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Fußball-Legende

Der ewige Hamburger

Uwe Seeler gehört in die Hansestadt wie Hafen und Landungsbrücken. Der beste Fußballer, der je für den HSV gespielt hat, wird heute 80.

05.11.2016
  • PHILIPP KAISER

Uwe Seeler leidet. Die Hamburger Fußball-Legende kann das Elend um seinen HSV kaum noch mit ansehen. „Ein neuer Sportchef muss her!“, fordert der Ex-Stürmer. „Dietmar Beiersdorfer kann nicht alles allein machen“, sagt er mit Hinblick auf den glücklosen Vorstandschef. Und er befürchtet das Schlimmste. „Wenn der HSV so weiterspielt, steigt er ab.“ Was für ein Niedergang für den Klub, mit dem er 1960 Deutscher Meister und 1963 Pokalsieger wurde.

Heute wird Seeler 80 Jahre alt. Und auch wenn der Hamburger Fußball viele großartige Spieler gesehen hat – der „Dicke“, wie er uncharmant und doch liebevoll genannt wird, ist der Größte. Eine Vereins-Ikone, ein echter Hamburger Jung, der seine Heimatstadt über alles liebt: den Hafen, die Landungsbrücken, die Speicherstadt, den noblen Rothenbaum und natürlich das Volksparkstadion. Dort, wo Seeler zur Legende geworden ist.

Von 1953 bis 1972 spielte er in der ersten Mannschaft für den HSV, in den er bereits 1946 als Zehnjähriger eingetreten war. Chronisten notieren 476 Partien, in denen er 406 Tore erzielt hat. Doch diese schnöden Zahlen belegen nicht annähernd den Wert, den Seeler ausmacht. Zur Legende wurde er, weil er immer volksnah geblieben ist, nie abhob. Damals mussten die Halbprofis neben dem Fußball noch einen Beruf ausüben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Multimillionär wurde noch niemand.

Auf Millionen-Gehalt verzichtet

Für keinen anderen Verein lief Seeler auf – bis auf einen einmaligen Auftritt beim irischen Klub Cork Celtic. Er schlug in den frühen 60er-Jahren ein damals unfassbares Angebot von 1,5 Millionen D-Mark von Inter Mailand aus – aus Liebe zum HSV, zu Deutschland und seiner Ehefrau Ilka, die Hamburg nicht verlassen wollte. „Der Koffer mit dem Geld war einfach so schwer, dass ich ihn nicht tragen wollte“, scherzte er im Sportmagazin „Kicker“. Auch aus Spanien hatte er mehrere Angebote, die er allesamt ausschlug.

So wurde Seeler zu „Uns Uwe“. Allein diese zwei Worte drücken die Wertschätzung, nein, Liebe aus, die nicht nur die HSV-Fans für den stämmigen Stürmer empfinden. 72 Länderspiele hat er für die deutsche Nationalmannschaft bestritten und dabei 43 Tore erzielt. Und auch wenn er keinen Titel gewonnen hat, ist er Ehrenspielführer. „Für einen WM-Sieg brauchst du Glück, das hatte ich nicht.“

1966 war er Kapitän, als die Deutschen im Finale England mit 2:4 und dem ominösen Wembley-Tor unterlagen. Das Foto, wie er nach der Partie das Stadion mit gesenktem Haupt verlässt, gehört zu den berühmtesten der Fußball-Geschichte. „Was hat Schiedsrichter Gottfried Dienst – Gott hab' ihn selig – nur geritten?“, fragt er sich noch heute. „Auch wenn ich längst unter der Erde liege, wird man über das Tor von Geoff Hurst sprechen.“

Eine weitere Partie gegen die Briten gehört ebenfalls zu den unvergesslichen Momenten – das 3:2 bei der Weltmeisterschaft 1970 im Viertelfinale, als ihm in der sengenden Hitze von León (Mexiko) ein unfassbares Tor mit dem Hinterkopf gelang. Seitdem heißt es bei jedem ähnlichen Treffer: „Wie einst Uwe Seeler.“ Trotz seiner nur 1,70 Meter Körpergröße zählte der Hamburger damals zu den besten Kopfballspielern Europas.

Dabei war der Stürmer unglaublich ehrgeizig: „Wenn wir verloren haben und ich schlecht gespielt habe, war ich ungenießbar.“ Auch ein Grund, warum er nie eine Trainerkarriere einschlug. „Ich hätte zu viel verlangt. Das war schon so, wenn ich meine Mitspieler angemotzt habe, was sie für blöde Bälle spielen.“

Auch seine Funktionärskarriere währte nur kurz. Gegen besseren Wissens ließ er sich 1995 zum HSV-Präsidenten küren. Die dreijährige Amtszeit verlief unglücklich, auch weil seine Mitarbeiter – wohl ohne Seelers Wissen – Geschäfte abwickelten, die mit dem Begriff „zweifelhaft“ noch wohlwollend beschrieben sind.

Legendärer Werbespot

Bei allem Ehrgeiz war Seeler ein fairer Sportsmann. Auch mit den erbittertsten Gegnern auf dem Feld wie Max Lorenz und Luggi Müller („Der hat auf alles getreten, was sich bewegte“) verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Mit Franz Beckenbauer trifft er sich regelmäßig, auch wenn er seit einem schweren Unfall vor einigen Jahren gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe ist. Legendär die gemeinsamen Tage, als sie als „Schneeforscher“ die Umgebung unsicher machten.

Der Hamburger hob nie ab – und war doch ein gewiefter Geschäftsmann und Werbeträger. Legendär sein Spot in den 1970er-Jahren für ein Rasierwasser, das er sich pfeifend ins Gesicht wischte. Außerdem war er seit seiner aktiven Zeit Repräsentant für Adidas und zwischenzeitlich Inhaber eines Bekleidungsunternehmens.

Auch Seelers Privatleben verlief ohne große Einschnitte oder Skandale. Seit 1959 ist er mit Ilka verheiratet, mit der er drei gemeinsame Töchter hat, die ihn gleich sieben Mal zum Großvater machten. Sein Enkel Levin Öztunali hat ebenfalls eine Karriere als Fußball-Profi eingeschlagen und spielt seit dieser Saison beim Bundesligisten FSV Mainz 05.

In Hamburg haben sie „Uns Uwe“ schon zu Lebzeiten ein ungewöhnliches Denkmal gesetzt. Vor dem Volksparkstadion steht eine Bronzenachbildung seines rechten Fußes. Diese 250 000 Euro teure Skulptur ist etwa vier Tonnen schwer, 5,15 Meter breit und 3,50 Meter hoch. Eine ewige Erinnerung an bessere Zeiten in diesen für den HSV so trüben Tagen. „Ich komme auch zu Zweitliga-Spielen“, verspricht Seeler.

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05.11.2016, 06:00 Uhr

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