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Unsicherheit auf allen Seiten

Der fragile Nachlass des Fabrikanten Wilhelm Neth

Die Firmen des Mössinger Maschinenbau-Fabrikanten Wilhelm Neth sind insolvent. Das Ende begann offenbar mit genau jener Immobilie, die der Ur-Mössinger einmal als seinen „Jugendtraum“ bezeichnet hat: Die Kosten des „Delicasa“-Baus und seine Position im Firmen-Pool des Patriarchen sind eine Ursache dafür, dass an mehreren Orten der Region derzeit knapp 70 Jobs auf dem Spiel stehen.

17.10.2012
  • Eike Freese

Mössingen. Es hängt alles zusammen. Stahl und Blumen, Zuchtpferde und Sägeblätter, ein Engel und mehr als hundert Mastbullen. Da ist die Neth’sche Maschinenfabrik, seit 1958 verlässlicher Arbeitgeber und Mössinger Umsatzgarant. Das „Delicasa“-Gebäude, das Wilhelm Neth im Alter von 70 Jahren selbst eröffnen durfte und das hoch über dem Steinlachtal als Zeichen seiner Tatkraft als Unternehmer und Bürger gelten sollte. Das Hofgut Jungviehweide, mit dem sich Neth einen weiteren Jugendtraum erfüllte und mit dem er den Hofmarkt im Delicasa belieferte. Weil alles zusammenhängt, ist jetzt alles gefährdet.

Der fragile Nachlass des Fabrikanten Wilhelm Neth
Die Geschäfte im Inneren laufen – und doch ist der mächtige „Delicasa“-Bau mit Blick über das Steinlachtal Symbol und Brennpunkt des Insolvenzverfahrens. Mehrere Betriebe des im Juli verstorbenen Unternehmers Wilhelm Neth hängen an der Immobilie. Etwa 70 Arbeitsplätze gelten als betroffen.Bilder: Freese

Am Montag war Betriebsversammlung in der Maschinenfabrik Neth, fünf Tage nach Eröffnung des Verfahrens. Außen an der Ofterdinger Straße bröckelt derzeit der Putz – innen herrschte große Anspannung, wie Insovenzverwalter Gerhard Walter berichtet: „Es gab viele, viele Fragen. Glücklicherweise konnte ich nicht nur Negatives berichten.“ An allen Betriebsstätten werde die Arbeit zunächst weiterlaufen, das Auskommen ist bis Ende November durch Insolvenzgeld gesichert. Was danach kommt, ist unklar. Seit drei Jahren schreibt die Maschinenfabrik zwar rote Zahlen – doch isoliert kann man bei diesem Nachlass nichts betrachten.

Wilhelm Neth ist im Juli verstorben, im Alter von 78 Jahren. Seine Firmen hat der Selfmade-Man als Personengesellschaften geführt. Das war reichlich eigen – und wurde, etwa von Steuerberatern, mehrfach moniert. Die gut 50 Arbeitsplätze in der Fabrik hängen jetzt genauso von der fürstlichen Delicasa-Immobilie am Stadtrand von Mössingen ab wie die drei Beschäftigten im Blumengeschäft und weitere 14 in der Neth’schen Sägen-Produktion in Sulz am Neckar, in der Hausverwaltung im Delicasa-Gebäude und auf dem Hofgut Jungviehweide.

Sechs Tage nach dem plötzlichen Tod des Unternehmers wurde Martina Neth zur Nachlasspflegerin bestimmt. Die 46-jährige Betriebswirtin hat sich seitdem in die zahlreichen Firmen eingearbeitet. Neth ist die Schwiegertochter des Seniors. „Das große Delicasa-Gebäude ist ein Hauptfaktor in der Sache“, sagt sie. „Die hohen Darlehen belasten den Nachlass in höchstem Maß.“ Martina Neth glaubt, dass ohne die Immobilie auch die Maschinenfabrik noch fit für die Zukunft wäre.

