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Der Tübinger  Gemeinderat hat dem Spielmobil vorzeitig das Genick gebrochen
Projektleiterin Francesca Berti mit dem Spielzeug des Spielmobils, als es 2013 an den Start ging. Weil der Gemeinderat dem Projekt den Zuschuss strich, hat Berti jetzt aufgegeben. Archivbild: Metz
Es hat sich ausgespielt

Der Tübinger Gemeinderat hat dem Spielmobil vorzeitig das Genick gebrochen

Das Internationale Spielmobil der Volkshochschule (VHS) gibt es nicht mehr. Nachdem der Gemeinderat ihm den Zuschuss halbiert und eingefroren hat, kündigte die Projektleiterin auf Ende April. Das ist das Ende des mit dem städtischen Integrationspreis ausgezeichneten Spielzeug-Autos.

23.04.2016
  • Sabine Lohr

Tübingen. Vor drei Jahren ging das Internationale Spielmobil der VHS zum ersten Mal auf Tour. Es hielt auf Festen, stand auf öffentlichen Plätzen, wurde in Schulen und Kindergärten eingeladen und war zuletzt auch immer häufiger in Flüchtlingseinrichtungen zu Besuch. In dem Auto: Jede Menge Spiele wie Boccia, Kreisel, Domino und handgefertigte Spiele aus aller Welt. Die Idee hinter dem Spielmobil ist es, Menschen aller Generationen und Kulturen durch ein niedrigschwelliges Angebot zusammenzubringen.

Das Projekt wurde zwei Jahre lang vom Stuttgarter Kultusministerium mit jeweils 50000 Euro gefördert. Danach beschloss der Gemeinderat, es zwei weitere Jahre lang zu unterstützen. Einen Teil der Kosten, die vor allem fürs Personal ausgegeben wurden, übernahm die VHS (17000 Euro), rund 30000 Euro die Stadt. 2014 zeichnete die Stadt das Spielmobil mit dem dritten Platz beim Integrationspreis aus – weil es so erfolgreich arbeitete.

Genau diesen Erfolg aber stellte Stadtrat Ernst Gumrich (Tübinger Liste) in Frage. Dreimal ist er extra zu Festen gegangen, um zu beobachten, wie das Spielmobil angenommen wird. Sein Fazit: „Ich konnte nie beobachten, dass es Menschen angesprochen hat und Gespräche stattfanden.“ Das Spielmobil erfülle seinen Zweck nicht, nämlich kulturfördernd zu wirken. Ein Zuschuss sei also nicht lohnenswert – oder, wie Gumrich es ausdrückt: „Wir finanzieren keine karierten Maiglöckchen.“

Also beantragte Gumrich im Rahmen der Haushaltsberatungen die Halbierung des Zuschusses. Die verbleibenden 15000 Euro sollten außerdem einen Sperrvermerk bekommen, also eingefroren werden, bis die Stelle der Projektleiterin Francesca Berti beschrieben sei.

Als die Fraktionen im Januar über alle Anträge berieten, kam auch das Spielmobil zur Sprache. Verhandlungsführer Christoph Joachim (AL/Grüne) erinnert sich, dass Gumrich in den Verhandlungen über seine Besuche und Beobachtungen berichtet hat. „Das war sehr überzeugend“, sagt Joachim und verweist auf seinen Listenkollegen Heinrich Schmanns, weil der sich wohl besser erinnere. Das tut Schmanns. „Wir wussten alle nicht so recht, wofür das Geld eigentlich ist.“ Aber das Spielmobil habe eben keine Lobby gehabt. „Es lag niemandem am Herzen, der sich dafür stark gemacht hätte.“ So stimmten alle dem Antrag Gumrichs zu. Dass das Projekt daran sterben würde, habe ihn „leicht entsetzt“, sagt Joachim nun. Gleichwohl sehe er im Ende des Spielmobils keine Katastrophe.

Francesca Berti allerdings schon. „Sie war so getroffen, dass sie gekündigt hat“, berichtet der VHS-Vorstandsvorsitzende Michael Lucke. Er kann den Gemeinderats-Beschluss nicht nachvollziehen. „Nachdem vor einem Jahr beschlossen worden war, dass es zwei Jahre lang finanziert wird, habe ich mit der Leiterin einen entsprechenden Vertrag gemacht. Ich habe mich ja darauf verlassen, dass die Zusage eingehalten wird.“ Zudem widerspricht er Gumrich: „Das Spielmobil ist gut angekommen. Wann immer ich es gesehen habe, war es umlagert.“

Mit der Zusage, das Spielmobil zwei Jahre lang zu unterstützen, war die Bitte des Gemeinderats um einen Bericht der VHS zu dem Projekt verbunden. Den gibt es nun am kommenden Montag, 25. April, im Kulturausschuss. „Das hätte die VHS früher machen müssen“, kritisiert Gumrich. Lucke sagt: „Wir wollten das gerne, es wurde aber nicht für nötig befunden, weil die Zusage ja für zwei Jahre gemacht worden war.“ Und die Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast sagt: „Es wurde damals nicht festgelegt, wann berichtet werden soll. Und dann ging jetzt alles so schnell.“

VHS-Leiterin Susanne Walser, der das Spielmobil „sehr am Herzen“ liegt, sieht dem Gemeinderat das offenbar versehentliche Versenken des Projekts nach: „Die Stadträte müssen so viel lesen, da passiert dann halt auch mal ein Malheur“, sagt sie. Und: „Mir geht es um ein gutes Miteinander mit dem Gemeinderat. Das hatten wir bisher und das möchte ich erhalten.“

Kleiner Hoffnungsschimmer für Spielmobil-Fans

Wenn am Montag der Kulturausschuss darüber berät, den Sperrvermerk über den 15000-Euro-Zuschuss für das Spielmobil aufzuheben, geht es nicht um die Rettung des Projekts, sondern um dessen Auflösung. Michael Lucke hofft trotzdem, das Spielmobil retten zu können: Der DRK-Kreisverband, dessen Schatzmeister er ist, prüfe derzeit, ob er es ehrenamtlich übernehmen könne. Das Fahrzeug könne dann zwar nicht mehr so oft unterwegs sein wie bisher, man würde es aber immerhin nicht ganz aufgeben.

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23.04.2016, 01:00 Uhr

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