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Kulturphänomene (46)

Der Tübinger Nudelmaschinenstreit

Was bisher geschah: In den 60er Jahren übergab eine Tübingerin eine alte Nudelmaschine aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an das Stadtmuseum. Als das Museum Anfang August dieses Jahres die Nudelmaschine als Objekt des Monats auswählte und man sich näher um die Maschine kümmerte, glaubte man einen Irrtum zu bemerken: Es handle sich gar nicht um eine Nudel- sondern um eine Tabakmaschine. Als solche wurde sie nun in der Kornhaus-Auslage ausgestellt, auch das TAGBLATT zeigte und beschrieb die Maschine.

29.08.2012
  • Peter Ertle

Max Mozers Nudelmaschine

© Video: Schweizer 01:41 min

Daraufhin meldete sich der Dußlinger Helmut Haussmann und protestierte: Es gebe gar keine Tabakmaschine. Auch in Haussmanns Familie hätte man das Kraut durch Omas Nudelmaschine gedreht, aber die eigentliche Zweckbestimmung sei doch der Nudelteig und nicht das Tabakblatt gewesen.

Stadmuseumsvolontärin Anne Ewert zeigte sich auf unsere Nachfrage hin doch sehr verwundert. Man habe die Tabakschneidemaschine mit vielen Bildern von anderen Tabakschneidemaschinen abgeglichen. Man sei sich ziemlich sicher.

Wenige Tage später meldete sich die Pfäffingerin Renate Füger bei uns. „Herr Haussmann hat recht!“, befand sie, die angebliche Tabakblätterschneidemaschine des Stadtmuseums sei in Wirklichkeit eine Nudelteigschneidemaschine. Sie wisse das nur zu genau, denn zuhause habe sie die tupfengleiche Maschine.

Andererseits musste sie Haussmann auch widersprechen: Es gebe durchaus Tabakblätterschneidemaschinen. Als Beweis brachte sie ein schmuckes Stück, offenkundig Marke Eigenbau, nebst Tabaksbeutel in der Redaktion vorbei. Auch diese Maschine bildeten wir ab. Sie sieht ganz anders aus als die Tabakblätterschneidemaschine des Stadtmuseums. Sie sieht eher aus wie eine kleine Spielzeugkanone. Oder wie ein Gerät zum Bockspringen für militärische Gartenzwerge. Aber beide Zweckbestimmungen können ziemlich sicher ausgeschlossen werden.

Die Ereignisse überschlugen sich jetzt, denn inzwischen wurde auch unsererseits fleißig recherchiert. Mit folgendem Ergebnis:

Der Tübinger Nudelmaschinenstreit
Links die Nudelteigmaschine, rechts die Tabakschneidemaschine. Manche sagen, es sei genau andersherum. Wahrscheinlich kann man auch Futter für Kleintiere damit schneiden. Beide Maschinen stammen aus dem Besitz Otto Künstles.Bild: Künstle

Es gab tatsächlich Tabakblätterschneidemaschinen. Zum Beispiel haben der Wiener Theatermaschinist Stephan Winterhalter und der Tischler Matthias Hubinek Anfang des 19. Jahrhunderts bahnbrechende Tabakblätterschneidemaschinen konstruiert. Später gab es beispielweise eine via Drehbank angetriebene Tabakblätterschneidemaschine der Solinger Gesenkschmiede Henrichs, die heute den Grundbestand des Rheinischen Landesmuseums für Industrie- und Sozialgeschichte bildet.

Die von uns ebenfalls abgebildete Tabakblätterschneidemaschine aus dem Landesmuseum sieht doch deutlich anders aus als die Tabakblätterschneidemaschine von Renate Füger. Aber auch anders als die Tabakblätterschneidemaschine des Stadtmuseums. Von der wir nun mit wachsender Sicherheit annehmen, dass sie keineswegs über Jahrzehnte hinweg als Nudelteigschneidemaschine verkannt wurde, sondern tatsächlich eine Nudelteigschneidemaschine ist, die bloß als Tabakblätterschneidemaschine missbraucht wurde.

Wovon die Frau, die sie in den sechziger Jahren als Nudelteigschneidemaschine dem Stadtmuseum übergab wahrscheinlich nichts wusste. Weil die Menschen, die damit ihren Tabak drehten, das mit großer Wahrscheinlichkeit hinter dem Rücken der einstmals mit dieser Nudelteigschneidemaschine arbeitenden Frau taten.

