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Die Feindbilder bedingen sich

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Reutlingen

Die Mehrheit der Muslime ist friedlich, Islamisten handeln gegen ihren eigenen Glauben. Das sagte Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, am Donnerstag im vollen Spitalhofsaal beim 90. Zeitgespräch der Katholischen Erwachsenenbildung.

20.10.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Mazyek ist 1969 in Aachen geboren. Sein Vater war elf Jahre vorher aus Syrien nach Deutschland gekommen. Den Sohn bedrückt der Bürgerkrieg in Syrien; die vielen Toten und Flüchtlinge, auch die zerstörten Kulturgüter. „Das ist eine Horrorvorstellung. Mein Freund Rupert Neudeck sagt, das ist das zweite Vietnam.“ Deutschland und die EU müssten das Leid in der Bevölkerung mildern, stattdessen gebe es nur Lippenbekenntnisse.

Beim Studienaufenthalt in Kairo, wo er ein Jahr Arabistik belegte, vermisste er „Ordnung und Sauberkeit“, staunte über das „geordnete Chaos“ im Straßenverkehr. „Ich bin hierzulande sozialisiert. Ich habe nie eine Unterscheidung vorgenommen, ob ich mich für Amnesty International oder für die Moscheegemeinde engagiere.“ Mazyek studierte in Aachen Philosophie, Volkswirtschaft und Politik. Heute arbeitet er als Medienberater und Publizist. 1996 gründete er die Plattform www.islam.de. Auf der Weltausstellung Expo 2000 leitete er den ersten Islampavillon. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Mehr als vier Millionen Muslime leben hier; der Zentralrat vertritt zumindest ein Viertel. Der Rat finanziere sich aus Spenden und Abgaben für Bedürftige, so Mazyek. Ihn störte, dass Moderator Karl-Heinz Rauch von „Muslimen der dritten Generation“ in Deutschland sprach, obwohl er das selbst auch mache. „Einwanderer in den USA würden nie Generationen zählen. Entweder, sie sind Amerikaner, oder nicht.“ Mazyeks Ansicht: Viele Muslime „sind noch nicht wirklich hier angekommen, obwohl sie längst inte griert sind“.

Es gebe mehr als 2000 Moscheen in Deutschland, die meisten davon in Hinterhöfen. „Die Mehrheit der Muslime ist gemäßigt und friedlich. Wir haben aber immer wieder Scharmützel mit Fundamentalisten.“ Dabei gehe es allerdings „nicht um den Islam, sondern um soziale und psychologische Momente, die aus einem Menschen einen Islamisten machen“, so Mazyek. Seine Ansicht: „Islamisten handeln signifikant im Widerspruch zu ihrem eigenen Glauben.“ Der Islam gehöre zu Deutschland wie die Muslime, nahm er auf die Äußerungen der Bundespräsidenten Wulff und Gauck Bezug.

Und der Islam könne „nie demokratiefeindlich sein“. Es gebe in Ansätzen eine Gewaltenteilung, schon Prophet Mohammed habe in Fragen von Krieg und Frieden ein beratendes Gremium gefordert. „Uns hier befremdet, dass in Saudi-Arabien die Uhren anders gehen“, konterte Co-Moderator Bernhard Bosold. Er verwies auf Steinigungen von Konvertierten, fehlende Gleichberechtigung von Frauen, keine Trennung von Staat und Kirche: „Die leben für mich im Mittelalter.“

Mazyek entgegnete: „Sie haben nur Teile der muslimischen Welt beschrieben.“ Angesichts von 1,3 Milliarden Muslimen seien die 400 Millionen in Arabien in der Minderheit, die meisten lebten in Indonesien und Indien. „Sie müssen jedes Land einzeln analysieren.“ Europa sei der größte Erdöl-Importeur Saudi-Arabiens. „Wir müssen uns an die eigene Nase packen.“ Und die Religionsfreiheit? „Im Koran steht: ’Es gibt keinen Zwang im Glauben.‘“ Mazyek bemühte Lessings Ringparabel: „Das ist auch die Idee im Islam.“

Bosold fragte, ob die Länder des arabischen Frühlings „europäisch oder saudi-arabisch“ würden. „Ich bin entsetzt von Ihrer Frage“, regte sich Mazyek auf. „Da sind Millionen Menschen auf die Straße gegangen und haben ihr Leben gelassen. Für Demokratie und Menschenrechte. Gegen Diktaturen, die unsere Regierung lange unterstützt hat.“

Bosold erwiderte, die Muslimbrüder seien die größte Gruppierung in Ägypten und stellten den Präsidenten. Mazyek forderte: „Wir müssen diesen Ländern und diesen Gesellschaften die Chance geben, sich zu entwickeln. Europa hat 200 Jahre gebraucht, um die Errungenschaften der Französischen Revolution umzusetzen. Gebt den Muslimen und der arabischen Welt wenigstens zehn Jahre.“ Die zivilgesellschaftlichen Strukturen müssten dort erst entstehen. Europa solle „partnerschaftlich helfen“ und sich nicht auf die Beobachterrolle zurückziehen.

Die Feindbilder bedingten sich gegenseitig – dort das US-amerikanische Schmähvideo gegen den Islam, hier „die Vorstellung, Muslime wollten Demokratie und Meinungsfreiheit abschaffen“. Nach Mazyeks Ansicht wollen alle Menschen Freiheit und Gleichberechtigung. Die Ursache der meisten Kriege seien nicht Religionen, sondern wirtschaftliche Interessen. „Religion kann auch als Brandbeschleuniger wirken“, hielt Bosold dagegen. Mazyek stimmte zu: „Unsere Jakobiner sind die Salafisten.“ Das Islam-Video solle nicht öffentlich aufgeführt werden. Das gefährde die öffentliche Sicherheit. „Die, die das wollen, sind Rechtsextreme. Dann haben wir Straßenkämpfe. Wir wollen denen keine Plattform bieten.“

In der Beschneidungsdebatte pochte Mazyek auf die uralte Tradition religiöser Beschneidung bei Juden und Muslimen. Es sei „bedauerlich“, dass das Kölner Landgericht das Strafrecht für eine bedenkliche religionspolitische Sicht instrumentalisiere.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Reutlingen
Aiman A. Mazyek im Zeitgespräch mit Karl-Heinz Rauch (links) und Bernhard Bosold (rechts).Bild: Haas

In der Publikumsrunde kochten die Emotionen hoch. „Sie glauben an Allah, nicht an den dreieinigen Gott“, schimpfte ein Mann. Eine Zuhörerin fragte: „Warum nehmen Sie nur die Hälfte des Islam in Ihre Argumentation?“ Und später: „Wieso reden Sie von Menschenrechten im Islam? Der hat keine.“ Mazyek sagte, dass nach den Mohammed-Karikaturen die überwältigende Mehrheit der Muslime friedlich demonstriert habe. Er erklärte: „Sie nehmen eine fundamentalistische Sicht als Grundlage. So kommen wir nicht weiter. Sie können weitermachen; ich werde immer versuchen, die Gräben zwischen den Schwesterreligionen zuzuschütten. Das ist mein Job.“

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20.10.2012, 12:00 Uhr

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