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Der Verlust der Realität
Lorenzo Zimmer mit Virtual-Reality-Brille.
Sieg der Technik

Der Verlust der Realität

Zum metallischen Rattern der gusseisernen Räder auf den Schienen gesellt sich ein dumpfes Dröhnen. Es scheint aus dem Berginneren zu kommen. Die Fahrt führt mich tiefer hinein, die Geschwindigkeit wird rasanter. Plötzlich reißt der Schienenverlauf ab – aber meine Lore ist schnell genug, um es gerade so über die gut zehn Meter breite Lücke zu schaffen.

26.01.2017
  • Lorenzo Zimmer

Wie beim Start eines Flugzeugs fühlt es sich an, als würde mein Magen einen Sprung machen. Im Flug entfährt mir ein besorgtes „Ooha!“ Passgenau fädeln meine Räder schließlich auf den Gleisen ein, die Fahrt endet.

Als ich die VR-Brille abziehe, komme ich wieder im Hier und Jetzt an. Das Hier ist ein Tübinger Elektronikhandel, das Jetzt ein Dienstagabend im Januar 2017. VR steht für Virtual Reality – der neueste Schrei aus den Technologie-Schmieden von Tokio bis Silicon Valley. Meine Hände zittern leicht.

Für mich war es das erste Mal in der virtuellen Realität. Beeindruckend, wie realistisch die unechte Welt in einer solchen Brille wirkt, wie weit weg das reale Drumherum plötzlich ist. Bewegt man den Kopf, bewegt sich die Kamera. Das einzige, was die Fahrt in den vorgegaukelten Berg von einer echten Achterbahnfahrt unterschied, war die Gewissheit, zwischen Regalen voller CDs und Gängen voller Waschmaschinen zu stehen.

Und dennoch drehte sich in den Kurven mein Magen um, fühlte sich die Geschwindigkeit real an, ohne dass mein Körper beschleunigt wurde.

Sinnige Anwendungen wird es in Zukunft für solche Brillen zuhauf geben. Ob es das Hotelzimmer ist, das sich vor der Buchung bequem vom heimischen Sofa aus besichtigen und inspizieren lässt. Oder Museumsbesuche sind, die so auch wieder für die Menschen möglich werden, die nicht mehr gut zu Fuß sind – oder für die eine Reise zum Louvre nach Paris aus Logistik- oder Zeitgründen nicht drin ist.

Auf der anderen Seite wird es auch bedenkliche Entwicklungen geben. Gerade für Kinder und Jugendliche droht ein stärkerer Realitätsverlust durch Spiele, die in ihrer künstlichen und doch eindringlich echt wirkenden Umgebung noch realistischer werden.

Wie fühlt man sich erst nach stundenlangem Geballer in real anmutender Umgebung, wenn mich schon eine kurze Fahrt in den Berg körperlich mitgenommen hat? Und das, obwohl ich Videospiele gewohnt bin.

Der Jugendschutz wird sich über VR-Inhalte ganz neue Gedanken machen müssen. Und Eltern werden ihre eigenen Erfahrungen mit der Technologie sammeln müssen, um ihre Kinder schützen und ihnen einen sinnvollen Umgang zeigen zu können.

Wer vor einem Bildschirm sitzt, wird – egal wie fesselnd der Film oder das Spiel auf dem Monitor ist – nicht vergessen, dass er vor einem Bildschirm sitzt. Bei VR ist genau das ganz anders.

Ich jedenfalls hatte in den drei Minuten mit der Brille auf der Nase meine Umgebung völlig vergessen. Wie wird es mir erst gehen, wenn sich die Grafik der VR-Brillen weiter entwickelt und die Spiele noch packender werden?

Wir stehen gerade am Anfang einer Technik, die schon jetzt Einzug in Wohn-, aber auch Kinder- und Jugendzimmer hält. Es ist Zeit für eine Debatte darüber, wohin wir mit dieser Technologie wollen. Und wohin nicht.

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26.01.2017, 01:00 Uhr

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27.01.2017

08:20 Uhr

cehage schrieb:

Sie wünschen sich eine Debatte, das habe ich verstanden. Mir ist nur nicht ganz klar, über was genau? VR-Brillen, dass (ihre) Kinder zu viel spielen könnten, technischer Fortschritt, mögliche Bewusstseinsveränderungen, oder ...? Einfache VR-Modelle lassen sich aus Handy und Vorlage aus dem Internet leicht selbst bauen. Von selbst fahrenden Autos wird es bis zur Fernsteuerung mittels VR und vorprogrammierten Fahrten nicht mehr weit sein. Wie soll man da künftig z. B. noch wissen, wer, wie, wann und von wo, ein Auto wirklich lenkt?

Angesichts solcher und kommender Möglichkeiten wird es allgemein zunehmend schwerer fallen, die Umwelt richtig einzuordnen.

Was auf uns zukommt, ist eine ständig größer werdende und gleichzeitig faszinierende Lawine aus IT und techn. Fortschritt, die so schlagartig explodieren kann, dass man sich eigentlich jetzt schon fragen muss, inwieweit wir, der einzelne Mensch, Gesellschaft und Politik das überhaupt werden bewältigen können?



 

 

 
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