Der Tübinger Nudelmaschinenstreit
Renate Fügers Zigarettenmaschine samt Opas Tabakbeutel.Archivbild: Sommer

Zu dieser Vermutung gelangten wir über den Tübinger Frieder Miller, der uns in einer Zuschrift versicherte, auch sein Vater habe nach der Kriegsgefangenschaft bis zur Währungsreform Tabak im Schrebergarten angepflanzt. Den Samen habe er von Verwandten aus dem Badischen bekommen. Für den Feinschnitt habe er Mutters Nudelteigschneidemaschine benutzt. „Der Haussegen hing dann immer einige Tage schief.“ Zeitgleich wandte sich der Derendinger Max Mozer ans TAGBLATT.

Auch er stützte die These von den als Tabakblätterschneidemaschinen missbrauchten Nudelteigschneidemaschinen. Er hat nämlich selber eine, von seiner Mutter geerbt, und auch er berichtet, dass die Mutter nicht glücklich war, wenn ihre zur Suppenproduktion gedachte Küchenmaschine mal wieder nach Tabak roch. Als es in den Nachkriegsjahren kaum Tabak zu kaufen gab, so Mozer, wurde dieser einfach im Garten angebaut.

Und die Tabakblätter wurden dann mit Mutters Nudelteigschneidemaschine zerkleinert. Der mechanische Nudelteig- oder Tabakblattschnitt mit drei scharfen Messern, an einer Kurbelscheibe angebracht, beruhe übrigens auf dem gleichen Prinzip wie dem von landwirtschaftlichen Futterschneidemaschinen, so Mozer, ein Fachmann historischer Gerätschaften.

Der Tübinger Nudelmaschinenstreit
Eine Tabakschneidemaschine aus Solingen, die im Rheinischen Landesmuseum für Industrie- und Sozialgeschichte steht.

Damit kam unerwartet eine weitere These über die vermeintliche Tabakblätterschneidemaschine des Stadtmuseums ins Spiel: Könnte es sich eventuell weder um eine Nudelteigschneidemaschine noch um eine Tabakblätterschneidemaschine sondern vielmehr um eine Miniatur-Futterschneidemaschine handeln?

Die sagen wir ein Bauer seinem Sohn schenkte, um ihn spielerisch an seine zukünftigen Tätigkeiten heranzuführen? Und die möglicherweise die Mutter des Hauses heimlich als Nudelteigschneidemaschine missbrauchte?

Nichtsahnend dass der all zu rasch aus dem Futterschneidemaschinenspielalter herausgewachsene Sohn, der gar nicht daran dachte, später den Hof zu übernehmen, weil er nämlich viel lieber Rock’nRollstar oder Versicherungsangestellter werden wollte, längst seine Tabakblätter damit schnitt, aus dem Beet, das hinter den hohen Sonnenblumen und dem Komposthaufen so gut versteckt lag, dass es den Eltern noch nie aufgefallen war? Zumal sie durch die jahrelange Einnahme von am Nudelteig haftenden, giftigen Tabakrückständen rapide an Sehschärfe eingebüßt hatten?

Der Tübinger Nudelmaschinenstreit
Nudelmaschine? Tabakmaschine? Objekt des Monats August im Stadtmuseum.

Auch diese These ist unwahrscheinlich. Als bislang letzter Akt meldet sich jetzt Otto Künstle aus Wannweil. Als Besitzer einer Nudelteigschneidemaschine und einer Tabakblätterschneidemaschine weist er darauf hin, dass Nudelteigschneidemaschinen und Tabakblätterschneidemaschinen doch sehr leicht voneinander zu unterscheiden seien. Er schickt uns nun ein Bild zum Größenvergleich.

Bei seiner Tabakmaschine fehlt allerdings die Zuführung der Tabakblätter. Künstle vermutet, dass sie irgendwann verrottet ist. Denn im Gegensatz zum Eisen der Maschine sei sie sehr wahrscheinlich aus Holz gewesen – wie das auch bei einer Futterschneidemaschine der Fall sei. Also wieder der verdächtige Hinweis auf die Futterschneidemaschine. Wir gehen ihm nicht weiter nach.


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