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Abschied voller Erwartung

Der evangelische Reutlinger Dekan Jürgen Mohr hält am Sonntag seine letzte Predigt

Nach 15 Jahren als Reutlinger Dekan geht Jürgen Mohr jetzt in den Ruhestand. Im TAGBLATT-Gespräch erzählt der 65-Jährige von Einschnitten, Höhenflügen und Wunschprojekten.

13.12.2014
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Seine Berufung zum Pfarrer hat Jürgen Mohr schon als Zehnjähriger entdeckt. Dennoch hat er im Zweitstudium Medizin studiert und ein Jahr als Arzt am Reutlinger Kreisklinikum gearbeitet. „Ich wollte mir eine Tür offenhalten. Die habe ich nicht gebraucht, aber es war gut, dass ich von ihr wusste.“ Er hat dann in der Gesamtkirchengemeinde am offenen Herzen operiert: Immobilien verkauft, die Leonhardskirche entwidmet, das Brenz-Gemeindehaus geschlossen. In und um die Kirche richtet die Rall GmbH Wohnungen und Gewerbe ein, anstelle des Gemeindehauses plant die Postgenossenschaft fünf Wohnhäuser.

80 Immobilien, Garagen und Grundstücke hatte die Gesamtgemeinde zu Beginn von Mohrs Ägide – zu viel, fand er. „Und alles in desolatem Zustand.“ Als einer der ersten Dekane katalogisierte und kategorisierte er den Besitz: was die Kirche noch brauche, wovon sie sich trennen könnte. Von Kollegen wurde er ausgelacht – doch bald trafen alle großen Gesamtgemeinden ähnliche Entscheidungen.

Die Entscheidungen in den Reutlinger Kirchengremien fielen mit deutlicher Mehrheit. Aber den Kopf hinhalten musste der Dekan: „Die Menschen schauen den an, der am Mikro steht und die Entscheidungen verkauft.“ Er wurde als derjenige wahrgenommen, der die Immobilien verkaufte und Unruhe in die Kirchengemeinde brachte.

Ihm selbst bescherten die Sparzwänge schlaflose Nächte. „Ich habe mich manchmal gefragt, warum ich mir das antue.“ Schwierig war der Umgang mit der innerkirchlichen Öffentlichkeit – „da bricht für manche eine Welt zusammen, dass die Kirche plötzlich Köpfe und Euro zählt. Das kann ich verstehen – aber ich muss anders arbeiten“, sagt Mohr. Bei der Entwidmung der Leohnhardskirche Anfang 2010 weinten manche, es bildete sich ein stiller Trauerzug in die Marienkirche, erinnert sich der Dekan. Der große Aufschrei kam dann 2011 bei der Schließung des Brenz-Gemeindehauses im Burgholz. Ein Protest einiger – „lassen Sie es 30 Leute sein“, so Mohr. Dass es dann Rücktritte in Kirchengemeinderäten gab, dass manche Evangelische vergrätzt worden seien, könne er verstehen.

Mittlerweile sei der Haushalt konsolidiert, die Kirchensteuer sprudele. Ein ungelöstes Problem ist indes die Christuskirche in der Tübinger Vorstadt geblieben. „Die können wir weder verkaufen noch schließen.“ Eine Sanierung würde 140 000 bis 200 000 Euro kosten, zusätzlich verschlingt sie jährlich 70 000 Euro für den Unterhalt. „Für einen Raum, den man nicht braucht.“ Überlegungen, die zweitgrößte Reutlinger Kirche als Konzertsaal zu nutzen, scheiterten – die Stadt wollte keine Konkurrenz zur Stadthalle. Obwohl die Kirchengemeinde den Umbau tragen wollte. Die Diakonie war als Nutzer im Gespräch, sprang aber ab: „Wir haben vereinbart, die Entscheidung nicht zu kommentieren.“

