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Wirtschaftsfaktor Sport

Der Weissenhof wird grün

Der rote Sandplatz gehörte zum Weissenhofturnier in Stuttgart wie die großen Tennisstars. Doch die blieben über die Jahre aus – und mit ihnen die Zuschauer. Jetzt versuchen es die Turniermacher mit grünem Rasen. Am 6. Juni ist Premiere. Aktuelle Topspieler haben zugesagt.

22.05.2015
  • TEXT: Johannes Schweikle | FOTOS: Unternehmen

Susanne Eisenmann ist als Bürgermeisterin für den Sport in Stuttgart zuständig. Aber sie hat anscheinend nicht ganz verstanden, wie sehr sich der Tennisclub Weissenhof verändert. Zur Premiere der neuen Plätze kam sie in den falschen Schuhen. Und sank mit ihren Stiletto-Absätzen im frisch angelegten Rasen ein.

Mit einem Schaukampf weihten John McEnroe und Michael Stich den Platz mit dem exotischen Belag ein. Beide haben schon das wichtigste Tennisturnier der Welt in Wimbledon gewonnen. Der Platz, auf dem sie in Stuttgart spielten, ist nach dem Vorbild von London angelegt. Die Greenkeeper haben jeden Grashalm penibel auf eine Länge von acht Millimetern getrimmt. Sogar die Netzpfosten sind die gleichen wie in Wimbledon.

Am 6. Juni wird auf den grünen Courts das erste ernsthafte Turnierspiel ausgetragen: Zum ersten Mal treten die Tennisprofis in Stuttgart auf Rasen an.

Traditionell wurde das Internationale Weissenhof-Turnier auf roten Sandplätzen gespielt. In den Achtzigerjahren schlugen die großen Stars hier auf, Björn Borg und Ivan Lendl. 1991 hieß der Sieger Michael Stich. Aber seither hat das Turnier schleichend an Bedeutung verloren.

Das lag hauptsächlich am internationalen Turnierkalender: Das weltweit wichtigste Sandplatzturnier findet im Mai in Paris statt. Danach wollen die Besten nicht mehr auf diesem Belag spielen, auf dem die Bälle langsam abspringen und die Matches lange dauern. Sie konzentrieren sich lieber auf die schnellen Rasen- und Hartplätze. „Bei Roger Federer und Novak Djokovic musste ich gar nicht mehr anfragen, ob sie im Juli nach Stuttgart kommen“, sagt Edwin Weindorfer. Er ist Turnierdirektor auf dem Weissenhof. Und er hatte nicht nur ein Problem mit den Stars, sondern auch mit den Zuschauerzahlen.

„Das deutsche Tennis hat seine größten Erfolge auf Rasen gefeiert“, sagt Weindorfer. Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich haben in Wimbledon gewonnen. Daran möchte er anknüpfen. In Absprache mit der Vereinigung der internationalen Tennisprofis wurden in Stuttgart zwei entscheidende Dinge verändert: Der Verein ließ sechs Rasenplätze anlegen. Und das Turnier wurde auf den Juni vorgezogen.

Es hat sich gelohnt: Im Juni tritt Rafael Nadal auf dem Weissenhof an. Weil er hier den gleichen Untergrund vorfindet wie in Wimbledon. Und sich perfekt auf das wichtigste Turnier des Jahres vorbereiten kann. Auch Marin Cilic wird aufschlagen – er hat vergangenes Jahr die US Open gewonnen. „Die Meldefrist ist noch nicht abgelaufen“, sagt der Turnierdirektor Weindorfer. „Ich rechne mit den Zusagen weiterer Topspieler.“ Die Umstellung von Rot auf Grün wurde gründlich vorbereitet. Zunächst befragte der Tennisclub Weissenhof seine Mitglieder – 98 Prozent stimmten für Rasen. Der Hauptsponsor Mercedes stellte einen Millionenbetrag zur Verfügung. Die Greenkeeper aus Wimbledon überwachten den Bau der Rasenplätze. Sie werden jeden zweiten Tag gemäht, während des Turniers täglich.

