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Beobachter berichten vom Abend

Der fundamentalistische Pfarrer Jakob Tscharntke war umjubelter Gast der AfD in Talheim

Am Dienstag hatte die AfD den evangelikalen Pfarrer Jakob Tscharntke nach Talheim gebracht. Den zunächst öffentlichen Abend deklarierte die Partei bald als pressefreie Zone. Inzwischen hat sich die geschlossene Gesellschaft geöffnet. Zudem liegt die Rede Tscharntkes im Wortlaut vor.

21.11.2015
  • Eike Freese

Talheim. Das Publikum im Talheimer „Engel“ am vergangenen Dienstag war durchaus gemischt – darin stimmen die Berichte von mehreren Teilnehmern überein, die den Vortrag besucht haben. Stramme Rechte waren darunter, aber auch Beobachter der Antifa, Konservative aus dem Steinlachtal, hiesige Pfarrer, AfD-Mitglieder, „Refugees Welcome“-Enthusiasten.

Mehr als hundert Leute, schätzen die Teilnehmer, die mit dem TAGBLATT sprachen, wollten den Auftritt des hoch umstrittenen fremdenfeindlichen Predigers Jakob Tscharntke in Talheim sehen. Bundesweit berichten derzeit Medien kritisch über das Phänomen seiner Anti-Asyl-Predigten. Obwohl: Tscharntke selber würde sagen, er sei gar kein Anti-Asyl-Pfarrer. Denn berechtigtes Asyl würden, zeigt er sich überzeugt, nur die wenigsten der Flüchtlinge verdienen, die hierher kommen.

In einer knapp einstündigen Rede, die mehrfach von lautem Applaus unterbrochen wurde, spannte Tscharntke einen gewagten Bogen von Evolutionstheorie über Homosexualität, Asylrecht, Mediengleichschaltung, Gender-Fragen, Terror, Nächstenliebe und das Freihandelsabkommen TTIP. Verbindende Klammer: das Christentum und die Flüchtlingskrise.

Tscharntke betonten wie auch in seinen Predigten, dass ein übergroßer Anteil derjenigen Flüchtlinge, die derzeit nach Europa kommen, kein Asyl verdient hätte. Mehr noch: Es sei christliches Gebot der Stunde, nicht zu helfen – sonst mache man sich für das Leid der Flüchtlinge mitverantwortlich: „Die eigentlich Schuldigen an den Todesopfern dieser Völkerwanderung sind diejenigen, die diese Massenzuwanderung verursacht haben – und sind hier in Deutschland diejenigen, die sie unterstützen und bejubeln.“

Die Argumentation Tscharntkes folgt in weiten Teilen denen anderer rechtspopulistischer Kräfte in der derzeitigen Debatte. Der größte Unterschied ist wohl, dass Tscharntke seine Argumente stets mit der Bibel rückzukoppeln versucht: „Was wir hier erleben“, sagt der Freikirchler über die gegenwärtige Flüchtlings-Situation in Europa, „ist Gericht Gottes über eine Welt, über eine Menschheit, über ein Volk, das sich von ihm abgewandt hat.“ Tscharntke predigt richtiggehend am Dienstag in Talheim, während er zu seinem Publikum in bewusst völkischer Diktion sagt, dass Gott das deutsche Volk mehr und mehr verlasse: „Gott sagt dem Menschen: ‚Du willst meine Liebe nicht? Dann sieh, wie Du ohne sie klarkommst!‘“

Dabei bringt er Anti-Islamismus, völkische Gesinnung, strafendes Gottesbild und Homophobie teils in einem Satz zum Ausdruck: „Gott hat sich von diesem Volk (dem deutschen, d. Red.) weitgehend abgewandt. Ein Beispiel dafür ist die Anerkennung praktizierter Homosexualität.“

Tscharntkes Suada gipfelt in der Verurteilung der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die er mit Zitaten von Juristen garniert – und die in der Feststellung über Bundeskanzlerin Angela Merkel mündet: „Ich vermute, dass man es nicht viel anders sagen kann: Wir haben eine Verbrecherin an der Spitze des Staates stehen.“

Hier wie auch zuvor gibt es nicht nur Applaus, sondern auch Bravo-Rufe in Talheim. Einer der Beobachter in Talheim ist der ehemalige Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Ofterdingen, Albrecht Esche. Esche hat, wie auch andere, minutiös protokolliert. Er zeigt sich entsetzt über die Rede, aber auch über den Beifall vieler im Publikum. „Tscharntke predigt in betulichem Schwäbisch, aber gerade das macht ihn auch gefährlich, weil es den Inhalt harmloser erscheinen lässt“, so Esche. „Für mich ist er ein christlamischer Hassprediger.“

Neben weiteren Zeugen des Abends meldete sich gestern auch ein Handwerksmeister aus Talheim beim TAGBLATT, der ebenfalls dabei war. Nicht, weil er sich der AfD besonders verbunden fühlt, wie er erzählt, sondern weil er sich eine Meinung bilden wollte. Über seine Erfahrung befragt, betont er, dass die Beobachter des Vortrags nicht ausschließlich Rechtsradikale waren: „Da waren auch ganz weltoffene Leute darunter“, sagt der Talheimer. Den Vortrag selbst habe er nur bruchstückhaft mitbekommen. Er möchte aber nicht, dass Ort und Publikum quasi in Sippenhaft genommen würden.

Bereits unter der Woche hatte der Gastwirt des Restaurants in Talheim gegenüber dem TAGBLATT betont, die AfD nicht aus Nähe zu ihren politischen Inhalten ins Haus gelassen zu haben. Bevor ein erster, noch für Öschingen geplanter Abend vom örtlichen TSV verunmöglicht worden war (wir berichteten) habe die Mössinger CDU gar eine Gegen-Demonstration erwogen, teilte CDU-Sprecher Andreas Gammel unter der Woche dem TAGBLATT mit.

Info Für den vorliegenden Bericht hat das TAGBLATT mit sechs Teilnehmern des Abends gesprochen. Nicht alle wollten ihre Namen nennen. Teils, weil sie nicht mit der AfD oder dem Tenor des Abends in Verbindung gebracht werden wollen. Teils, weil sie Anfeindungen der rechten Szene fürchten. Die AfD hat sich auf wiederholte persönliche und schriftliche Anfragen von dieser Woche bislang nicht gemeldet.


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