Die Christuskirchenfrage hinterlässt Mohr seinem Nachfolger Marcus Keinath. „Eine Arbeitsgemeinschaft ist dran, aber ich bin draußen.“ Eine weitere AG tagt als „Struktur- und Sparkommission“: Die Kirche müsse „nochmals an die Gebäudefrage ran“, sagt er voraus. Angestoßen hat Mohr auch sein Traumprojekt: die acht Reutlinger Kirchengemeinden zu einer zu fusionieren. „Das wird ebenfalls einen Aufschrei geben.“ Aber die Fusion schaffe Spielräume für die Pfarrer, deren Stellenzahl die Landeskirche ebenfalls kürzt. Die hiesigen Kirchengremien schauen sich Fusionsvorbilder wie Schwenningen und Mannheim an.

Trotz sinkender Stellenzahlen erlaubt sich Reutlingen Pfarrer-Freistellungen wie für Citykirche und Stadtjugendarbeit. Die machten gute Arbeit: „Wir brauchen Schwerpunkte, die von den Pfarrern gesetzt werden.“ Die Marienkirche nennt Mohr einen „Klotz am Bein – aber einen schönen“: Die stetige Sanierung werde jährlich von der Kirche bezuschusst – doch würden durch Stiftungen und Spenden Mittel für andere Projekte frei. „Im Moment können wir’s gut machen“ – doch irgendwann sei die öffentliche Hand bei den Kulturdenkmalen gefordert.

Am Sonntag hält Mohr seine Abschiedspredigt in der Marienkirche – über die Erwartung des Menschen. Er habe in seiner Laufbahn „noch nie eine so hörbereite Gemeinde“ wie hier erlebt. „Ich konnte 20 Minuten reden und hatte das Gefühl, es wird den Leuten nicht langweilig.“

Mohr ist als guter Prediger bekannt – der szenische Lesungen von Hüsch bis Gryphius in Kirchen hielt. Das wird ihm fehlen – und der tägliche Termin- „Laufzettel“ seiner Sekretärin. Die Mohrs bleiben auf Wunsch seiner Frau in Reutlingen. Anfang Dezember sind sie aus dem Marchtaler Hof in den Ringelbach umgezogen. Drei der vier Enkelinnen leben in Reutlingen, das Paar hat drei erwachsene Kinder. Morgens wird Mohr weiter zwischen fünf und sechs Uhr aufstehen. Mit seiner Frau, die im Esslinger Landratsamt arbeitet. Was er künftig anpackt, lässt er auf sich zukommen. Mit dem ebenfalls in Ruhestand gehenden Trochtelfinger Bürgermeister Friedrich Bisinger will Mohr ein stationäres Hospiz auf der Alb einrichten. Aus kirchlichen Themen werde er sich heraushalten: „Ich habe soviel Selbstdisziplin.“

Der evangelische Reutlinger Dekan Jürgen Mohr hält am Sonntag seine letzte Predigt
„Der bleibt auch hier, wenn ich gehe“: Dekan Mohr mit einer Lutherplastik von Ottmar Hörl in seinem Arbeitszimmer. Bild: Haas

Dekan Jürgen Mohr, 1949 in Remscheid geboren und dort aufgewachsen, hat in Wuppertal, Tübingen und Heidelberg Theologie studiert. Parallel zu seinem Theologiestudium studierte er in Tübingen Medizin, danach arbeitete er für ein Jahr am Kreiskrankenhaus in Reutlingen, bevor er sich seiner eigentlichen Berufung zuwandte und in die Seelsorge einstieg. Mohr war zunächst Gemeindepfarrer unter anderem in Erkenbrechtsweiler, später lehrender Vikar am Pfarrseminar in Bad Boll. 1999 kehrte er nach Reutlingen zurück, wo er 15 Jahre als Dekan die Geschicke der Gesamtkirchengemeinde lenkte. Am Sonntag, 10 Uhr, hält der 65-Jährige in der Marienkirche mit Prälat Christian Rose seine Abschiedspredigt, danach gibt es im Matthäus-Alber-Haus einen kleinen Empfang.

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13.12.2014, 12:00 Uhr

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