„Rasen wird in Deutschland ein exotischer Belag bleiben“, sagt Hans-Otto Hiestermann, der Cheftrainer des TC Tübingen. „In den Clubs wird man weiterhin auf Sand- und Hartplätzen spielen.“ Hiestermann war schon Europameister der Tennislehrer, aber bislang konnte er erst einmal auf Rasen aufschlagen – in Kuala Lumpur. Von diesem Erlebnis ist er nachhaltig begeistert: „Der Ball springt extrem flach ab. Man muss variabel spielen. Aber für die Gelenke ist dieser weiche Untergrund sehr schonend.“

Vom Rasenturnier in Stuttgart erhofft er sich neue Impulse für das deutsche Herrentennis. „Wir brauchen wieder eine richtige Persönlichkeit“, sagt er, „einen Spieler, der seinen Sport sichtbar liebt und Leidenschaft zeigt. So einen haben wir im Moment nicht. Wenn es gelingt, einen solchen Sportler zu entdecken, können wir im Tennis mehr bewegen.“

Beim ersten Spiel auf dem neuen Rasen von Stuttgart zeigte Michael Stich das, was seinen Kontrahenten Boris Becker berühmt gemacht hat: Er versuchte, mit einem Hechtsprung am Netz einen Passierball zu erreichen. Weil es bei diesem Schaukampf nicht um Weltranglistenpunkte ging, erlaubte sich der Schiedsrichter einen Kommentar: „Gut gehechtet, aber der Punkt geht an John McEnroe.“

Für die Zuschauer gab’s Erdbeeren mit Schlagsahne. Michael Stich entschuldigte sich für einen Schmetterball, der die Sportbürgermeisterin knapp verfehlte. Er bat Barbara Rittner, die Trainerin des deutschen Teams im Federations Cup, an die Seitenlinie. Aber auch ihr Coaching nutzte nichts. John McEnroe gewann das Spiel. Anschließend lobte er Stuttgart mit einem ganz breiten Grinsen: „Der Rasen ist hier viel grüner als in Wimbledon!“

Der Weissenhof wird grün
Die Weltspitze im Tennis hat das Weissenhof-Turnier wieder im Auge: Topspieler wie Rafael Nadal kommen nach Stuttgart.

Der Weissenhof wird grün

Hechingen
Als die Französin Marion Bartoli vor zwei Jahren das Tennisturnier in Wimbledon gewann, erinnerte man sich in Hechingen: Die hat bei uns doch auch schon gespielt. Wenn Andrea Petkovic und Julia Görges im Fernsehen aufschlagen, sind die Reaktionen ähnlich: Die waren auch schon bei den „Hechingen Ladies Open“. „Zu uns kommen junge Spielerinnen“, sagt der Turnierdirektor Gerhard Frommer. „Wenn sie sich in der Weltrangliste unter die besten 100 vorgearbeitet haben, sieht man sie in Hechingen nicht mehr.“ Dieses Jahr wird das internationale Damenturnier vom 9. bis 16. August ausgetragen. Es geht um 25 000 Dollar Preisgeld. Die Tageskarte kostet vier Euro, zu diesem Preis kann man Tennisspielerinnen sehen, die sich auf den langen Weg an die Weltspitze machen. Der Turnierdirektor wirbt mit einer Mischung aus großem Sport und Volksfestatmosphäre: „Wir brauchen nur gutes Wetter, dann klappt’s wieder.“ www.tchechingen.de

Bildechingen
Auch in Bildechingen kämpfen Tennisspielerinnen um Weltranglistenpunkte. Das internationale Turnier findet vom 27. Juli bis 2. August statt. Spitzenspielerinnen aus der Region erhalten die Chance, gegen aufstrebende Profis um 15 000 Dollar Preisgeld zu kämpfen. Die Dauerkarte kostet 10 Euro. Eva Michael vom TC Bildechingen erhofft sich Impulse vom Stuttgarter Turnier auf grünem Rasen: „Dort spielen die Männer, bei uns die Frauen. Aber vielleicht keimt neue Tennisbegeisterung auf.“ www.tc-bildechingen.de/turnier

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22.05.2015, 12:00 Uhr

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