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Gott twittert nicht, aber der Alteuropäer

Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann hat mehr Tweets als der Papst – und weiß nicht so recht, wieso

„Religiöse Menschen neigen heutzutage dazu, sich in eine Nische zurückzuziehen, dort ihren Dialog miteinander zu führen und den Rest der Welt in Ruhe zu lassen“, meint Jürgen Moltmann. „Das möchte ich nicht.“ Aber möchte er seine Gedanken in die digitale Welt twittern? Er tut‘s zumindest, aber ohne sein Zutun. Eine kuriose Geschichte.

24.07.2014
  • Wilhelm Triebold

Twittern ist eine mediale Kurzformkunst der Mitteilsamkeit. 140 Zeichen und keines mehr. Erfolgreichste Twitter-Kings im Reich der Folgsamkeit sind Pop-Idole wie Katy Perry oder Justin Bieber, die beide auf jeweils über 50 Millionen Tweet-Leser (Follower) kommen. Auch Barack Obama liegt da weit vorn.

Die Kirche sah das moderne Teufelszeug zuerst mit Skepsis: „Da muss man seine Informationen in kleinste Häppchen zerlegen“, urteilte etwa Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst im Frühjahr 2012. „Twitter verträgt keine Nebensätze. Das liegt mir nicht.“ Bald darauf war es allerdings mit Josef Ratzinger ausgerechnet ein ehemaliger Tübinger Theologe, der als Benedikt XVI. ein erstes herzhaftes urbi@orbi in den Online-Orbit sandte. „Liebe Freunde!“, so dieser erste Papst-Tweet der langen römisch-katholischen Geschichte am 12. Dezember 2012 um 11.36 Uhr, „gerne verbinde ich mich mit euch über Twitter.“

Danach blieb @pontifex zwar verbunden, aber beim Twittern verbindlich zurückhaltend und bescheiden, wie das so seine Art war. Nur 37 Tweets verkündeten in den zweieinhalb Monaten, die Benedikt XVI. im Amt noch blieben, Gottes Wort. 2,9 Millionen User folgten ihm, davon 60 000 in Deutschland. Nachfolger Franziskus ist, gleichfalls unter @pontifex, inzwischen ungleich twitterfreudiger unterwegs, sodass ihn die „Augsburger Allgemeine“ bei angeblich zehn Millionen Follower gar zum „Twitter-Gott“ erklärte.

Gemach. Erstens stuft die maßgebliche Twitter-Plattform Twitaholic den aktuellen Papst mit lediglich 6,26 Millionen Followers auf einem mittelmäßigen 184. Platz zurück (noch weit hinter den Dalai Lama). Zweitens sind bisher 357 Tweets von Franziskus nicht gerade üppig im Vergleich zu, sagen wir, jenen 842 Twitter-Botschaften, die der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann vorzuweisen hat. Selbst wenn der davon lange nichts wusste.

@JuergenMoltmann (497 Follower) hat seit Juni 2012 für jeden Tag eine erbauliche Losung oder eine Erklärung. „Die Moderne Welt ist nur zu einem Drittel die moderne Erste Welt, zu zwei Dritteln ist sie die moderne Dritte Welt“, lesen wir da – astreine „Theologie der Hoffnung. „Das Ende ist telos, nicht finis“, verkündet dunkel der Twitter-Moltmann, oder warnt vorsorglich: „Sei nicht träge! Steh morgens auf! Don’t cry, tu was, wie die feministische Theologie den Frauen sagt.“

Der wahre Moltmann zeigte sich allerdings etwas verblüfft über das rege Zwitschern im Web-Gewebe der Míkroblogger. Vom Evangelischen Pressedienst epd dazu befragt, wunderte sich der 88-Jährige: Er habe auch „keine Ahnung“, wie es zu der Twitter-Präsenz (sogar mit Porträtfoto) gekommen sei. Gefragt hat ihn jedenfalls keiner.

„Ich habe keinen Zugang zum Internet, ich bin noch Alteuropäer“, so Moltmann zu epd: „Ich komme noch mit Bleistift und Schreibmaschine aus.“ Wer hinter dem Account steckt, bleibt unklar, wie so oft bei Twitter oder vergleichbaren Netz-Aktivitäten. Auch die Evangelisch-theologische Fakultät sieht das Getwittere in Moltmanns Namen, selbst wenn es sich um Originalzitate des renommierten Theologen handeln mag, schon aus urheberrechtlichen Gründen eher kritisch, hat epd herausgefunden. Und Moltmann sagt: „Ich wüsste auch gern, wer das ist.“

Das dürfte nicht leicht herauszufinden sein. Vor dem falschen Moltmann twitterte an jener Stelle ein norwegischer Bibellehrer. Wer genau dahinter steckt, ist offen. Und es gibt sogar einen englischsprachigen Account (@moltmannjuergen) mit mehr als 4560 Anhängern. Er ließe sich, wie @JuergenMoltmann, zwar zügig abschalten, wenn beispielsweise der echte Moltmann gegenüber Twitter den „Identitätsbetrug“ anzeigen würde. Aber da hat der Evangelische Pressedienst wiederum nicht ganz unrecht: Das „wäre dann aber auch irgendwie schade.“

Schade allerdings auch, dass sich die Moltmannschen Tageslosungen nach einiger Zeit einfach nur wiederholen. Das beachtliche Werk des „Theologen der Hoffnung“ hätte genug Neues, Erfrischendes für jeden Tag zu bieten. So lesen wir in geraumen Abständen immer wieder die frohe Moltmann-Botschaft auf die Frage, was gegen die Trägheit des Herzens zu tun sei: „Am besten ist ein Tritt in den Hintern.“

Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann hat mehr Tweets als der Papst – und weiß nicht so recht,
Feines Tweed-Gewebe kennt er – aber diese Web-Art Tweet? Jürgen Moltmann.

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24.07.2014, 12:00 Uhr

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