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Kommentar

Der bürgerschaftliche Tübinger Süden

Eigentlich ist Tübingen eine durchaus bürgerliche Kleinstadt. Draußen, vor den anerkanntermaßen nicht so repräsentativen Eingangstoren zur Stadt, wird das aber anders wahrgenommen. Überdurchschnittlich alternativ, diskussionsfreudig und möglicherweise auch unbequem zu regieren sollen die Tübinger sein.

11.10.2012
  • Matthias Stelzer

Dieses Bild einer etwas anderen Stadt befeuert der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer durch sein ausgeprägtes Gespür für überregionale Publicity. Dank ihm und dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ kennt (fast) ganz Deutschland „Die grüne Hölle“ auf dem Gelände der ehemaligen Hindenburg-Kaserne. In Hamburg-Wilhelmsburg und an anderen urbanen Orten der Republik wird das „Französische Viertel“ seither in einem Zug mit den Protesten gegen Stuttgart 21 gelobt. Tübingen und – das bisher eher als bieder klassifizierte – Baden-Württemberg gelten in der Ferne als Heimstatt von mutigem Protest und Bürgerbeteiligung.

Und die Realität? Ersteres, der friedliche Straßenkampf, wurde in Tübingen schon lange nicht mehr im Ausmaß der 70er- und 80er-Jahre erprobt. Letzteres, die Beteiligung der Bürger an kommunalen Entscheidungen, kommt in Tübingen aber tatsächlich voran. Spätestens seit dem Sommer vergangenen Jahres versucht die Stadtverwaltung dem überregional erworbenen Ruf als besondere Stadt auch planerisch Taten folgen zu lassen. Und das nicht irgendwo in der Peripherie, sondern unmittelbar am offenen Herzen der Stadt, dem Zentrum. Genauer: im südlichen Stadtzentrum.

In sechs Arbeitsgruppen haben sich über 100 Tübinger/innen um die Zukunft des Europaplatzes, des Zinser-Dreiecks, des Foyer-Geländes an der Blauen Brücke gekümmert. Haben über die Sperrung der Mühlstraße diskutiert und sich um eine Balance zwischen den Sorgen der verwinkelten Altstadt und den Chancen in unbebauter Bahnhofsnähe bemüht. Über 20 000 ehrenamtliche Arbeitsstunden haben die beteiligten Tübinger/innen ins Zentrum südlich des Neckars investiert. Zeit, die sich offensichtlich gelohnt hat. Bei Themen, die hier schon immer strittig waren – wie etwa die Verträglichkeitsgrenze für neue Gewerbeflächen oder die heikle Verkehrsführung in der Innenstadt – sind sich die verschiedensten Interessengruppen näher gekommen.

Mehr Schnittmenge als Trennendes – das ist in diesem Fall auch ein Verdienst der Stadtverwaltung. Die Experten aus dem Rathaus haben mit ihrer umfangreichen Beteiligung an Runden Tischen, die vernetzt arbeiten, kommunalpolitisches Pionierland betreten. Es gibt bundesweit kaum Beispiele für eine so komplexe vorgezogene Bürgerbeteiligung. Und was noch viel wichtiger ist: Die Offenheit, mit der die Stadtverwaltung in den Prozess zog, ist vorbildlich. Statt durch ihren Wissensvorsprung bindende Vorgaben zu machen, nutzen die Stadt-Planer ihre Fertigkeiten offensichtlich, um Ideen ihrer ehrenamtlichen Kolleg(inn)en auszuarbeiten. So wird Tübingen – zumindest im Südzentrum – eine bürgerschaftliche Kleinstadt, die noch etwas besser als ihr Ruf ist.

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11.10.2012, 12:00 Uhr

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