mehr kämen. Mein alter Lateinlehrer war jetzt etwas genervt und erwiderte, die drei Schüler hätten sicher nicht an ein Bilderbuch oder an Sein und Nichtsein gedacht, sondern sich schlicht nicht genügend vom lateinischen Satzbau gelöst. Das zu lernen sei aber gerade ihre Aufgabe. Dann hätten sie tabula rotunda est doch mit Tisch rund ist übersetzt, entgegnete ich.

Er sah mich an wie ich früher einen lateinischen Satz, den ich nicht verstand. Ich legte noch eins drauf: „Der runde Tisch ist, damit das Denken seine Richtung ändern kann.“ Dann wollte ich die korrekte lateinische Übersetzung für den deutschen Satz Der runde Tisch ist von ihm wissen. „Wahrscheinlich tabula rotunda est“ seufzte er, „aber das ist doch Quatsch.“ Wenn Der runde Tisch ist tatsächlich tabula rotunda est heißt, muss tabula rotunda est auch Der runde Tisch ist heißen, schloss ich und sprach: „Ich verlange Rehabilitation für Simon Becker, Thomas Meierding und Connie Bahlsen.“

Er sagte: „Was ist nur aus Ihnen geworden?“ „Schreiner“, antwortete ich, „meine Tische sind begehrt, nur ich finde keinen, an den ich mich setzen möchte.“ Höchstens noch an den Runden Tisch Kultur, den gebe es wirklich: Tabula rotunda cultura est. Ich sagte noch: „http Doppelpunkt slash slash www Punkt kulturnetz minus tuebingen Punkt de slash storage slash files slash dann großgeschrieben die Buchstaben RTK Unterstrich Protokolle slash 8d6af1e8d2a9c162d5ec1982804fc736 Punkt pdf.“ Ich weiß nicht, ob er nachschaute.

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17.10.2012, 12:00 Uhr

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