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Überaltert und überholt

Der Tübinger Kunstverein gibt jetzt in seinem 59. Jahr auf

Es gab ihn vor dem Künstlerbund, und ohne ihn hätte es den Künstlerbund so vielleicht auch nicht gegeben: 1956 wurde der Tübinger Kunstverein gegründet. Jetzt ist er allerdings in Auflösung begriffen.

18.12.2014
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Vor etwa einem halben Jahr übergab der ehemalige Kulturamtsleiter Wilfried Setzler einen künstlerischen Nachlass ans Stadtmuseum, um ihn dort schätzen und aufbewahren zu lassen: 177 Blätter von Tübinger Künstlern, wie sie oft und gern als „Blätter des Monats“ des Künstlerbunds vertrieben wurden; dazu aber auch 36 Porträts, dazu eine Skulptur (nämlich Suse Müller-Diefenbachs lässige Kurt-Hafner-Figur) sowie ein Album voller Künstlerfotos und -widmungen.

Das alles stammte nun wiederum aus dem Vermächtnis des ehemaligen AOK-Direktors – und langjährigen Künstlerbund-Vorsitzenden – Kurt Hafner, der auch den Kunstverein über fast 35 Jahre, bis zu seinem Tod im Herbst 2006, geleitet hatte. Setzler ersetzte ihn bald darauf, von seinen Amtsleiter-Pflichten befreit, allerdings bis heute nur kommissarisch. Und jetzt muss er den ganzen Verein abwickeln.

Das Ende des Kunstvereins war freilich abzusehen. Sein Sinn und Zweck hat sich überholt, denn der Künstlerbund, den er immer unterstützte, hat längst einen eigenen Freundeskreis. Und Kunst- oder Kulturreisen, sagt Setzler, machen auch die anderen. Während es in den 1990er-Jahren noch über 300 Mitglieder gab, schrumpfte die Zahl danach stetig, man ist derzeit bei rund 100 Mitgliedern angelangt. Die zahlen zwar großenteils noch brav ihren Obolus von 25 Euro pro Jahr. Doch zu den letzten Mitgliederversammlungen mit dem einzigen Thema, wie es mit dem Verein weitergehen solle, kam überhaupt nur ein Bruchteil der Angesprochenen. Zu wenig.

Zeit also für einen Schlussstrich, ehe das totale Siechtum eintritt. Und Zeit fürs Resumee: Der Kunstverein hat insgesamt Großes für Tübingens Kulturszene geleistet. Hervorgegangen war er aus der Gesellschaft der Freunde des Tübinger Kunstgebäudes um Gustav Adolf Rieth und Kunsthistoriker Georg Scheja. Bis Mitte der 1950er-Jahre brachten die Kunstfreunde den Tübingern, darunter besonders „der studierenden Jugend“, die Klassiker der Moderne näher. Aber nicht nur: Der Blick ging auf die hervorragenden Tübinger Uni-Betsände und früh schon auf die heimischen Künstler.

Im Dezember 1955 konstituierte sich der „Arbeitskreis Tübinger Kunstfreunde“, im Frühjahr drauf wurden erstmals mit einer universitären Morgen(land)gabe von „Persischen Miniaturen“ stolze 1600 Besucher in den Ausstellungsraum im Technischen Rathaus gelockt. Den Vereinsvorsitz übernahm mit Julius Dietz ein Fabrikant, doch der kundige Mann dahinter war Scheja. Die Moderne-Klassiker Macke, Kirchner, Hofner, Beckmann und Jawlensky wurden danach ebenso gezeigt wie altholländische Landschaftsgemälde aus einer klandestinen Privatsammlung, wie mittelalterliche Buchmalerei aus Preußischem Kulturbesitz, wie Barlach aus der Reemtsma-Sammlung oder eine hochkarätige Max-Beckmann-Schau. Besonderes Highlight war 1970 die Kubisten-Kollektion des Schweizer Kunstsammlers Hermann Rupf, der das Berner Kunstmuseum mit seinen Schätzen beglückt hat: Heute die ideale Ergänzung zum frischgebackenen Berner Gurlitt-Erbe.

Bis zu sechs Ausstellungen im Jahr brachte der Kunstverein anfangs zustande. Trotzdem wackelte und bröckelte das Konstrukt. Lange Zeit hatte der Verein ziemlich einsam das Banner der hiesigen Bildenden Kunst gehisst, bis mit den 1970er-Jahren schließlich Künstlerbund, Kunsthalle oder auch verschiedene Galerien hinzu kamen. Insgesamt 121 Ausstellungen waren es in den ersten fünf Jahrzehnten, erst im Technischen Rathaus in der Brunnenstraße; danach vor allem in der Kunsthalle und schließlich – nachdem sich der „Olymp am Philosophenweg“ verschloss – mitten in der Altstadt, und zwar gleich unmittelbar beim Hauptunterstützer Kulturamt, in der Kulturhalle. 1971 hatte Hafner den schwächelnden Verein aus der ersten Existenzkrise geholt. Besonders die beliebten Kunstreisen banden neues Publikum, zwischen Kiew und New York, und zwar nicht zuletzt, weil der Reiseleiter damals öfter Götz Adriani hieß.

Später aber wandten sich sowohl die Stadt als Zuschussgeber als auch der Künstlerbund als natürlicher Partner mehr und mehr vom Verein ab. Er hatte seine Mission erfüllt, Fusionsgespräche mit dem Künstlerbund führten zu nichts. Bis vor einem Jahr wurden die Reisen, meist im kleineren Radius, aufrechterhalten, nun wird Schluss sein.

Auf 9500 Euro wurde übrigens der Kunstvereinsbestand im Stadtmuseums geschätzt. Das war in diesem Jahr die zweithöchste Einzelspende an die Stadt. Diese dankte herzlich – und nahm das Geschenk neulich im Kulturausschuss gerne an.

Der Tübinger Kunstverein gibt jetzt in seinem 59. Jahr auf
Kurt Hafner kurz vor seinem Tod im Jahr 2006 in der Ausstellung „Plakate des Tübinger Kunstvereins“, mit der in der Kulturhalle der 50. Geburtstag des Vereins gefeiert wurde. Es blieb der letzte runde. Archivbild: Sommer

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18.12.2014, 12:00 Uhr

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