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Diät für die schnellen Brüter: 500 Vögel weniger

Der Verzicht auf Über-Fütterung hat den Tauben-Bestand halbiert

„Hört endlich auf mit der unsinnigen Fütterung!“ Mit diesem Appell forderte eine Gruppe namhafter Naturschützer im Dezember 2011 die Stadtverwaltung zu einem Kurswechsel bei der Bekämpfung der Taubenplage auf. Drei Jahre später geben ihnen die Zahlen recht: Die Reduzierung des Nahrungsangebots hat die Taubenschwärme über den Tübinger Dächern stark ausgedünnt.

15.12.2014
  • Sepp Wais

Tübingen. In den 15 Jahren vor dem Strategiewechsel lebten die hiesigen Stadttauben wie im Schlaraffenland. Helfer des Tierschutzvereins investierten viel Idealismus und über 10 000 mini-bezahlte Arbeitsstunden in die Hege und Pflege der Tiere. Die Stadt hat einige 100 000 Euro für Futter, Holztürme und Dachwohnungen dazugegeben. Und all das mit dem großen Ziel, die Tauben an feste Brutplätze zu binden und ihnen dort die Eier wegzunehmen.

Das gelang auch – die Taubenpaten konnten beachtliche Erfolge vorweisen. Eigenen Angaben zufolge haben sie von 1997 bis Ende 2011 in den Taubenschlägen auf der Neckarinsel, im Alten Botanischen Garten und unterm Dach der Stiftskirche 19 000 Eier abgegriffen – und dazu noch 16 000 Kilogramm Nasskot, der sonst wohl auf die Altstadt heruntergeregnet wäre. Dank dieses Einsatzes, so ließ die Verwaltung den Gemeinderat 2010 wissen, sei der Taubenbestand von über 1000 auf etwa 740 Tiere geschrumpft.

Diesen Zahlen schenkte jedoch kaum jemand Glauben. Die CDU-Stadträtin Sabine Lüllich nicht, die sich bitter über „massive Schäden und Verschmutzungen“ an Gesimsen und Fassaden beschwerte. Und auch die Hausbesitzer in der Altstadt nicht, die Millionen investierten, um Dachstühle und Fassaden mit Nägeln und Drahtverhau gegen eindringende Brutpaare und deren Dreck abzuschotten. Selbst die Taubenpaten trauten der Zählung von 2010 nicht: Sie gingen bei der Berechnung des Futterbedarfs damals nicht von 740, sondern von 1000 Tieren aus.

Da kam einiges zusammen: Mit dem Ziel, jeder Taube eine Tagesration von 60 Gramm zu garantieren, streuten die Paten alljährlich über 400 Zentner Futter aus. Dieses Quantum brachten den Naturschutzbeauftragten Karl Heinrich Ebert und ein Dutzend Mitstreiter vom Vogelschutz- bis zum Heimatbund in Rage. Im Dezember 2011 forderten sie die Stadt auf, die „unsinnige Fütterung“ zu stoppen.

Denn, so erklärten die Kritiker: „Es ist wissenschaftlich belegt, dass der Taubenbestand immer so groß ist, wie es das Nahrungsangebot zulässt.“ Wenn man dazu noch wisse, dass ein wohlgenährtes Weibchen jährlich bis zu acht Mal jeweils zwei Junge aufziehen kann, brauche man sich nicht zu wundern, dass die Tauben nicht weniger, sondern mehr werden und dann auch noch die allerletzten Ecken als Brutplätze in Beschlag nehmen – und dort weniger durchsetzungsstarke Arten wie etwa die Fledermäuse verdrängen.

Nach dieser Intervention stellte die Stadt ihr Taubenkonzept um. Im Sommer 2012 wurde die Fütterung, die seither einigen Helfern der Bruderhaus Diakonie obliegt, drastisch eingeschränkt. Halbwegs auskömmlich sind die Tagesrationen nur noch im Holzturm im Alten Botanischen Garten und im Taubenschlag an der Reutlinger Straße. Dort geht es laut Rainer Kaltenmark vom Ordnungsamt nach wie vor darum, die Vögel aus der Altstadt rauszulocken und dauerhaft an die künstlichen Nistplätze zu binden. Ansonsten werde – abgesehen von den Kalorienbrocken, die in der Openair-Gastronomie für die anfliegenden Mitesser abfallen – „praktisch nichts mehr gefüttert“.

Die Diät wirkte schneller, als es Kaltenmark „je zu hoffen gewagt“ hätte: Bei der jüngsten Zählung am 27. November wurden nur noch 500 Tauben registriert – damit ist die Tübinger Population in zwei Jahren fast um die Hälfte geschrumpft. Und das, so betont der Ordnungshüter, ausschließlich, weil die Vögel ihr Brutgeschäft eingeschränkt haben: „Es ist keine Taube verhungert.“ Das würde im übrigen der Amtsveterinär nicht dulden, der darauf achtet, dass die Schwärme gesund bleiben.

Auch wenn man die Ergebnisse solcher „Schätz-Zählungen“ nicht auf die Goldwaage legen darf, der Trend ist für Kaltenmark eindeutig. Und spiegelt sich für ihn auch darin wider: „In letzter Zeit haben wir deutlich weniger Beschwerden über die Taubenplage bekommen.“ Trotzdem ist die Unistadt mit ihrem neuen Taubenkonzept seiner Ansicht nach noch nicht am Ziel: „Wir sollten die Zahl der Tauben noch einmal halbieren – 250 wären okay für Tübingen.“

Der Verzicht auf Über-Fütterung hat den Tauben-Bestand halbiert
Volkszählung auf der Tübinger Neckarinsel: Dazu werden die Tauben mit nahrhaftem Streugut angelockt und dann fotografiert – weil man die vielen Vögel auf einem Bild (mit Farbmarkierung) leichter auszählen kann als in einem flatterhaften Schwarm. Bild: Stadt Tübingen

So erfreulich der Schwund bei den Stadttauben ist, die letzte Zählung hätte laut Kaltenmark noch besser ausfallen können – wären da nicht einige „privat organisierte Tierschützer“, die das Fütterungsverbot weiterhin „mit missionarischem Eifer“ unterlaufen. Weil sie den Vögeln „regelmäßig und verdeckt“ Kraftfutter anbieten, haben sich an zwei Plätzen neue Schwärme gebildet: einer beim Kaufland in der Ludwigstraße mit 50 Tieren und einer an der Steinlach-Brücke hinter der Poststraße mit 30 Tieren. Weil bei diesen Taubenpaten „unsere Appelle an die Vernunft nichts halfen“, probierte Kaltenmark sein Glück zuletzt mit zwei Bußgeld-Bescheiden über 35 Euro. Auch das ohne durchschlagenden Erfolg, weshalb als nächstes nun wohl ein Zwangsgeld von 200 Euro fällig wird.

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15.12.2014, 12:00 Uhr

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