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Der erste Job als Niederlage
Kostenlos verteilte Lebensmittel in Athen finden immer mehr Abnehmer. Foto: SOS-Kinderdörfer weltweit/Herma
Griechenland

Der erste Job als Niederlage

Im siebten Jahr des Sparprogramms sind viele Menschen am Ende ihrer Kräfte. Fast jeder zweite Rentner lebt in Armut, Ingenieure finden nur als Kellner Arbeit.

12.10.2016
  • GERD HÖHLER

Athen. Vor zwei Jahren hat Anna Fillini ihr Diplom als Bauingenieurin gemacht. Eine Stelle hat sie bisher nicht gefunden. „In meinem Beruf ist das fast aussichtslos“, erklärt die 26-jährige Griechin. Die Krise hat die Bauwirtschaft besonders hart getroffen. Wurden im ersten Quartal 2007 in Griechenland noch 26 000 Wohnungen fertiggestellt, waren es in den ersten drei Monaten dieses Jahres nur noch 1955. Jetzt endlich hat Anna Fillini den ersten Job ihres Lebens: Sie kellnert in einem Straßencafé an der Athener Platia Viktorias, dem Siegesplatz. Den Teilzeitjob, fünf Stunden an sechs Tagen in der Woche, fand sie im Internet. 290 Euro im Monat hat der Wirt ihr angeboten. „Entscheiden Sie sich schnell, ich habe mehrere Bewerbungen“, sagte der Mann. Anna Fillini willigte ein. Ihren wahren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Die junge Griechin schämt sich. „Mein erster Job ist im Grunde eine Niederlage“, sagt sie traurig. „Ich bin noch so jung – und schon gescheitert.“

20 Monate nach dem Amtsantritt des Premierministers Alexis Tsipras, der eine Koalition aus Links- und Rechtspopulisten führt, geht es den meisten Griechen schlechter denn je. Von den bisher ausgezahlten Hilfskrediten, immerhin 243 Milliarden Euro, kam bei den Menschen so gut wie nichts an. Das Geld diente überwiegend dazu, Altschulden zu refinanzieren.

Nach einer kurzen Erholung 2014 rutschte Griechenland nach Tsipras‘ Wahlsieg wieder in die Rezession. Im ersten Halbjahr schrumpfte die Wirtschaft um 0,75 Prozent. Für 2017 setzt die Regierung ein Wachstum von 2,7 Prozent an, aber viele unabhängige Experten bezweifeln das. Deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten nur eine leichte Erholung von 0,7 Prozent.

Der Arbeitsmarkt wird von der Erholung zunächst kaum profitieren. Die Arbeitslosenquote in Griechenland lag im Juni bei 23,4 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 48 Prozent – ein trauriger Rekord in Europa. Arbeitslosengeld gibt es höchstens ein Jahr, eine Grundsicherung wie Hartz IV ist unbekannt. Die Zukunft? In den nächsten drei Jahrzehnten werde die Arbeitslosenquote zweistellig bleiben, prognostiziert der IWF.

Aber auch wer Arbeit hat, muss sich einschränken. Seit Beginn der Krise sind die Einkommen im Schnitt um ein Drittel gesunken. Sechs von zehn Arbeitnehmern verdienen weniger als 1000 Euro brutto im Monat, jeder vierte bekommt weniger als 400 Euro. Gehörte 2007 noch die Hälfte aller Haushalte zur Mittelschicht, ist es jetzt nur noch jeder fünfte. Die meisten Arbeitgeber stellen nur noch Teilzeitkräfte ein. Diese verdienen laut Sozialversicherungsanstalt IKA mit 338 Euro netto im Monat weniger als das staatliche Arbeitslosengeld von 360 Euro.

Auch die griechischen Rentner müssen den Gürtel immer enger schnallen. „Meine Bezüge sind seit 2010 von 1250 auf 970 Euro gefallen“, erzählt der frühere Bankangestellte Babis Nikas. Manche Rentner berichten sogar von Kürzungen um 40 Prozent. Die Folge: Altersarmut. Nach Angaben des Rentnerverbandes Endisy bekommen fast 45 Prozent der Ruheständler weniger als 665 Euro im Monat – und leben damit unterhalb der Armutsgrenze.

Viele Menschen sind am Ende ihrer Kräfte, weiß Giorgos Protopapas, Direktor der SOS-Kinderdörfer in Griechenland: „Viele arbeitslose Familien haben die Rente der Eltern als einziges Einkommen. Nun bricht auch dieses weg. Deshalb geht vielen Familien die Luft aus. Sie sind inzwischen absolut perspektivlos.“ Betreute die Hilfsorganisation vor der Krise etwa 50 Familien, sind es jetzt 1800 bedürftige Familien mit mehr als 6000 Kindern und Erwachsenen.

Immer mehr junge Leute fliehen vor der Dauerkrise. Nach Daten der Bank von Griechenland sind seit 2008 rund 427 000 Menschen ausgewandert – überwiegend junge, gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker. Griechenland verliert seine besten Talente. Auch Anna Fillini sieht keine Zukunft. An ihren freien Abenden besucht sie einen Deutschkurs am Goethe-Institut. Sobald sie ihre Sprachausbildung abgeschlossen und genug Startkapital gespart hat, will sie nach Deutschland auswandern. „Ich liebe meine Heimat, aber ich kann nicht darauf warten, dass sich dieses Land wieder aufrappelt.“

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12.10.2016, 06:00 Uhr

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