Der fragile Nachlass des Fabrikanten Wilhelm Neth
Direkt am Ortseingang Mössingens: die Firma Neth.

2004 hatte Wilhelm Neth das Delicasa-Gebäude gemeinsam mit seiner Tochter Alexandra, damals 33, eröffnet. Die Dimensionen des Projekts sind gewaltig für die Lage und die Größe der Stadt: 6000 Quadratmeter Nutzfläche, 4000 Quadratmeter Ladenfläche, am Rand des Gewerbegebiets Schlattwiesen mit Blick in die Landschaft. Da wollte sich jemand ein Denkmal setzen – und hat das mit Millioneninvestitionen auch getan, nachdem sich Neths Pläne zerschlagen hatten, im Stadtkern hinter dem Traditionsgasthof Engel einen groß angelegten Hofgut-Laden zu eröffnen. Der Engel stand damals leer – und daran hat sich seitdem nichts geändert.

Auch im Delicasa-Gebäude war die Belegung nicht so, dass sie die hohen Darlehen gestützt hätte. Neth Senior musste Geld zuschießen – das erzählt sein Sohn Eckhard, ebenfalls Unternehmer. Dieses Geld fehlte dann woanders – etwa in der Fabrik. Neth Junior glaubt, dass die Entscheidung der Stadt, keine „zentrenrelevanten Sortimente“ zuzulassen, vielen möglichen Geschäftspartnern die Investitionslust genommen hat: „Das Gebäude wurde schon zu Beginn mit einer Fessel belegt“, findet er. Tatsache ist, dass die Stadt in einer offenen Delicasa-Politik einen Widerspruch gesehen hätte – zum Anliegen, das Mössinger Zentrum wirtschaftlich attraktiv zu gestalten.

Doch das Delicasa stand – und Gewerbe zog ein. Die erwünscht hohen Einnahmen blieben aber aus und damit, so Eckhard Neth, auch eine entsprechende Bewertung der Immobilie, die andere Bestandteile des Nachlasses gestützt hätte. Glaubt man Familie und Insolvenzverwalter, trat die tatsächliche Lage des Firmen-Sammelsuriums erst mit dem Tod des Firmenvaters zutage. „Das kam für alle überraschend, mein Schwiegervater hat sich immer sehr bedeckt gehalten“, sagt Martina Neth. „Es gibt einfach Menschen, die zu anderen wenig Vertrauen haben – und sich selbst das Maximale zutrauen.“

Die Mitarbeiter der betroffenen Firmen stehen derzeit zwischen Hoffen und Bangen. Frühzeitige Presseberichte hätten Ängste und Unsicherheit geschürt, so Insolvenzverwalter Walter. Für die Firmen im Nachlass, „ein äußerst heterogenes Gemisch“, so Walter, werden Investoren gesucht. „Wir können derzeit keine Prognosen für die nächsten sechs Monate abgeben.“ Martina Neth sieht in der systemischen Verflechtung von Teilbereichen (etwa der Hofgut-Bullenmast mit dem übrigens nicht betroffenen Marktladen im Delicasa) ein Charakteristikum der Insolvenz. „Es ist ein zusammenhängendes Konzept“, wirbt Neth, „und Verträge können übernommen werden.“

Der Großteil der Menschen, die für den Unternehmer Wilhelm Neth gearbeitet hatten, sind in der gleichnamigen Maschinenfabrik beschäftigt. Es sind gut 50, vor allem langgediente. Seit drei Jahren, so Nachlasspflegerin Martina Neth, mache der Zulieferer Verluste. Das sei allerdings zu relativieren, weil die Firma über den persönlichen Besitz mit anderen Unternehmen des verstorbenen Seniors verbunden war und ist. Neth sieht Hoffnung in dem deutschlandweiten Kundenstamm in einem gut laufenden Nischenmarkt. Insolvenzverwalter Gerhard Walter lobt „geordnete Strukturen“ und eine „vernünftige Auftragslage“.

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17.10.2012, 12:00 Uhr

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