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Udo Rauch führte durch das mittelalterliche Universitätsviertel

Der Weg zum Weltkulturerbe

Die Weltkulturerbe-Liste der Unesco verzeichnet 37 deutsche Einträge. Die hiesige Universitätsstadt möchte auch aufgenommen werden. Um dieses Thema drehte sich der stadthistorische Spaziergang vom Montag: „Kennen Sie Tübingen?“

05.09.2012
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Marburg hat bereits vier erfolglose Versuche hinter sich, seine Altstadt fürs Weltkulturerbe zu empfehlen. Nun will die Stadt an der Lahn mit ihrer Universität punkten, und weil sie Tübingen als historische Zwillingsschwester ausmachte, holte sie die Universitätsstadt am Neckar gleich mit ins Boot. Stadtarchivar Udo Rauch führte am Montagnachmittag rund 200 Interessierten vor, was Tübingen als Mitgift bieten kann.

In beiden Städten haben vor rund 500 Jahren die Universitäten die bauliche und die kulturelle Stadtentwicklung entscheidend geprägt. Die Marburger Uni wurde 1527 gegründet, die Tübinger sogar schon 1477. Vor der Alten Aula umriss Rauch, welch ungeheuren Boom Graf Eberhards „Attempto!“ im mittelalterlichen Tübingen auszulösen vermochte. Etwa 50 Neubauten entstanden, die meisten in der Münzgasse und drumherum. Darunter auch viele private Gebäude. Denn nun kamen Professoren in die Stadt und in deren Gefolge noch andere Berufsgruppen, die für den Betrieb einer Universität benötigt wurden. Und alle brauchten Wohnraum.

Von Anfang an auf Holz gesetzt

Von der Alten Aula aus arbeitete sich der Zuhörerschwarm Meter um Meter die Münzgasse vor und begann zu begreifen, welche enorme Leistung, auch logistischer Art, die Unigründung bedeutete. Im Gegensatz zu anderen Hochschulen konnten dafür so gut wie keine vorhandenen Gebäude in Beschlag genommen werden, sie mussten erst von Grund auf errichtet werden. „Die ganze Oberstadt war eine gigantische Großbaustelle“, betonte Rauch.

Wie das Projekt trotzdem rasch verwirklicht wurde, ließ sich an der Alten Aula exemplarisch nachvollziehen. „Man hat von Anfang an auf Holz gesetzt“, sagte der Stadtarchivar. Der Bau wurde auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus errichtet und nach dem erprobten Prinzip eines Fruchtkastens konstruiert. Der wichtigste Unterschied: Er erhielt zahlreiche Fenster, durch die Licht nach Innen gelangen konnte. Das erforderliche Glas wurde in Glashütten im Schönbuch hergestellt.

Zwar sind die Baugeschichten der mittelalterlichen Universitätsgebäude noch ungenügend erforscht, doch weiß man dank etlicher dendrochronologischer Gutachten des Bauforschers und Mittelalterarchäologen Tilmann Marstaller über Alter und Herkunft des Bauholzes Bescheid. Allein für die Burse, die letzte Station des Rundgangs, wurden 460 Baumstämme verbaut. So viel Holz hätte aus der näheren Umgebung nicht beschafft werden können. Als „schier unerschöpfliche Ressource“ konnte der Schwarzwald genutzt werden, aus dem Flößer die Stämme neckarabwärts schafften.

Auf dem Weg durch die Münzgasse erschloss sich den Teilnehmern des historischen Rundgangs die Dichte des mittelalterlichen Universitätsviertels, das Nebeneinander von Fakultätsgebäuden und Professorenwohnungen, Studentenwohnheim und der ersten Cotta‘sche Buchhandlung, Kanzlerhaus und Aula. Und, wie Rauch mehrfach hervorhob, die Abfolge von Forschungslücke zu Forschungslücke. Denn nicht nur die Baugeschichten sind ergänzungsbedürftig, vielfach sogar fehlerhaft überliefert, auch aus den Archiven gelte es noch manche Informationen auszuheben. Nur von den wenigsten Professoren ist bislang bekannt, wo sie einst gewohnt haben.

Seit es „Kennen Sie Tübingen?“ gibt, ist man wohl in jedem Jahr am Evangelischen Stift vorbeigekommen. Seiner Bedeutung für die Universitätsgeschichte entsprechend, wird sich auch der Weltkulturerbe-Antrag in die, so Rauch, „Brunnenstube des Geistes“ vertiefen. Dass das vorherige Gebäude, ein Augustinerkloster, nicht einfach nur übernommen, sondern „grundlegend umgebaut“ wurde, wollte er nicht nur nebenbei erwähnt haben.

Die Weltkulturerbe-Bewerbung wertet der Stadtarchivar als nicht ganz aussichtslos. Gäbe sie einen Schub für die Forschung, sähe er darin aber in jedem Fall einen Gewinn.

Info: Die Karten für die Führung am kommenden Montag – es geht um Tübinger Kriegerdenkmäler – sind schon alle vergeben.

Der Weg zum Weltkulturerbe
Kennen Sie Tübingen? Die vorletzte Etappe begann zwischen Stiftskirche und Alter Aula. Stadtarchivar Udo Rauch (vorne rechts mit Mikrofon) führte. Bild Sommer

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05.09.2012, 12:00 Uhr

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