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Himmlische Ruhe

Der autofreie Sonntag 1973

Heute vor 25 Jahren erfreute sich die von der Öl-Preis-Krise geschockte Republik des ersten autofreien Sonntags ihrer Geschichte. Die Lokalchronisten registrierten „weniger Schlägereien, Ruhestörungen, Familienstreitigkeiten und Diebstähle, weniger Gäste in den Ausflugslokalen“. In Unterjesingen tanzten Kinder auf der Bundesstraße. Das ÜBRIGENS zum Tage schrieb der damalige TAGBLATT-Chef.

25.11.1998
  • Christoph Müller

In der Tat ein ganz neues Daseinsgefühl! Der autofreie Sonntag begann zwar so, daß man befürchten mußte, er sei als Test ungeeignet, denn zunächst regnete es unablässig bis zum Mittagessen, was bedeutet: bei diesem Wetter hätten sowieso die meisten bloß den häuslichen Herd umlagert. Aber etwas war auch da schon zu bemerken, zu hören respektive nicht zu hören. Die mehr oder weniger laut von 90 Prozent aller Bewohner dieses Landstrichs auch noch durchs geschlossene Fenster vernehmbaren Geräusche gasgebender und schaltender Autofahrer blieben aus.

Man staunte, ergriffen in die ungewohnte Stille lauschend. Kein Mucks, himmlische Ruhe, höchstens Vogelgezirpe oder das nervenberuhigende Getrommel der Regentropfen. Da bereits gewann man der Notverordnung dankbar Vorurteile ab: so sollte es bleiben, einmal in der Woche nur pure Natur um unser Ohr (von Nase und Auge ganz zu schweigen).

Dann kam der Nachmittag ohne Regen — und hier beginnt der zweite, der Ich-Erzählungs-Teil dieses ÜBRIGENS, denn ich startete nun pflichtbewußt mit dem Auto zu einer Inspektionsfahrt durch den Kreis Tübingen (die Ausnahmegenehmigung war mir ja eben zu diesem journalistischen Zwecke erteilt worden — ich mußte sie übrigens irritierenderweise nicht ein einziges Mal vorzeigen, keine Polizei-Kontrollen, wohin ich auch steuerte).

So seltsam hätte ich die geradezu surreale Situation nicht erwartet: auf der B 28 zwischen Unterjesingen und Tübingen zum Beispiel nicht ein Autofahrer-Kollege, gespenstische Fahrbahn-Leere, die Regenpfützen noch völlig unzerspritzt, als andere Verkehrsteilnehmer über die ganze Straßenbreite verteilt nur fröhlichkurvende Radler, in der Mühlstraße sich am Händchen fassende Rollschuhläufer, in Rottenburg zwei stolz dahintrabende Reiter (ich dachte mir ein Telefongespräch aus: „Hallo, Heinz, du, wir kommen jetzt gleich zu euch zum Kaffee, wir nehmen ein Pferd!“), alle halbe Stunde ein deutlich stärker besetzter Bus, vereinzelt Taxis in großer Eile — sonst nur Fußgänger.

Und vor denen bekam ich richtige Komplexe, denn samt und sonders starrten die einen teils grinsend, teils bitter, teils scherzhaft drohend und johlend so an, als hätten sie noch nie ein Auto gesehen, recht hatten sie, denn sie waren ja auf den abgasfreien Asphalt gepilgert, um endlich einmal keine Autos zu sehen!

Ich fühlte mich immer unwohler in meiner Außenseiter-Haut und würde es deshalb begrüßen, wenn an den kommenden Sonntagen die Dennoch-fahren-Müsser (oder Dürfer) wenigstens etwas weithin Sichtbares aufgeklebt bekämen anstelle der im Handschuhfach versteckten Sondergenehmigung, die einem doch keiner glaubt; denn wenn so die Fußgänger oder Polizisten einem schon von weitem ansehen könnten, daß man rechtens unterwegs ist, das könnte mein schlechtes Gewissen schon etwas beruhigen, meinte ich doch jedesmal, mich für eine Untat entschuldigen zu müssen, wenn ich mich sanft einem Fußgänger-Pulk näherte, denen versichern wollend, daß ich eigentlich auch viel lieber laufen würde, der zwar geschrumpfte Landkreis Tübingen aber als Berichterstatter-Gefilde dafür immer noch etwas zu groß ist. Ansonsten: ein Sieg der Vernunft (und wenn ich nur keinen Sonntagsdienst mehr hätte)!

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25.11.1998, 12:00 Uhr

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