Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Martin Trostel Quartett im Tübinger Jazzkeller

Der Wendekreis des Käfers

Seinem Namen wird der Tübinger Jazzkeller in den heißen Monaten nur selten gerecht. Am Mittwochabend jedoch sorgte das Martin Trostel Quartett für sommerliche Jazz-Erfrischung.

03.08.2012

Tübingen. Die typische, leicht träge Stimmung eines heißen Sommerabends lag am Mittwoch zunächst auf Publikum wie auf Musikern: Mit Verspätung begann das Konzert, trotzdem trudelten einige der Zuhörer erst im Laufe des ersten Sets ein. Mit „Dezembertage“ eröffnete das Martin Trostel Quartett den Abend. Für Abkühlung konnte die hitzig-rasante Komposition des Saxophonisten Markus Harm jedoch kaum sorgen. Mit seinem filigranen, engmaschigen Kontrabass-Solo konzentrierte sich Axel Kühn auf die hohen Lagen. Ähnlich energiegeladen und mit bald treibendem Walking-Bass war das folgende, von Trostel als „alten Standard im neuen Gewand“ angekündigte „Beautiful Love“.

Seit sechs Jahren lädt Pianist Trostel jeweils im August zum „Midsummernight Jazz“ in den Jazzkeller. Unter dem Titel „Harm Sounds & more“ standen in diesem Jahr vor allem Kompositionen von Markus Harm auf dem Programm. Das Mehr machten Jazz-Standards und Kompositionen unter anderem von Dave Liebman und Chick Corea aus. Harm zauberte einen intimen, rauchig-samtenen Sound aufs Altsaxophon, schwelgte wie in halbwachen Träumen zu Wayne Shorters Ballade „Infant Eyes“. Felix Schrack lieferte mit den Besen am Schlagzeug zahlreiche Schattierungen.

Ein teurer Flügel in einem Schweizer Tonstudio inspirierte Harms zu einem Stück, bei dem vor allem das wirbelnde, wie nach Luft schnappende Drum-Set frischen Wind in die Sommerschwüle brachte. Das perlende Piano lieferte die Einleitung zu „Kleines Wunder“ (ebenfalls eine Komposition von Harm) – so unbeschwert und sehnsüchtig, dass man damit die große Liebesszene in einem Hollywood-Film hätte ankündigen können. Klein, aber oho: Denn das Wunder entpuppte sich bald als ein lautstarkes und energiegeladenes, das auch die letzte hitzebedingte Trägheit wegpustete.

Im Zusammenspiel zeigte sich das Quartett stark: Wenn Trostel zurückhaltend Akkorde einwarf, wenn Kühn scheinbar spielerisch ein Piano-Motiv aufgriff und in seine Basslinie einbaute oder, wenn Schrack immer wieder erneut in die Drum-Trickkiste griff, etwa beim funkig-knackigen „Hide and Seek“ (Joshua Redman), bei dem Harm das Alt-Saxophon gegen ein Tenor tauschte.

Der pulsierende Kontrabass Kühns eröffnete eine Komposition, die Harm seinem verstorbenen Großvater gewidmet hat. Zu dem melancholischen und von unglaublicher Sanftheit getragenen Saxophon schillerten sachte die Piano-Akkorde. Aus seinem Zyklus „Der automobile Wahnsinn“ stammte die Komposition Trostels „Der Wendekreis des Käfers“. Der angenehme Wahnsinn entstand am Mittwoch aus einem Piano-Motiv, das Trostel in einem Loop wiederholte, dazu kam das Schlagzeug wie ein hölzern klingender Motor und so unruhig wie flink krabbelnde Insekten. Doch die vier Musiker schalteten noch einen Gang höher und brausten in einem magisch angetriebenen Perpetuum Mobile davon.del

Der Wendekreis des Käfers
Mittsommerlicher Jazz im Gewölbekeller: Das Martin Trostel Quartett inklusive Markus Harm. Bild: Sommer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.08.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball