Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher mit 89 Jahren gestorben

Der ewige Außenminister

In 18 Jahren als Außenminister legte Hans-Dietrich Genscher Grundsteine für die neue Rolle Deutschlands in der Welt. Einer der prägendsten Politiker der Bundesrepublik und ein Vater der Einheit ist tot. Ein Nachruf.

02.04.2016
  • DIETER KELLER

Ein Bild und einen Halbsatz werden die Menschen immer als erstes mit Hans-Dietrich Genscher verbinden. Es ist der 30. September 1989. Er steht auf dem Balkon des Palais Lobkowitz, der Botschaft der Bundesrepublik in Prag, in dessen Park tausende DDR-Flüchtlinge auf ihre Ausreise nach Westdeutschland hoffen. Nur ein Scheinwerfer erleuchtet die Dunkelheit. "Liebe Landsleute", setzt er an. "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise. . ."

Der Rest geht im Jubelsturm unter. Die Flüchtlinge durften mit Sonderzügen in den Westen ausreisen - durch die DDR. Diese Stunden gehörten "zu den bewegendsten meines Lebens", gestand Genscher später einmal.

Dabei war sein langes Leben reich an Höhepunkten. Saß er doch 33 Jahre lang im Bundestag und 23 Jahre im Bundeskabinett, davon 18 Jahre als Außenminister. Ein Leben ständig auf Reisen, das den Liberalen zum beliebtesten deutschen Politiker machte.

Vieles an Genschers Leben war außergewöhnlich. Schon dass er so alt wurde, grenzt an ein Wunder: Der in einem Vorort von Halle an der Saale Geborene, der kurz nach seinem 89. Geburtstag starb, hatte immer wieder große gesundheitliche Probleme. Als junger Mann kämpfte er ein Jahrzehnt lang mit einer - damals nicht heilbaren - schweren Tuberkulose, an der er mit 19 Jahren erkrankt war. Insgesamt dreieinhalb Jahre verbrachte er in Krankenhäusern und Lungenheilanstalten. Als er im September 1989, kurz vor der Episode in Prag, zur UN-Vollversammlung nach New York reiste, begleitete ihn ein Herzspezialist, weil er wenige Wochen zuvor einen Infarkt erlitten hatte. Auch nach seinem Rücktritt hatte er immer wieder Gesundheitsprobleme. So musste er sich eine neue Herzklappe einsetzen lassen.

Wie viele seines Jahrgangs 1927 musste der Sohn eines Juristen noch aktiv in den Zweiten Weltkrieg, zunächst als Flakhelfer und mit 17 zur Wehrmacht. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft konnte er Jura studieren. 1952 ging er aus Halle weg, in den Westen, nach Bremen und trat der FDP bei.

Vier Jahre später holte ihn Parteichef Thomas Dehler als wissenschaftlichen Mitarbeiter zur FDP-Bundestagsfraktion nach Bonn. 1965 wurde er Abgeordneter und entwickelte sich während der Großen Koalition zum wichtigsten Sprecher der Opposition. Als die Liberalen 1969 mit der SPD eine Regierung bildeten, übernahm er das Innenministerium. Hier erwarb er sich den Ruf, er habe ein Gespür für Zukunftsthemen wie Umweltschutz und innere Reformen. In diese Zeit fielen im September 1972 die Olympischen Spiele in München mit der Geiselnahme israelischer Olympiateilnehmer durch palästinensische Terroristen, bei der elf Israelis getötet wurden. Genscher beschrieb dies als "schrecklichste Erfahrung meiner ganzen Amtszeit als Mitglied der Bundesregierung".

Auch in der FDP machte Genscher rasch Karriere. 1968 wurde er stellvertretender Parteivorsitzender. Im Oktober 1974 löste er Walter Scheel als Bundesvorsitzenden ab. Als FDP-Chef ging es ihm um Unabhängigkeit und Verlässlichkeit - ein schwieriger Spagat im Umgang mit der SPD, die sich immer wieder von ihrem kleineren Koalitionspartner zu Kompromissen gedrängt sah.

