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Der fast vergessene Krieg
Ständige Bedrohung: Ein Soldat nach einem Bombenanschlag in Kabul. Foto: afp
Afghanistan

Der fast vergessene Krieg

Auch 15 Jahre nach Beginn des Nato-Einsatzes kommt das Land nicht zur Ruhe. Während internationale Diplomaten in Brüssel über Hilfsgelder verhandeln, säen die Taliban Angst.

05.10.2016
  • DPA/EPD

Die Taliban haben ein feines Gespür für Symbolik. Ihr Sturm auf Kundus fällt fast genau auf den Tag ihrer Eroberung der nordafghanischen Stadt im vergangenen Jahr. Damals hielten sie Kundus-Stadt fast zwei Wochen besetzt. Es war der erste große Erfolg der Islamisten seit Beginn der internationalen Intervention 2001. Und es war ein Schock – für die afghanische Regierung wie die internationale Gemeinschaft.

Am Montag ging es also wieder los: In Videos sind vermummte Taliban-Kämpfer in den Straßen von Kundus zu sehen, sie tragen große Waffen um die Schultern und martialische Munitionsgürtel am Bauch. Kundus zu übernehmen schaffen sie diesmal nicht, aber auch gestern noch hielten sie weite Teile der sechs Bezirke der Provinz besetzt. Laut afghanischen Behörden wurden die Taliban zwar aus dem Stadtzentrum vertrieben. Doch die Sicherheitskräfte hätten es nicht geschafft, die Stadt vollständig zu sichern.

Vielleicht werden die Dschihadisten in den nächsten Tagen vertrieben. Doch psychologisch haben sie gewonnen. Ihr Angriff ist der Alptraum all jener Afghanen, die an der Fähigkeit ihrer zerstrittenen Regierung und strapazierten Armee zweifeln. Und er ist der Alptraum aller Diplomaten, die die Lage der Afghanen verbessern wollen. Denn die Attacke kommt nur einen Tag, bevor in Brüssel die elfte internationale Geberkonferenz für Afghanistan beginnt.

Es geht um Millionenhilfe

Es geht an diesem Dienstag und Mittwoch in Brüssel um viel Geld. Vertreter von mehr als 70 Staaten sowie mehr als 20 internationalen Organisationen kommen zusammen. Es wird erwartet, dass sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet, Afghanistan bis Ende 2020 jährlich mehr als drei Milliarden Dollar zivile Entwicklungshilfe zukommen zu lassen – nach Angaben vieler Diplomaten „nahe der bisherigen Summe von etwa 3,9 Milliarden Dollar“. Den Großteil werden die USA tragen. Deutschland ist mit bisher 430 Millionen Euro im Jahr drittgrößter Geber nach den USA und Japan.

Dazu kommen Mittel für die Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte: Mehr als vier Milliarden Euro jährlich bis Ende 2020 haben die Nato-Staaten schon im Juli in Warschau zugesagt. Berlin gibt, zusätzlich zur zivilen Hilfe, jährlich rund 150 Millionen Euro für Polizei und Streitkräfte.

Die Entwicklungshilfe wirkt, es gibt in Afghanistan Erfolge, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Immer mehr Kinder gehen zur Schule, auch immer mehr Mädchen. Kliniken versorgen nach Regierungsangaben inzwischen bis zu 60 Prozent aller Afghanen. Die Müttersterblichkeit ist um rund die Hälfte gesunken. In Parlament und Kabinett sitzen mehr Frauen. Es gibt Wahlen, neue Gesetze, eine Zivilgesellschaft.

Aber es gibt auch noch große Lücken und immer wieder Rückschläge – etwa wegen der massiven Korruption und der sich verschlechternden Sicherheitslage. Viele Afghanen verlassen ihre Heimat. Vergangenes Jahr kamen rund 213 000 Afghanen auf illegalem Weg in die EU. „Weniger Unterstützung für die Regierung würde mehr Rechtlosigkeit und damit noch mehr Flüchtlinge produzieren“, sagt ein westlicher Diplomat. Daher haben die afghanische Regierung und viele Diplomaten versucht, Nachrichten des Fortschritts zu verbreiten: Stabilität, eine bessere Zukunft, Selbstbestimmtheit – das waren die Schlagworte. Angesichts der Ohnmacht vieler Afghanen gegenüber Gewalt und Armut eine verlockende Botschaft.

Taliban greifen an

Doch nun dominieren die Taliban die Nachrichten. Und nicht nur mit ihrem Angriff auf Kundus, auch in anderen Landesteilen schlagen sie los. Die Nachricht, die die Islamisten nach Brüssel schicken, könnte nicht klarer sein: Von Selbstbestimmtheit ist Afghanistan weit entfernt. Denn die Taliban breiten sich aus, legen Ortsregierungen, Kliniken, Schulen lahm. Laut einem neuen US-Bericht kontrolliert die Regierung nur noch rund 65 Prozent des Landes. Immer wieder gibt es Angriffe und Attentate.

Am 24. August etwa stürmten drei Attentäter den hochgesicherten Campus der Amerikanischen Universität in der Hauptstadt Kabul. Sie lösten Sprengsätze aus, schossen auf Studenten und Lehrkräfte. 16 Menschen starben, mehr als 30 wurden verletzt. Der Student Baschir Social war an jenem Tag nicht dort, doch mehrere Kommilitonen des 30-jährigen Afghanen und einer seiner Professoren kamen um. „Ich bin auch bald an der Reihe“, sagt Social resigniert. „Mein Tod ist nur eine Frage der Zeit.“

Dabei ist die Uni eine der wenigen Erfolgsgeschichten in Kabul. Sie hat vielen Afghanen, die unter dem bildungsfeindlichen Taliban-Regime aufwuchsen, die Chance eröffnet, zu studieren, einen anerkannten Abschluss zu machen. Doch seit dem Attentat ist die Aufbruchstimmung Depression und Trauer gewichen. Die internationalen Lehrkräfte haben das Land verlassen. Der Universitätspräsident hat sein Amt niedergelegt. Niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll. epd/dpa

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05.10.2016, 06:00 Uhr

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