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Der Wunsch, überflüssig zu sein
Pfarrer Eckhard Ulrich ist umtriebig. Beim „Christopher Street Day“ ist er ebenso dabei wie derzeit beim Glühweinausschank am Stand der Stuttgarter Aidshilfe. Foto: Ferdinando Iannone
Welt-Aids-Tag

Der Wunsch, überflüssig zu sein

Der evangelische Pfarrer Eckhard Ulrich betreut seit Jahren HIV-Infizierte in Stuttgart. Die Betroffenen lebten heute länger und besser, einfacher sei es für sie deshalb aber nicht.

01.12.2016
  • CAROLINE HOLOWIECKI

Stuttgart. Eckhard Ulrich ist ein Launiger. Er quasselt, er lacht, er witzelt, er ist einer, der offen erzählt. Doch manchmal schweigt er. Dann, wenn es um Schicksale geht, um Krankheit und Tod. Der Stuttgarter Aids-Pfarrer hat täglich mit Betroffenen zu tun. Ihre Geschichten hört er geduldig an. Persönlich, per E-Mail oder telefonisch wenden sich Infizierte oder Angehörige an ihn. Aktuell gibt es drei Personen, die er nur vom Telefon kennt. Das Handy ist immer an. Nichts von dem, was die Menschen ihm erzählen, dringt nach außen. Allein schon von Berufs wegen.

Die besonders tragischen Geschichten werden jedoch seltener. Die medizinische Versorgung sei mittlerweile sehr gut. Ein HIV-Infizierter erreiche heute nicht selten ein normales Lebensalter. „Es gibt Menschen, da wird Aids wohl nie ausbrechen“, sagt Eckhard Ulrich. Oftmals reichten eine Tablette morgens und eine abends. Das heiße aber nicht, dass es für die Infizierten heutzutage zwangsläufig einfacher sei. Dadurch, dass Betroffene heute im Beruf blieben, sei der Druck, nicht geoutet zu werden, oftmals größer. „Die Ausgrenzung gibt es wirklich noch. Etwa bei abweichender Sexualität. Und wenn dann noch HIV dazukommt...“, sagt Eckhard Ulrich. Die Arbeit gehe ihm jedenfalls nicht aus. Selbst wenn er sich eigentlich wünscht, dass Menschen wie er irgendwann gar nicht mehr gebraucht werden.

Ende 2015 lebten in Baden-Württemberg Schätzungen zufolge etwa 9400 Menschen mit HIV und/oder Aids (darunter 7000 Männer), tatsächlich mit HIV-Diagnose registriert sind 8200 Menschen. Dies geht aus einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervor. Das RKI hat ermittelt, dass die Zahl der Neuinfektionen 2015 in Baden-Württemberg bei 280 lag. Etwa 40 Menschen starben, seit Ausbruch der Epidemie waren es im Land 2700 Menschen. Im Großraum Stuttgart sind laut Eckhard Ulrich derzeit etwa 3500 Infizierte registriert.

Ulrich nennt sich selbst nicht Aids-Pfarrer, sondern Seelsorger. „Bei Pfarrer können manche aufschrecken.“ Viele Betroffene hätten eine Distanz zur Kirche, Homosexuelle etwa oder Drogensüchtige. „Am Anfang war ich der Herr Pfarrer mit seiner Moral“, berichtet der 60-Jährige. Heute, nach elf Jahren hauptamtlicher Tätigkeit bei der Aids-Seelsorge, kennt ihn die Szene in Stuttgart und weit darüber hinaus.

Als kirchlicher Vertreter der Aids-Seelsorge der Evangelischen Landeskirche in Württemberg betreibt Eckhard Ulrich viel Aufklärungsarbeit, arbeitet eng mit Sozialarbeitern, Ärzten oder Kommunalpolitikern zusammen, begleitet Fortbildungen. Netzwerken ist eine seiner Hauptaufgaben. Sein Name steht auf Flyern, die an einschlägigen Stellen verteilt werden. Beim „Christopher Street Day“ engagiert sich Eckhard Ulrich ebenso stark wie beim Glühweinausschank der Aidshilfe auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt. „Da kommt die Kirche ganz weit nach vorne“, glaubt der Theologe, der zu 75 Prozent als Krankenhaus-Seelsorger im Marienhospital im Stuttgarter Süden tätig ist.

Ulrich zufolge gibt es etwa 25 bis 30 Aids-Seelsorger in der Evangelischen Landeskirche Württemberg, etwa in jedem zweiten Kirchenbezirk einen. Sie sollen für Toleranz in die Kirche hinein werben, Ansprechpartner für Betroffene und Angehörige sein sowie die Vernetzung vorantreiben. Mit Uwe Volkert gibt es auch einen katholischen Aids-Seelsorger in Stuttgart.

„Ich mache es unglaublich gern“, sagt Eckhard Ulrich über seine Arbeit als Aids-Pfarrer. Früher hätten ihn die Geschichten durchaus auch belastet, bekennt er. Er habe lernen müssen, eine persönliche Distanz aufzubauen. Heute staune er oft darüber, wie vital manche Betroffene seien und wie positiv sie ihr Leben gestalteten.

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01.12.2016, 06:00 Uhr

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