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Hoffen und Bangen

Der erbitterte Kampf in Syrien bereitet auch Tübinger Kurden und Türken Sorgen

Die Stadt Kobane steht derzeit symbolisch für den Kampf der Terror-Organisation IS gegen Kurden. Dies beschäftigt auch Menschen, die mittlerweile in Tübingen zu Hause sind. Sie fordern Unterstützung von der internationalen Koalition.

09.10.2014
  • Madeleine Wegner

Tübingen. „Wenn ich mit meinem Bruder telefoniere, höre ich im Hintergrund die Bomben“, sagt der syrische Kurde Sirwan Ali. Er kam vor sechs Jahren nach Tübingen. Fast täglich hat er Kontakt zu seiner Familie und zu Freunden, die in Syrien leben. „Es wird dort immer schwieriger“, sagt der 29-Jährige. Das betreffe nicht nur die Sicherheit, sondern auch die wirtschaftliche Lage und die Infrastruktur.

Mittlerweile ist auch seine Schwester geflüchtet, sie lebt ebenfalls in Tübingen. Hier hat Ali den Kurdischen Kulturverein Urkesh gegründet. Der Verein sei unkonfessionell und unparteiisch, es gehe vor allem um Kulturaustausch. „Wir wollen keine politische Botschaften, für mich ist es wichtig, informativ zu sein, ohne viele Emotionen“, sagt Ali, der neben seinem Studium vor allem Musik macht. Für die syrischen Kurden wünscht er sich Hilfe: „Wir brauchen Unterstützung von anderen Ländern.“

Nachbarländern wie der Türkei steht er jedoch skeptisch gegenüber, weil sie nicht neutral seien. „Auf jeden Fall muss man viel machen – nicht nur Luftangriffe, sondern auch auf der sozialen und menschlichen Ebene“, sagt Ali. „Menschen ändern sich schnell und können aggressiv werden.“ Das sei eine Gefahr, vor allem bei anhaltenden Konflikten und Kriegen. Ein friedliches Bewusstsein müsse wieder geweckt werden. Auch wenn man mit Waffen Ziele vielleicht schneller erreiche, so Ali, sei es gefährlich, wenn diese zur Gewohnheit würden: „Waffen kommen schnell, doch gehen nur langsam wieder.“ Noch vor zwei oder drei Jahren hätte man viel besser helfen und den Krieg in Syrien verhindern können, sagt der 29-Jährige.

Welche Rolle die Türkei spielt – diese Frage müsse man als allererstes endlich stellen, sagt Ismayil Arslan, SPD-Stadtrat mit türkischen Wurzeln. Er wünscht sich größeren Druck auf die Türkei, auch von seinem Parteigenossen Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Denn die Türkei habe zahlreiche Panzer und Soldaten an der syrischen Grenze stationiert, doch sie greife nicht ein, um den von der Terror-Gruppe „Islamischer Staat“ (IS) bekämpften Kurden zu helfen. „Erdogan spielt ein doppeltes Spiel“, sagt Arslan. Der türkische Präsident unterstütze die IS und greife deshalb nicht ein. Nach außen jedoch wolle Erdogan zugleich den Anschein wahren, dass er die IS für eine gefährliche extremistische Organisation halte.

Am Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und den dort lebenden Kurden habe er von Anfang an Zweifel gehegt, sagt Arslan: „Ich habe nie geglaubt, dass Erdogan den Dialog mit den Kurden ernst gemeint hat.“

Einzige Lösung für die Situation in Syrien ist in Arslans Augen: Die internationale Koalition muss aktiv werden. Doch nicht mit Luftangriffen. Der Preis dafür – unschuldige Menschenleben – sei zu hoch. Deshalb sollte die internationale Koalition gegen den IS mit Bodentruppen vorgehen. „Alles andere macht keinen Sinn.“ Er sei zwar grundsätzlich gegen Krieg, sieht in diesem Fall jedoch keinen anderen Weg.

Auch in Deutschland demonstrieren immer mehr Menschen gegen den IS und für die Unterstützung der Kurden in Ländern wie Syrien und der Türkei. Bereits am Dienstag und auch gestern Abend gab es beispielsweise Demonstrationen in Stuttgart. Auch der Tübinger Ali Güler fuhr zum Protest in die Landeshauptstadt. Er stammt aus der türkischen Stadt Kahramanmaras, 150 Kilometer nördlich der syrischen Grenze, und ist ursprünglich Alevit.

Güler ist überzeugt: Die Türkei unterstützt die IS direkt. Den USA und Europa wirft er vor, die Terror-Gruppe indirekt zu unterstützen. Am meisten ärgert ihn dabei „die Verlogenheit“ von allen Seiten: von Nato, Uno, Türkei, Europa und USA. Als Zeichen aus dem Westen fordert Güler „wenigstens symbolische“ Sanktionen gegen die Türkei, beispielsweise die Drohung, die Türkei aus der Nato zu werfen. Und Deutschland solle die Waffenlieferungen an die Türkei einstellen.

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09.10.2014, 12:00 Uhr

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