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Videokünstlerin Candice Breitz im Kunstmuseum Stuttgart

Der Traum von Ponderosa

Das Gesicht der Massenkultur - Candice Breitz löst es in viele einzelne Gesichter auf. Die Video- und Fotokünstlerin zeigt jetzt im Kunstmuseum Stuttgart eine lebendige und sehr musikalische Retrospektive.

08.04.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Stuttgart. Candice Breitz ist eine Frau, die erst einmal die Aufsichten begrüßt, wenn sie einen Ausstellungsraum betritt. Das sagt natürlich noch nichts über ihre Kunst, aber es erzählt etwas über die Aufmerksamkeit, die sie für Menschen hat. Und so passt die winzige Geste gut zu der großen Retrospektive, die das Kunstmuseum Stuttgart der gebürtigen Südafrikanerin auf drei Stockwerken eingerichtet hat.

Die Ausstellung wimmelt von Gesichtern, im Grunde ist sie eine Ansammlung von Porträts, wenn auch nicht in Öl auf Leinwand. Die Menschen posieren auf Fotografien, vor allem sprechen, singen und tanzen sie auf insgesamt 111 Bildschirmen. Breitz Schau bildet nicht umsonst den Abschluss der Jubiläumsreihe "Kunst und Musik".

Schon der Titel "Ponderosa" verweist auf ein Haupt-Thema der 1972 geborenen Künstlerin. Die Ranch aus "Bonanza" war ihre erste Begegnung mit den Fiktionen der Traumfabrik und den Verheißungen der Popkultur. Seit den 90ern untersucht die Künstlerin professionell, was Filme und Popmusik mit Menschen machen, wie sie ihre Sehnsüchte, ihre Verhaltensmuster, ihren Habitus bis hin zum Hemdknopf prägen können. Für ihre großen fotografischen "Monuments" der Fankultur etwa hat Breitz Anhänger von Pop-Ikonen wie Abba zusammengebracht. Teenies in T-Shirt, ein Transvestit in Federboa sowie ein halbnackter Mann in Alu sitzen und stehen traut vereint neben der vielversprechend glitzernden Discokugel. Alles nur Klischee? "I would never ask someone to pose in Alufolie", flüstert Candice Breitz.

Genau, wie es eben nun mal so gewesen sei, dass sich in Newcastle fast ausschließlich weiße Männer für das Casting zur Video-Installation "Working Class Hero" beworben haben. Im Ergebnis singen nun zwei Dutzend nordenglische Arbeiterhelden in Jeans- und Karohemd auf ihrem je eigenen Bildschirm synchron die Lieder ihres Idols John Lennon. Während das Pendant "Legend" mit dem Best-Of-Album von Bob Marley zum Manifest schwarzer Reggae-Kultur wird. 30 Gesichter, 30 Stimmen jammen gleichzeitig auf den Screens, und doch bricht immer wieder mal einer aus, improvisiert, jubelt für sich. Man kann nicht anders als mitwippen, mitsummen und diese anderen Gesichter bewundern für ihren Mut zur Hingabe.

Gerade in den Arbeiten zur Fankultur steckt viel Sympathie und Humor. Doch auch da, wo es um medial vermittelte Stereotype geht, bringt Candice Breitz in den stärksten Momenten die Dekonstruktion musikalisch zum Schwingen: Für "Mother + Father" hat sie Film-Parts von Schauspielern ausgeschnitten und nebeneinander montiert, die das Mutter- und Vatersein thematisieren. Rollenklischees, soziale Muster sprechen sich da in Wort und Geste aus, aber irgendwann sagt eine "I never wanted to be a mum" - und vom anderen Ende her antwortet es "I m scared".

Medien mögen Schemata produzieren, doch gerade weil sie uns formen, erzählen sie eine Menge über uns. Es lässt sich mit noch so viel kritischem Bewusstsein nicht verhindern, dass Whitney Houstons "I Will Always Love You" biografische Momente abruft. Selbst wenn der Song in einer wunderbaren Montage auf die Vokabeln "I, Me, You" zusammengeschnitten ist, mit denen die Sängerin sich nun auf zwei gegenüberliegenden Bildschirmen sinnlos selbst ansingt. Mit Popstars leben wir Träume aus, an Filmdialogen verhandeln wir Probleme. Und Schauspielern hören wir zuweilen besser zu als "echten" Menschen: "Love Story" heißt die Installation, die Candice Breitz eigens für die Ausstellung produziert hat. Zunächst erzählen Alec Baldwin und Julianne Moore als Geflüchtete Fragmente ihrer Geschichte. Eine Wand dahinter berichten die Leute selbst ausführlich, was ihnen als Kindersoldat in Angola, als Oppositioneller in Venezuela oder als syrisches Mädchen auf der Flucht nach Deutschland widerfahren ist.

Diese Geschichten gehören zum Leben, sagt einer von ihnen durch den Mund von Alec Baldwin. Manchmal braucht es erst ein Medium, damit die anderen zuhören.

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08.04.2016, 06:00 Uhr

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