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Death Metal, Rinder und Akazien

Der Tübinger Raffael Kratzer verlegte seinen Lebensmittelpunkt vor eineinhalb Jahren nach Südwest-Afrika

Vor eineinhalb Jahren wanderte der Tübinger Raffael Kratzer nach Namibia aus. Gerade ist er wieder in der Stadt – für einen Auftritt mit seiner Death-Metal-Band Fallen Yggdrasil am Samstag im Epple-Haus.

02.10.2014
  • Michael Sturm

Tübingen. Wer vom Virus Heavy Metal gepackt wird, ist für immer infiziert. Die Brüder Simon und Raffael Kratzer waren 17 und 15 Jahre alt, als sie beschlossen, eine Band zu gründen. Stilrichtung: Death Metal nach schwedischem Vorbild: „Anfang der 90er Jahre kam mal einen Welle von Bands von dort. Das ist schon unsere Stilrichtung“, sagt Raffael Kratzer.

Zwei Freunde von Simon vervollständigten das Quartett. Weil keiner der vier bis dahin ein Instrument in der Hand gehabt hatte, folgte deren Verteilung praktisch auf Zuruf, dann wurden sie gekauft. Im Kinderzimmer schrieben die Brüder eifrig Lieder über Tod und Teufel. Simon entwarf das Schriftzeichen für die Band, die auf seinen Vorschlag hin „Fallen Yggdrasil“ genannt wurde. In der nordischen Mythologie verkörpert Yggdrasil – die Weltesche – den gesamten Kosmos.

In der Metal-Szene bereits gut vernetzt, hatte die Band ihren ersten Konzerttermin sicher (im Februar 1997, in Nürtingen), noch ehe sie das erste Mal geprobt hatte – im elterlichen Haus im Tübinger Südwesten, zwischen Campingplatz und Spitzberg. „Unser Schlagzeuger hatte da zum ersten Mal Stöcke in der Hand“, erinnert sich Raffael Kratzer. „Wir haben nur einen Nachbarn. Aber der hat sich damals regelmäßig gemeldet.“ Der war aus dem Hause Kratzer, der Vater ist Ornithologe, einfach keine lauten Geräusche gewohnt.

Death Metal wirkt für viele bedrohlich: Irre schnelle und vor allem laute Stakkato-Gewitter verbinden sich mit einem Gesang, der sich meist wie das Todesröcheln eines waidwunden Tiers anhört. „Aber wir sind alles nette Kerle“, sagt Raffael Kratzer mit jenem Dauergrinsen, von dem er sagt, er bekomme es einfach nicht aus seinem Gesicht heraus. Andererseits betont er die Ernsthaftigkeit der Bandtexte und nennt das Stück „The Snake“, in dem sich Fallen Yggdrasil gegen Vergewaltiger wenden: „Uns war immer wichtig, keine Nullachtfünfzehn-Aussagen zu machen.“

Mit gut 50 Auftritten im Jahr erspielte sich die Band ein Stamm-Publikum. Und das obwohl die vier des Studiums wegen in ganz Baden-Württemberg verteilt waren. „Ein Wochenende im Monat haben wir geprobt, an zweien gespielt und das letzte war für die Freundin“, beschreibt Raffael Kratzer, der in Freiburg Forstwirtschaft studierte: „Das Ökosystem Wald hat mich interessiert.“

Vor dreieinhalb Jahren zog die Band einen Schlussstrich. Simon Kratzer musste bereits 2006 ersetzt werden, ihm fehlte die Zeit fürs Hobby. 2011 ging es den anderen auch so. „Wir wollten uns nicht heimlich still und leise verabschieden“, sagt Raffael Kratzer. Das Abschiedskonzert fand im Tübinger Epple-Haus statt, veranstaltet von „Crazy“ Uwe Frank und Dietmar Bosler. Die beiden Macher der Metal-Night im Epplehaus gehören zu den langjährigen Unterstützern von Fallen Yggdrasil.

Weil die Band schon bei der allerersten Metal-Night spielte, fragten Frank und Bosler an, ob sich Fallen Yggdrasil für das Zehnjährige der Veranstaltungsreihe in diesem Jahr nicht noch einmal zusammentun wollte. Die Band sagte zu – das Konzert findet an diesem Samstag statt.

Für diesen einzigen Auftritt legte Raffael Kratzer den weitesten Weg zurück: Er lebt seit eineinhalb Jahren im Norden von Namibia. Im äußersten Südwesten Afrikas betreibt sein Onkel seit über 30 Jahren eine Jagd- und Rinderfarm. „Es ging auch um die Frage der Nachfolge“, sagt Raffael Kratzer, der dort in den Semesterferien immer wieder für Praktika gearbeitet hatte. Anfang 2013 sagte er seinem Onkel zu und brach in Tübingen fast alle Zelte ab. Jetzt bewirtschaftet er eine 6000 Hektar große Fläche mit rund 300 Stück und kümmert sich um Rinderzucht und Fleischproduktion. In einem sensiblen, von Regen- und Trockenzeiten abhängigen Ökosystem, wie er sagt: „Weiter im Norden und im Nordosten kann man Ackerbau betreiben. Dafür ist es bei uns in der Dornbusch-Savanne zu trocken.“

Ein weiteres Standbein der Farm ist der Tourismus. Zum einen mit Schusswaffen, bei der Antilopenjagd, zum anderen mit Fototapparaten: Raffael Kratzer bietet den Gästen Ausfahrten in die Naturparks: „Davon gibt es viele. 20 Prozent der staatlichen Fläche ist Schutzgebiet.“ Raffael Kratzer setzt bereits eigene Akzente. Er mache sich gerade daran, das Holz der Akazienbäume auf dem Gelände zu vermarkten. Außerdem stecke einiges Geld im Ausbau des Gästehauses. Die Arbeit auf der Farm nehme viel Zeit in Anspruch, sagt Raffael Kratzer. Einen Tag ende er oft damit, sich einfach nach draußen zu setzen und die Tierwelt zu beobachten.

„Ich baue mir da gerade meine Zukunft auf“, sagt er. Seine Freundin, die an einer Schule in Stuttgart unterrichtet, sieht er allenfalls, wenn sie ihn in den Ferien besuchen kommt. Seine Gitarre hat er nach seinem Umzug in Tübingen gelassen: „Wenn man über Jahre in einer Band gespielt hat, gibt einem das alleine spielen nicht viel.“

Beim Proben mit den anderen ging es jedoch schnell, wieder rein zu finden. Die Band habe zehn Songs einstudiert. Sie kommt mit der Besetzung, die am längsten zusammen spielte – neben den Kratzer-Brüdern sind dies Schlagzeuger Christoph Albrecht, Bassist Tobias Wöhr und Gitarrist Dennis Reith.

Der Tübinger Raffael Kratzer verlegte seinen Lebensmittelpunkt vor eineinhalb Jahren nach
Gastspiel in Tübingen: Raffael Kratzer, Gitarrist der Tübinger Death-Metal-Band Fallen Yggdrasil sowie Rinderfarmer in Namibia. Bild: Sturm

Der Tübinger Raffael Kratzer verlegte seinen Lebensmittelpunkt vor eineinhalb Jahren nach
Vier harte Männer zum Gruseln: Fallen Yggdrasil in den Anfängen. Am Samstag treten sie zu fünft auf.

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02.10.2014, 12:00 Uhr

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