Bereits im Mai 1974, nach Willy Brandts Rücktritt als Bundeskanzler und Scheels Wahl zum Bundespräsidenten, übernahm Genscher von diesem das Außenministerium sowie die Funktion des Vizekanzlers. Lange arbeitete er vertrauensvoll mit Kanzler Helmut Schmidt (SPD) zusammen, etwa beim Nato-Doppelbeschluss, der auch in der FDP umstritten war. Letztlich war das Abrücken der SPD davon ein Grund für das Ende der sozialliberalen Koalition, neben Forderungen nach einer "Wende" in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, die er schon ein Jahr zuvor erhoben hatte.

Als die sozialliberale Koalition im Herbst 1982 platzte, führte Genscher die FDP nahtlos in ein neues Bündnis mit der Union unter Helmut Kohl als Kanzler, obwohl dies zu heftigen Protesten des linksliberalen Parteiflügels und zum Austritt prominenter Vertreter führte. Doch Genscher blieb Vizekanzler und Außenminister. Bei der Bundestagswahl im März 1983 wurde sein Kurs bestätigt, wenn auch mit einem deutlich schlechteren Ergebnis für die FDP als bei der Wahl zuvor. Zwei Jahre später gab er den Parteivorsitz an Martin Bangemann ab. Er blieb aber höchst einflussreich in der FDP, wurde oft als "Übervater der Liberalen" betrachtet, und das bis an sein Lebensende.

Als Außenminister hatte Genscher genug zu tun. Er pflegte eine so ausgeprägte Reisediplomatie, dass gelegentlich gelästert wurde, er sei sich auf seinen Flügen selbst begegnet. Im Lauf der Jahre war er an vielen Krisenherden aktiv. Doch im Zentrum stand der Ausgleich zwischen Ost und West. Genscher entwickelte Strategien für eine aktive Entspannungspolitik. So setzte er früh auf die Reformpolitik des sowjetischen Partei- und Staatschefs Michail Gorbatschow. 1989 erkannte er zusammen mit Kanzler Kohl die Chance für einen Durchbruch in der deutschen Frage, auch wenn er großen Wert darauf legte, dass er als Außenminister nicht direkt mit der DDR verhandelte, denn das hätte deren Anerkennung bedeutet.

Im Prozess der deutschen Einheit klärte Genscher erfolgreich wichtige sicherheitspolitische Fragen wie die Diskussion über die Nato-Zugehörigkeit sowie den Verzicht der Alliierten auf Sonderrechte im Rahmen der "2+4-Gespräche". Auch die Paraphierung des deutsch-polnischen Freundschaftsvertrags sowie des Prager Vertrages wurden für ihn persönliche Triumphstunden. In diesen Jahren wurde er zum beliebtesten deutschen Politiker. Der gelbe Pullover wurde sein Markenzeichen.

Nach genau 18 Jahren im Amt schaffte der dienstälteste Außenminister der Welt, was wenigen Spitzenpolitikern gelingt: Kurz nach seinem 65. Geburtstag trat er freiwillig von seinem Amt zurück und übergab es am 18. Mai 1992 an den damaligen FDP-Bundesjustizminister Klaus Kinkel. Als Hauptgrund nannte er später in seinen Erinnerungen Auseinandersetzungen innerhalb der Führung der Liberalen: Sie konnten in den Koalitionsverhandlungen nach den ersten gesamtdeutschen Wahlen Anfang Dezember 1990 nicht, wie versprochen, ein Niedrigsteuergebiet im Osten umsetzen. Zudem habe ihn die vom Finanzminister dominierte Abwicklung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhand gestört. "Letztlich ging es für mich um die Glaubwürdigkeit bei den Wählern in den neuen Bundesländern", begründete er in seinen Erinnerungen den Entschluss.

Unmittelbar nach seinem Rückzug ernannte die FDP Genscher zum Ehrenvorsitzenden. Bis zuletzt war er vielbeklatschter Gast bei den Bundesparteitagen und auch ein heftiger Strippenzieher im Hintergrund bei Partei-Interna. Alle Spitzen-Liberalen suchten seine Gunst und Nähe wie eine Art Ritterschlag. Mit Reden und Zeitungsartikeln meldete er sich immer wieder zu Wort, auch wenn er den Niedergang der FDP nicht verhindern konnte, der im Scheitern bei der Bundestagswahl 2013 kulminierte.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.04.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball