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Frühe 3D-Bilder mit versetzten Objektiven

Der doppelte Pfuderer

In den späten 20er- und frühen 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war 3D-Fotografie angesagt. Aus dem Nachlass des Stuttgarter Fotografen Walter Baumeister fand sich auch die Aufnahme eines Bohèmes. Sie zeigt einen Pfuderer, vermutlich Hugo, den einstigen Inhaber des Cafés am Tübinger Marktplatz.

11.01.2013
  • Filipp Münst

Der doppelte Pfuderer
Hugo (oder Ernst) Pfuderer: Inge Eberle-Delius aus Pfäffingen hat das Bild den Zeitzeugnissen überlassen. Fotografiert hat es der Fotograf Walter Baumeister 1930. Die Bilder wurden leicht versetzt aufgenommen. Entdecken Sie den Unterschied.

Tübingen. Hugo Pfuderer leitete das Café am Marktplatz von 1919 an über 40 Jahre lang (heute ist dort das „Ranitzky“). Seine Spezialität waren die Pfuderer-Pralinen. Doch Pfuderer war auch ein Verkleidungskünstler. So fotografierte ihn sein Stuttgarter Freund, der Fotograf Walter Baumeister, mit Melone, mit Zipfelmütze, als Vagabunden oder als Clown. Pfuderer saß dann in seinem Café, selbst die Stammgäste erkannten ihn nicht.

Der doppelte Pfuderer
Mit diesem Betrachter werden Stereo-Bilder räumlich dargestellt. Bild: Münst

Unser Bild zeigt eine für diese Zeit typische Bohèmedarstellung – mit Zylinder und schwarzen Lederhandschuhen, Zigarette rauchend. Aufgenommen wurde es 1930. Doch Fotograf Baumeister hat auf dem Original-Stereobild den Namen „Ernst Pfuderer“ (nicht Hugo Pfuderer) notiert. Hat er sich im Vornamen vertan? Oder gab es Ernst Pfuderer wirklich? Trotz umfangreicher Recherchen ist es nicht gelungen, einen Ernst Pfuderer ausfindig zu machen. So müsste es Hugo Pfuderer sein, der hier doppelt, in diesem Fall in Stereo abgelichtet ist. Aber vielleicht wissen unsere Leser mehr ...

Solche Stereo- oder 3D-Aufnahmen bestehen aus zwei Bildern. „Wenn Sie etwas räumlich sehen möchten, brauchen sie ja auch beide Augen“, erklärt der Tübinger Fotograf Volkmar Kleinfeldt. Für jedes Auge also eine Aufnahme – wobei beide leicht versetzt, oft mit einem Abstand von zehn bis zwölf Millimetern, aufgenommen werden. Dazu benötigt man jedoch eine Spezialkamera mit zwei Objektiven.

Als die Stereo-Fotografie im vergangenen Jahrhundert aufkam, waren die Firmen Voigtländer und Rollei mit ihren Modellen führend, sie kosteten zwischen 50 und 500 Reichsmark. „Das war bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von rund 100 Reichsmark richtig viel Geld, auch für die billigsten Modelle“, weiß Kleinfeldt.

Manche Kameras hatten sogar drei Linsen, wobei die mittlere meistens nur als Sucher zum Einsatz kam. Nur bei den teuersten Modellen konnten mit der mittleren Linse zusätzlich konventionelle Bilder geschossen werden, sie hatten dann also sogar drei vollwertige Objektive.

Auch ein Strahlenfilter macht den 3D-Effekt

Der doppelte Pfuderer
Ein Farbanaglyphenbild. Um den 3D-Effekt wahrzunehmen, muss eine 3D-Brille aufgesetzt werden.

Eine räumliche Darstellung erreichte man aber auch mit Farbanaglyphenbildern. Zwei von ihnen sehen Sie hier (um den 3D-Effekt zu erhalten, müssen Sie eine 3D-Brille aufsetzen). Bei dieser Variante wurden die beiden Bilder nicht von zwei unterschiedlichen, versetzten Objektiven aufgenommen, sondern mit Hilfe eines Strahlenfilters. Ihn schraubt der Fotograf auf seine Kamera und erhält damit zwei farblich unterschiedliche Bilder – normalerweise ein rötliches und ein grünliches – die sich überlappen. Die Bilder betrachtet man dann durch eine Brille.

Diese Methode ist deutlich günstiger und weniger aufwändig. Man benötigt dafür nämlich keine Spezialkamera und auch keinen der inzwischen seltenen Bildbetrachter. „In den 1920er-Jahren gab es das in jedem Haushalt, wie ein Brettspiel. Heute bekommt man sie kaum mehr her, nicht einmal über Ebay“, sagt Volkmar Kleinfeldt. Und er muss es wissen.

Der doppelte Pfuderer
Ein Farbanaglyphenbild. Um den 3D-Effekt wahrzunehmen, muss eine 3D-Brille aufgesetzt werden.

Stereo-Fotografie gibt es schon seit etwa 1850. Damals war es die einzige Möglichkeit, räumliche Tiefe festzuhalten. Richtig populär aber wurde sie nie. „Die Leute ließen sich immer wieder davon beeindrucken, aber an sich gab es nie wirklich eine Notwendigkeit dafür“, so Kleinfeldt. Der Tübinger Fotograf weiß von mehreren Wellen, in denen Stereo-Fotografie kurzzeitig populär war, danach aber wieder in der Versenkung verschwand. So lag sie in den 1950er-Jahren im Trend, dann wieder in den 1980ern, als Rasterfolien benutzt wurden. Sie hatten eine Kunststoffoberfläche mit Prismenraster, welche die Räumlichkeit ohne Hilfsmittel erzeugte.

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11.01.2013, 12:00 Uhr

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