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Ausstellung

Der allerschönste Schein

Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden steht ein Bild von Gerhard Richter im Mittelpunkt einer großen Kerzen-Schau. Den Besuchern geht mehr als ein Licht auf.

26.10.2016
  • BURKHARD MEIER-GROLMAN

Baden-Baden. Die besorgte Hausfrau würde sich fragen, wie sie das geschmolzene Wachs der Stumpenkerze unbeschadet und ohne unschöne Rußspuren zu hinterlassen aus ihrer von der Großmutter geerbten wertvollen Kristallglasschale wieder herausbringt. Der Künstler hat dagegen andere Sorgen. Für ihn ist die Kerze, dieses anbetungswürdige Relikt aus einer längst vergangenen, wunderbaren vorelektrifizierten Zeit, zum Kultgegenstand geworden.

Wie gerade im Museum Frieder Burda, wo schon Ende Oktober mit vielfachem Kerzenschein tüchtig Weihnachtsstimmung gemacht wird. Da flackern die Lichter, da lodern die Flammen, da tun sich vor lauter Andachtsbereitschaft, Gefühlsseligkeit und Rührung auch die härtesten Herzen auf. Und das alles ist, wohl bemerkt, nicht die krude Realität, hier spricht allein die Kunst. Und das heißt, es geht um die perfekte Illusion und vor allem und immer wieder um den allerschönsten Schein.

12 Millionen Euro

Dabei ist diese Veranstaltung im Hause Burda eigentlich nur deshalb inszeniert worden, weil es hier vor Ort ein Musterexemplar der Gattung Kerze zu bewundern gibt: auf einem Ölbild, das Gerhard Richter im Jahr 1982 auf einer 100 mal 100 Zentimeter messenden Leinwand in seinem Atelier entstehen ließ. Weder Richter, der das Thema Kerze damals immerhin gleich 29 Mal ins größere Bildformat brachte, noch Burda, der sich ein erstes Werkstück aus dieser Serie für seine Kunstsammlung reservieren ließ, ahnten, dass eine einzige Richter-Kerze 2011 bei einer Versteigerung bei Christie's in London fast 12 Millionen Euro erzielen würde. Denn es soll auch Sammler gegeben haben, die zunächst von Richters Kerzenschein zwar äußerst angetan waren, dann aber doch meinten, dass diese Leuchtstäbe im Gesamtoeuvre des Großmeisters irgendwie Fehlfarben waren und aus diesem verständlichen Grund ihre Kerzenbilder schnell wieder in den Handel zurückgaben.

Für das Burda-Museum ist das Schnee von gestern. Da steigt jetzt die drei Monate andauernde Kerzen-Fête, und zu dieser Hommage sind mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen von Richter geladen. Wohin man sich auch dreht, sie kommen einem im Meier-Bau entgegen, die Adventslichter, die brennenden Kerzen. Markus Lüpertz, A. R. Penck und Georg Baselitz haben sie fest im Programm, die Kerzen. Jörg Immendorff bringt die Kerzenbotschaft frech und provokant rüber, indem er sein pausbäckiges, riesengroßes kleines „Negerchen“ die Flamme ausblasen lässt. Andere wie der 1977 in Heidenheim geborene Seb Koberstädt verpassen ihrem Wunderstab einen protzigen Sockel aus einem Hirschgeweih.

Der koreanische Videokunst-Pionier Nam June Paik, der berühmt geworden ist, weil er einst Buddha vor einer in einem leeren TV-Gehäuse brennenden Kerze meditieren ließ, hat sich durch eine Postkarte von Richters Kerze zu einer großartigen „One Candle“-Installation im Untergeschoss des Museums inspirieren lassen. Und Richter-Schülerin Karin Kneffel versteht es meisterhaft und farbenprächtig, den Charme und das Flimmern schmelzender Kerzen gleich in einer ganzen Bildserie einzufangen.

Etwas grober geht Pop-Art- Nachfahre Jeff Koons zu Werke: Er collagiert munter Kerze mit Bikini, Schmetterling, Sandstrand und Büstenhalter, alles natürlich im Großformat. Während Koons-Konkurrent Eric Fischl zum Fremdschämen auffordert: Er postiert eine Kerze und ein Paar vor dem Beckmann-Gemälde „Zigeunerin“ und lässt sie einen Liebesakt vollführen, bei dem einen trotz Kerzenschimmer vor Eiseskälte das Frösteln überkommen kann.

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26.10.2016, 06:00 Uhr

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