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Kulturphänomene (93)

Der bunte Vogel

Wahrscheinlich war es doch unsere Zeitung, die ihm schon in jungen Jahren das Etikett „bunter Vogel“ verpasste. Aber Serge Le Goff hat es sich bereitwillig zu eigen gemacht, ja, man kann sagen, dass er als bunter Vogel eine beachtliche Karriere hinlegte: das Outfit in schrillen Neonfarben, das Flügelschlagen an den verschiedensten Schauplätzen der Kulturszene, manchmal auch ein bisschen Aufplustern und aufgeregtes Gekreische, die selbstironische Koketterie – all das gehört zu seinen Auftritten, es ist seine Marke.

09.01.2015
  • Ulrike Pfeil

Als bunter Vogel ist der Franzose, den der Militärdienst einst nach Tübingen verschlug, eine feste Größe in der Kultur der Stadt geworden. Ein Farbtupfer ist der französische Akzent, den er schon lange als Charmefaktor einsetzte, bevor im Fernsehen der Reporter Alfons mit dem Puschelmikrofon einen Kult daraus machte.

Das Französische verleiht ihm die gewisse Leichtigkeit, welche die Deutschen nun mal an ihrem Nachbarvolk bewundern, zu den flamboyanten Kleidern gesellt sich die heitere Klangfarbe der Nation des Savoir Vivre.

Der bunte Vogel flattert als Künstler durch die Szene, seit er in seiner ersten Tübinger Bude einen Stuhl an die Decke schraubte und sie in ein „verkehrtes Zimmer“ verwandelte; es war eine der ersten Kunst-Installationen in der Stadt, Zutritt nur für persönliche Bekannte. Der Hang zum Absurden und Schrägen, zur Clownerie zieht sich durch seine frühen Experimente: Ob er sich mit dem japanischen Künstlerfreund Koho Mori auf den Holzmarkt stellte, um dessen Pflaster-Notizen eilends wegzuschrubben. Ob er, wieder mit Mori, flüchtige Notizen („Ephemeriden“) auf Postkarten an irgendwelche Telefonbuch-Adressen verschickte und dann auf dem Marktplatz darauf wartete, dass sich die Empfänger einfänden. Eine Zeitlang bespaßte er unter der verschwurbelt-akademischen Identität des „Professeur Docteur Furibon Débile“ die Innenstädte – bis ein versprengter Feuerwerkskörper den Pullover einer Passantin versengte. Eigentlich hatte Le Goff mit der pyrotechnischen Aktion als „symbolischem Selbstmord“ auf seine prekäre materielle Lage hinweisen wollen. Stattdessen bekam er vor Gericht 60 Tagessätze zu je 18 Mark aufgebrummt.

Das Gericht war für ihn ebenfalls eine Art künstlerischer Aktionsraum, er nutzte ihn, um kleinkarierte Denke oder Rechtsvorschriften vorzuführen. Wie viele Meter darf ein Lieferant unangeschnallt in einem Fahrzeug zurücklegen? Le Goff, der für seinen Lebensunterhalt seit Jahren Bücher der Buchhandlung Beneke ausfährt, blieb ein paar Zentimeter darunter.

In der wohl schönsten Szene seiner Laufbahn spielte er jedoch gar nicht selbst mit. Die lieferte der Tübinger Gemeinderat, als er im heute fernen Jahr 1988 darüber diskutierte, ob die neonfarbenen Gebilde aus Polyurethanschaum, mit denen Le Goff die alte, schmutzige Fassade des Kulturamts schmückte, überhaupt als „Kunst“ zu bezeichnen seien (die Konservativen). Ob der Kunstbegriff dann ebenso für eine rote Fahne gelte (Kommunist Gerhard Bialas). Und ob auch (die Grün-Alternativen) die Umweltverträglichkeit des Materials geprüft worden sei.

Eines Tages erkannte der bunte Vogel selbst, dass seine Provokationen ins Leere gingen. „Isch wollte die Leute verarschen, aber isch bin selbst verarscht gewesen, denn man hat mir ernstgenommen“, gab er vor zwanzig Jahren zu Protokoll.

Sie haben ihn nicht nur als Künstler ernstgenommen, wie eine beeindruckende Liste an Ausstellungen, Projekten (auch öffentlich geförderten mit Jugendlichen) und Performances bezeugt, sie begannen ihn zu lieben. Denn das ist das Wesen des bunten Vogels: Dass die braven Bürger in dem Künstler, der sich zugleich als Lebenskünstler auslebt, etwas erblicken, das sie selbst gern wären, wenigstens ein bisschen, und das sie bewundern. Deshalb genießt der bunte Vogel einen gewissen Artenschutz.

Dennoch konnte er zeitweise nur überleben, indem er sich selbst zum Lebenskunst-Projekt machte: In seinen Anfangsjahren postulierte er das „Recht auf Faulheit“ und verteilte Flugblätter mit seiner Konto-Nummer; nur ein paar Pfennigbeträge gingen darauf ein. Er fand Leute, die ihm günstig Gartenhäuser überließen, und einen Mäzen, der ihm einen künstlerisch verzierten Gipsfuß abkaufte, damit er die Rechnung für die Krankenhausbehandlung begleichen konnte. Der bunte Vogel ist auch ein Geschöpf der Medien, der Lokalpresse bot er reichlich Stoff: Im Jahr 2000 überreichte er dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT eine Aufstellung, aus der hervorging, dass innerhalb von 20 Jahren 82 Artikel von 36 Journalisten über ihn geschrieben worden waren – „statistisch gesehen ein Artikel alle zwei Monate und 28 Tage“. Alles Belege seiner Existenz.

Als Serge Le Goff im vergangenen Dezember seine vorerst letzte Licht-Installation eröffnete (er ließ einige der Gips-Götter im Tübinger Schlossmuseum farbige Schatten werfen), blickte er auf über 40 Jahre künstlerisches Wirken zurück. Eine vielfältige, meist auf Flüchtigkeit angelegte Kreativität, der alles zum künstlerischen Material wurde: Baumarktartikel und Plastikabfälle, Altpapier und Schrott, Unterwäsche und kaputte Schreibmaschinen. Irgendwie brachte er es zum Fluoreszieren. Bis er der Lichtkunst selbst verfiel.

Auch bunte Vögel kommen in die Jahre (bald 64), wo sie sich über Anerkennung freuen und eine Rede vom Landrat. Aber altern dürfen sie nicht. Denn alle wollen sich weiter an ihrem irrlichternden Flattern freuen.

Die Autorin dieses „Kulturphänomens“ schrieb 1980 als junge TAGBLATT-Redakteurin einen ihrer ersten Artikel über Serge Le Goff. Er wünschte sich, sie schriebe auch einen ihrer letzten vor der Rente über ihn. Voilà, Serge, avec plaisir!

Der bunte Vogel
Dieser Vogel flatterte nicht mehr: Hühnerfüße am Fußball-Helm und im Gesicht nur ein halber Bart. Serge Le Goff, wieder mal gegen den Mainstream, mit einer miesepetrigen Anti-Fußball-Performance zur „Sommermärchen“-Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, 2006.

Der bunte Vogel
Zeitlos grell sind die Farben der höchst individuellen Alltagsmode von Künstler Serge Le Goff. Bloß die Polizei schaut immer nur darauf, ob auch der Sicherheitsgurt umgeschnallt ist. Hier steht das Auto ja noch.

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09.01.2015, 12:00 Uhr

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