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Der Triumph des Mr. A
Körper im Zwielicht: Marco Goeckes „Almost Blue“ ist der Höhepunkt des Abends. Foto: Stuttgarter Ballett
Stuttgarter Ballett

Der Triumph des Mr. A

Im Schauspielhaus treten „Die Fantastischen Fünf“ an, um mit fünf Uraufführungen die Superkräfte der Tanzkunst zu entfesseln.

26.03.2018
  • WILHELM TRIEBOLD

Stuttgart. Was macht einen guten Intendanten aus? Zum Beispiel, dass er das Umfeld immer wieder neu erfindet. Dass er Jungen, die nach vorne drängen, die Chancen gibt, die sie verdienen. Dass er nach allen Seiten offen bleibt, ohne beliebig zu werden. Wenn der Stuttgarter Ballettchef Reid Anderson im Sommer in Rente geht, darf er unter anderem stolz sein auf mehr als 100 Uraufführungen in 22 Jahren. Und darauf, gerade in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit auch Ensemblemitgliedern die Chance gegeben zu haben, sich über Noverre-Fingerübungen hinaus als Choreografen zu entwickeln.

Viel Unterstützung und Schützenhilfe also. Die Geförderten zahlen es ihm zurück – auch, indem sie ihre Talente in Ballettabende einbringen wie in diesen. Der Titel „Die Fantastischen Fünf“ kommt nicht von ungefähr. Vor drei Jahren brütete Kommunikationschefin Vivien Arnold einen Werbe-Gag aus. Zusammen mit ihren Söhnen beugte sie sich über Marvel-Comics, um die Solisten-Cracks der Company als Superhelden zu präsentieren.

Sagenhafte Fähigkeiten

Die Übriggebliebenen aus dieser tollen Marvel-Riege bringen jetzt ihre sagenhaften Fähigkeiten im Schauspielhaus ein. Etwa Jason Reilly, der „Captain Fantastic“ („kann einfach alles“) oder Elisa Badenes alias „Spark“ („setzt die Bühne in Brand“), Anna „Wonderfeet“ Osadcenko („ihre Füße sind wie Waffen“), Alicia „Elastorina“ Amatriain oder der „Raven Man“ David Moore. Sie machen diesen Zuschreibungen alle Ehre.

Dahinter steckt der ominöse „Mister A.“, von dem es hieß: „Er hat sie alle entdeckt und ihre Superkräfte gefördert“. In dem gezeichneten Ballett-Comic kämpfte seine Stuttgarter Crew erfolgreich gegen fiese Daten-Kraken. Auf der Bühne zeigt die fabelhafte Company, dass eine Live-Performance wie dieses großenteils überzeugende Tanz-Programm jeden digitalen Abschottungs-Reflex scheinbar mühelos aussticht.

Am konventionellsten erweist sich dabei Roman Novitzkis „Under the Surface“. Eine nette Tischgemeinschaft, aus der sich gruppen- und paartherapeutische Ausflüge samt Ablenkungsmanövern von dritter Seite ergeben. Ein munteres, mitunter humorvoll gelöstes Wechselspiel zwischen Wahlverwandten und Stühlerückern. Sicherlich kein großer Wurf, sondern handwerklich sauber eingerichtete Minidramen.

Unter die Oberfläche, aber noch nicht unter die Haut geht Fabio Adorisios „Or noir“. Nach den neoklassischen Anmutungen überwiegen turnerische Elemente. Und der Choreograf will, lässt sich herauslesen, eine fernöstlich beglaubigte Wertschätzung des Unvollkommenen stärken. Was ihm auch glückt.

Am ehesten scheint Kartarzyna Kozielskas Beitrag „Take Your Pleasure Seriously“ den fabulösen Superheldenstatus ernst zu nehmen. Zu dräuendem Sound stemmen und schrauben Muskelmänner an später spitzentrippelnden Fantasy-Heroinen herum, recken sie in ungeahnte Höhen, bis ein schöner Pas de deux zu Bach-Akkorden Frieden stiftet. Dafür gibt's mit „Skinny“ von Louis Stiens was auf die Ohren. Stiens ist der hyperaktive Discjockey der jüngeren Stuttgarter Choreografen-Garde. Einer, der nicht nur die Musik, sondern auch den Tanz mal gegeneinander schneidet, mal amalgamiert. Außerdem bringt er die Truppe auf Trab, bis es schon beim Zugucken erhöhten Kalorienverbrauch gibt.

Das Highlight spart sich der Abend für den Schluss auf. An Marco Goeckes rapidem, repetitivem Stil schieden sich lange die Geister. Spätestens im Überblick der Stuttgarter Arbeiten erschließt sich der beklemmend angstbesetzte Hintergrund dieser Flatterhaftigkeit, die Körper meist im Zwielicht erfasst und nicht mehr loslässt. Als ob das Leben im Suchdurchlauf versandet.

Goeckes „Almost Blue“ ist ein kleines, hochvirtuoses Meisterstück, gerade im atemlosen Kontrast zu trauerndem Blues aus den Lautsprechern. Hinterher gab es ein Blumen-Bombardement auf den gerührten und im Frust von Stuttgart scheidenden Choreografen, der seine Tränen kaum zurückhalten konnte.

Die nächste Generation ist auf dem Weg

Karrieren Nicht wenige Tänzer und Choreografen der Anderson-Ära schafften den Wechsel auf Direktoren-Posten. Neben Sue Jin Kang, Filip Barankiewicz, Ivan Cavallari, Robert Conn, Eric Gauthier und Christian Spuck gilt das auch für Bridget Breiner, die demnächst am Badischen Staatstheater Karlsruhe die frühere Stuttgarter Primaballerina Birgit Keil beerbt. Marco Goecke geht als Ballettchef nach Hannover. ⇥wit

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26.03.2018, 06:00 Uhr

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