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Vom Smartphone-Icon zum Knetmonster

Der Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit lud zur Tagung über neue Medien und ihren Einfluss auf junge Menschen

Was machen neue Medien mit Kindern und Jugendlichen, die gravierende psychische Schwierigkeiten haben? Und umgekehrt: Was machen solche Kinder und Jugendliche mit Computern und Smartphones? Über diese Fragen zerbrachen sich 260 Sozialarbeiter, Pädagogen und Therapeuten aus dem deutschsprachigen Raum am Wochenende in der Rottenburger Festhalle den Kopf.

17.11.2014
  • Peter Vorbach

G astgeber war der Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit. Bereits in der Einladung zu seiner 17. Fachtagung mit dem Titel „Screenkids – (auf)gefangen im Netz?“ hatten die in Rottenburg und Tübingen beheimateten psychoanalytischen Sozialarbeiter von „Risiken und Chancen“ neuer Medien gesprochen. Man wollte nicht von vorne herein eine kulturpessimistische Position einnehmen. In der psychoanalytischen Betrachtung kommen die Neuen Medien nämlich oft nicht gut weg. Dafür gibt es allerdings gute Gründe.

Die psychoanalytische Entwicklungstheorie betont die Notwendigkeit bestimmter Mangelerfahrungen für die Entwicklung einer stabilen inneren Struktur. „‚Keine Milch‘ ist der erste Gedanke“, lautet ein in der psychoanalytischen Literatur häufig zitierter Satz des englischen Psychoanalytikers Wilfred Bion. Will sagen: Erst wenn die direkte Befriedigung ausbleibt, entsteht der Raum, in dem sich psychische Struktur, Gedanken, Gefühle, Wünsche bilden können. Voraussetzung dafür ist allerdings die grundsätzliche emotional verlässliche Anwesenheit einer versorgenden mütterlichen Person.

Die Neuen Medien zielen aber genau darauf, eine Situation herzustellen, in der Abwesenheit des ersehnten Anderen, Trennung, Alleinsein nicht erlebt werden müssen. In der digitalen Welt sind Inhalte, aber auch Personen im Prinzip sofort verfügbar. Idealerweise muss nicht gewartet werden. Hat man etwas falsch gemacht, kann das praktisch auf Knopfdruck wieder ungeschehen gemacht werden, während im Zusammenleben mit anderen oft aufwändige psychische und Beziehungsarbeit geleistet werden muss, um das Verhältnis zueinander nach einer Störung wieder in Ordnung zu bringen. Es liegt also nahe anzunehmen, dass Menschen, die mit solchen Geräten groß werden, Defizite in ihrer inneren Struktur und im Umgang mit anderen Menschen entwickeln. Bei Kindern, die bereits solche Defizite aufweisen, könnte vermutet werden, dass neue Medien ihre Entwicklung noch mehr behindern.

Soziale Netzwerke lösen die Computer-Spiele ab

In den acht Vorträgen und den Gruppen-Workshops am Samstagnachmittag wurde die Frage, ob und inwieweit neue Medien die psychische Entwicklung behindern oder befördern, immer wieder gestellt. Dabei wurde deutlich, dass allein schon das Tempo, in dem sich der Mediengebrauch ändert, die Erforschung der Auswirkungen schwierig macht. Smartphones mit Internet-Flatrate treten immer mehr an die Stelle des Surfens am heimischen PC. Nach Erfahrungen des Tübinger Kinder- und Jugendpsychiaters Gottfried Barth nimmt die Bedeutung von Computerspielen bei jungen Patienten, die wegen exzessiver Computernutzung in der Ambulanz der jugendpsychiatrischen Uniklinik vorgestellt werden, zugunsten von exzessivem Gebrauch sozialer Netzwerke ab. Facebook wiederum verliere in jüngster Zeit Nutzer, weshalb das Unternehmen Anfang des Jahres den Kurzmitteilungsdienst Whats App gekauft hat.

In den Berichten aus psychoanalytischen Therapien oder stationären Betreuungen in den Wohnheimen des Vereins zeigte sich, dass neue Medien durchaus eine Chance bieten, mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen, die große Defizite in ihrer psychischen Struktur aufweisen und zu Beziehungen außerhalb der Computerwelt kaum in der Lage sind. Dies erfordert von Therapeuten und Betreuern zunächst einmal einen Verzicht auf die übliche Spieltherapie bei Kindern oder auf das therapeutische Gespräch bei älteren Jugendlichen. Der Therapeut muss es unter Umständen aushalten, über längere Zeit nur der Computernutzung seines Patienten zuzuschauen, wie der Essener Analytiker Johannes Döser berichtete. Erst als das iPad seines achtjährigen Patienten in der Behandlung abstürzte, gab es Raum für ein nicht computervermitteltes Miteinander. Die beiden bastelten ein dreidimensionales iPad aus Karton, mit viereckigen „Apps“, aus deren Icons sich nach und nach richtige Monster aus Knetmasse entwickelten. Mithilfe dieser selbst gestalteten Figuren konnten die Ängste und Wünsche des Jungen handgreiflich und therapeutisch wirksam in Szene gesetzt werden.

Der Mensch macht mehr Angst als die Maschine

Ähnliche Erfahrungen mit gemeinsamer Nutzung von Internet-Foren oder Skype-Kontakten berichteten andere Referenten. Dabei erwiesen sich die maschinell vermittelten Kontakte für die Patienten am Anfang oft als weniger angstbesetzt als das direkte Zusammensein mit dem Therapeuten. Im weiteren Verlauf der Behandlung verlor das anfängliche Hilfsmittel häufig seine Bedeutung und wurde überflüssig – oder aber es wurde zum Hindernis für die weitere Arbeit. Daran, dass der computergestützte Kontakt nur eine Vorstufe zu einem zwischenleiblichen Miteinander mit dem real anwesenden Gegenüber darstellt, ließen die Referenten aus unterschiedlichen therapeutischen Einrichtungen keinen Zweifel.

Ob die Neuen Medien nur dazu dienen, alte Wünsche nach magischer Kontrolle emotional wichtiger Personen und Inhalte auf neuem Weg zu bedienen, oder ob sie die psychische Struktur der Kinder, die mit ihnen aufwachsen, tatsächlich verändern, blieb in der dreitägigen Tagung letztlich offen. Bei der Abschlussdiskussion zeigten sich die Teilnehmer jedoch hoch zufrieden mit einer vielstimmigen und gegenüber dem Neuen offenen Auseinandersetzung, die auch politische Aspekte der Neuen Medien mit einschloss.

Info Der Auto Peter Vorbach arbeitet als Psychoanalytiker in Bühl. Er war früher TAGBLATT-Redakteur.

Der Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit in Rottenburg und Tübingen wurde 1978 gegründet. Er betreibt in Rottenburg zwei therapeutische Wohngruppen mit jeweils sechs Plätzen. Die ambulanten Dienste in Tübingen betreuen derzeit etwa 60 Kinder und Jugendliche. Seit 1981 organisiert der Verein in zweijährigem Turnus Tagungen, zu denen Referenten und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anreisen.

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17.11.2014, 12:00 Uhr

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