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Der Unangepasste
Zum Tod von Manfred Krug
Nachruf · Manfred Krug

Der Unangepasste

Kantiger Schauspieler und leidenschaftlicher Musiker – das Multitalent Manfred Krug ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Er begeisterte das Publikum in Ost wie in West.

28.10.2016
  • Uwe Stiehler

Wenn man sich ein Haus bauen lässt, dann von einem Zimmermann wie Hannes Balla. Große Hände, großes Können, große Handwerkerehre. Gut, da wären auch sein mittelgroßer Durst und seine große Klappe. Balla setzt Bauernschläue geben kollektive Parteiunvernunft. Wenn auf jeder DDR-Baustelle ein Vorarbeiter wie Hannes Balla freie Hand gehabt hätte … 

Balla war erst eine Roman-, dann eine Filmfigur: in „Die Spur der Steine“. Als Frank Beyer 1965 den Film dreht, bekommt Balla auch ein Gesicht: das von Manfred Krug. Vielleicht sein bester Film – gewiss sein brisantester. Fast 25 Jahren halten die Kulturfunktionäre der DDR den Film im Giftschrank versteckt.

Große Glaubwürdigkeit

Als er 1989/90 wiederentdeckt wird, hätte er nicht besser in die Zeit passen können. Die Leute können sich von Balla abschauen, was sie auf der Demonstration vom 4. November 1989 gewünscht haben: Meinungsfreiheit und einen Sozialismus mit menschlichen Antlitz. Beides hat Krug in diesem Film mit großer Glaubwürdigkeit verkörpert. Vielleicht, weil er tat, was er immer tat. Er spielt seine Rollen nicht, er passt sie seinem Typ an. So ähnlich hat er das einmal ausgedrückt. Krug gab nicht vor zu sein, er war einfach. Und deshalb sieht seine Filmarbeit meistens sehr ehrlich aus.

Ehrliche Arbeit: Das hat wohl auch mit Prägung zu tun. Sein Vater ist im Stahlwerk zu Hause und arbeitet sich zum Oberingenieur hoch. Malocht erst in Duisburg, wo Manfred Krug 1937 geboren wird, und zieht mit der Familie der Arbeit wegen Richtung Osnabrück, dann nach Hennigsdorf bei Berlin. Der Krieg zerreißt die Familie. Der Vater muss als Soldat Richtung Osten. Manfred wird zu seiner Oma nach Duisburg geschickt. Alleine. Und allein flieht der Junge vor den Luftnagriffen wieder zurück nach Hennigsdorf und erlebt dort das Ende des Krieges, aus dem sein Vater tatsächlich zurückkehrt. Es geht hin und her, Manfred Krug wächst dann in der DDR auf, die ihm früh Härte und Fleiß abverlangt. Mit 14 beginnt er im Stahlwerk seine Ausbildung zum Schmelzer und wird der jüngste Facharbeiter der jungen DDR. Die lange Narbe auf seiner Stirn stammt aus dieser Zeit – von einem Spritzer flüssigem Metall.

„Auf der Sonnenseite“

Krug will sein Leben aber nicht verschwitzen. Er holt das Abi nach und will an der Ost-Berliner Schauspielschule studieren. Das Raubein fliegt „wegen disziplinarischer Schwierigkeiten“ vom Institut und macht seine Bühnenprüfung bei Bertolt Brecht. Kaum hat er sie bestanden, klopft das Fernsehen an. Bekannt wird Krug dann mit Frank Beyers Spanienkämpfer-Film „Fünf Patronenhülsen“. 1961 darf er sich in „Auf der Sonnenseite“ sozusagen selbst spielen. Als junger Stahlschmelzer, der sich nebenbei als Jazz-Sänger verwirklicht, ein Unangepasster. Krug wird zum Liebling der Zuschauer. Und auch als Jazz-Sänger erreicht Krug nun ein Massenpublikum.

Er hat dieses Metier geliebt. Er hat nicht nur gesungen, sondern sich Texte selbst geschrieben. Seine Platten werden im Westen wie im Osten gekauft. In der DDR ist man stolz auf diesen Star mit Weltniveau. Sein Publikum bleibt es dauerhaft, die Staatsführung nicht.

Denn Krug gehört zu denen, die die Ausbürgerung Wolf Biermanns für eine menschliche Tragödie und eine politische Dummheit halten. Nach seinem Protest brechen die Angebote weg. Krug hat faktisch Berufsverbot. Er hat sich den Frust über jene Zeit in seiner Biografie „Abgehauen“ von der Seele geschrieben. Krug weigert sich, vor den Funktionären einzuknicken. 1977 zieht er nach West-Berlin.

Liebling der Massen

Am Grenzübergang wird er von einem Kamerateam interviewt: ein nachdenklicher, enttäuschter Mann. Aber er muss nicht lange auf Angebote warten: Bald braust er als Brummi-Fahrer in der Serie „Auf Achse“ durch Europa. Vielleicht nicht das anspruchsvollste Programm, dafür hat er jetzt eine riesige Fangemeinde links und rechts von der Mauer. Dann die Wende: Im Westen ist er als Rechtsanwalt Robert Liebling ein Star. Im Osten verneigt man sich vor dem jungen Krug: vor dem im endlich ans Licht geholten Film „Spur der Steine“.

„Liebling Kreuzberg“: Für Krug hat diese Serie etwas sehr Persönliches. Sie spielt in seiner Stadt, Berlin. Die ersten Staffeln schreibt sein Herzensfreund Jurek Becker, der schon in den 50er Jahren sein WG-Kumpel ist und 1977 als beruflich Kaltgestellter ebenfalls die DDR verlässt.

Krug verdankt Becker sein Image der gepflegten Schnoddrigkeit, das er dann als „Tatort“-Kommissar Stoever weiter kultiviert. Die Popularität macht Krug auch als Werbefigur attraktiv. Für seinen Einsatz für die bald abgestürzte T-Akte wird er sich entschuldigen. Wenn er in den letzten Jahren nach seinem Abschied vom Fernsehen durch die Theater zog, sah es aber nicht so aus, als wenn er bei seinen Fans in Ungnade gefallen wäre. Dafür war Manfred Krug ein viel zu guter Unterhalter.

Bereits am 21. Oktober ist der Schauspieler im Kreise seiner Familie gestorben, still eingeschlafen, hieß es. Sein Tod wurde erst am Donnerstag bekannt gegeben.

Würdigung durch Gauck

Bundespräsident Joachim Gauck kondolierte Manfred Krugs Frau Ottilie: Er erinnere sich an „einen der glaubwürdigsten und populärsten Schauspieler unserer Zeit“. In vielen Rollen habe er in wundervoller Art Schwächen und Stärken der Menschen vor Augen geführt.

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28.10.2016, 08:10 Uhr

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